Am Anfang war ich nur der Bursche

UNTER VIER AUGEN: Markus Eisel traf in Herrsching Fußballtrainer Klaus Augenthaler und sprach mit ihm über Karriere, Veränderungen im Fußball und den 1. FCK

Klaus Augenthaler in seinen frühen Profijahren (Foto: gettyimages.de/Bongarts)

In der Welt des Fußballs kennt man ihn als „Auge“. Mit nationalen und internationalen Erfolgen, wurde der Ex-Profispieler Klaus Augenthaler weltbekannt. Markus Eisel traf sich mit dem Fußballtrainer zum Gespräch in Herrsching.

Sie haben ein neues Lebensalter erreicht. Haben Sie für sich Ihre Trainerkarriere beendet?

Klaus Augenthaler: Ich habe schon mit mehreren Leuten darüber gesprochen. Ich glaube, wenn man mal in diesem Karussell drin war, dann kommt man davon auch nie ganz weg.

Bekommen Sie noch Anfragen für Stellen als Trainer?

Klaus Augenthaler: Ich schiebe das nicht an. Aber wenn eine Anfrage kommen sollte, würde ich mir das mit Sicherheit anhören.

Einst Weltmeister, erzählt Klaus Augenthaler aus aktiven Fußballzeiten. (Foto: privat)

In den 70er Jahren sind Sie zu Bayern gekommen, Sie beschäftigen sich also schon Ihr ganzes Leben mit Fußball.

Klaus Augenthaler: Das stimmt. Ich bin jetzt auch wieder zurück bei Bayern – zweimal im Monat bei Bayern TV. Seit 1. Juli bin ich auch wieder im Trainergeschäft und kümmere mich um die Jugendtrainerausbildung im Ausland. Ich fliege dafür auch nach China und in die USA.

Hat sich in den letzten Jahren im Fußball viel verändert?

Klaus Augenthaler: Absolut! Ich war vor ein paar Tagen in Berlin, da wurde ein neuer Film vom FC Bayern vorgestellt „Das Mia san mia Phänomen“. Darin geht es um die Globalisierung und Inflationierung. Bei der Vorstellung war ein Fan aus Brasilien, einer aus Nazareth und einer aus New York dabei. Im Film sieht man Ausschnitte von Fußballspielen vom FC Bayern in Nazareth, Rio De Janeiro oder auch in New York. Da sind überall Leute im Stadion mit Bayern-Trikots. Der Verein hat mittlerweile 300.000 Mitglieder im Gegensatz zu Real Madrid, die nur gute 100.000 Mitglieder haben. Was der FC Bayern im Ausland bewegt, ist sensationell.

Lebt man als Fußballer in seiner eigenen Welt?

Klaus Augenthaler: Ja, das war schon zu meiner Zeit so und ist heute durch die Digitalisierung und durch die ganzen Medien noch schlimmer. Heute kann keiner mehr irgendwo hingehen, ohne dass sofort einer mit dem Handy aufkreuzt. Da waren wir in unserer Zeit noch geschützter.

Markus Wasmeier hat einmal erzählt, dass er froh ist, dass seine aktive Karriere vor 20 Jahren stattgefunden hat und nicht heute.

Klaus Augenthaler: Ich denke auch heute gar nicht mehr dran, Spieler zu sein. Bis vor ein paar Jahren war ich noch Trainer, da wird man genauso durchleuchtet. Wenn man in der heutigen Zeit Spieler ist, lebt man automatisch mit dieser digitalen Zeit.

Wie war es damals für Sie, zu Bayern München zu kommen? Unter all diesen Weltstars und Weltmeistern?

Klaus Augenthaler: Das Ganze war für mich unvorstellbar. Ich hatte diese Spieler, wie zum Beispiel Sepp Maier oder Franz Beckenbauer, selbst nur aus dem Fernsehen gekannt. Dann war ich 1974 als Zuschauer bei einem Spiel in Belgien und ein Jahr später war ich selbst Spieler bei Bayern München. Das war eine große Sache für mich, mit diesen Leuten auf dem Platz zu stehen.

Haben Sie sich gleich geduzt oder waren Sie am Anfang noch unsicher?

Klaus Augenthaler: Spieler wie Beckenbauer und Müller, die habe ich am Anfang gar nicht angesprochen. Wenn sie mich angesprochen haben, dann immer mit „Junge“ oder „Bursche“.

Dennoch sind Sie schnell in die Mannschaft vom FC Bayern reingewachsen.

Klaus Augenthaler: Nach dem Trainerwechsel von Dettmar Cramer mit Gyula Lóránt wurde ich als Abwehrspieler ins kalte Wasser geschmissen. Bei Dettmar Cramer hatte ich schon im Mittelfeld gespielt, obwohl ich Stürmer war als ich zum FC Bayern kam. Ursprünglich war ich als Nachfolger von Gerd Müller angedacht. In meiner Jugendmannschaft habe ich als Stürmer immer die meisten Tore gemacht.

Fußballtrainer Klaus Augenthaler, Verlagsleiter Markus Eisel (rechts) und Verkaufsleitung Markus Griesch (links) bei einem Zusammentreffen in Herrschen. (Foto: privat)

Warum kam es in Ihrer Karriere nur zu so wenigen Länderspielen?

Klaus Augenthaler: Es gab damals einen großen Konkurrenzkampf, speziell im Mittelfeld. In meinem ersten Länderspiel gegen Spanien war ich angeschlagen, dann kamen zwei Spieler aus der Olympia-Nationalmannschaft nach, die auch eingewechselt wurden. Danach kam mein Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Nach so einem Vorfall wollte ich mich auf den FC Bayern München konzentrieren. 1989 kam ich dann unter Franz Beckenbauer wieder zurück.

Haben Sie noch heute eine Verbindung zu den Mitspielern mit denen Sie damals Weltmeister geworden sind?

Klaus Augenthaler: Vor zwei Jahren hat sich der Titelgewinn zum 25. Mal gejährt. Zu diesem Anlass haben wir uns alle wieder getroffen. Das hat sich angefühlt, als würden wir noch einmal starten. Vor ein paar Monaten waren wir für ein Rematch in Mexico-City, da waren auch alte Weggefährten dabei. Es war eine schöne Woche, in der man wieder in alten Erinnerungen geschwelgt ist.

Sie hatten auf dem Platz auch die ein oder andere Begegnung mit Mitspielern, mit denen Sie auch Weltmeister geworden sind, die vielleicht nicht immer so optimal waren.

Klaus Augenthaler: Ich hatte nie Probleme mit meinen Mitspielern. Der Völler-Ball 1986 war unglücklich, ich war einfach zu spät dran. Das Dramatische daran ist, dass Rudi Völler bis zum Rückspiel ausgefallen ist. Aber wir waren öfters zusammen im Winterurlaub und auch 1986 waren wir im gemeinsamen Urlaub und haben uns ausgesprochen. Wir verstehen uns auch heute noch.

Sie wirken sehr bodenständig. Als sie aufgehört haben, sind Sie da erst einmal in ein Loch gefallen? Hat Ihnen etwas gefehlt?

Klaus Augenthaler: Eigentlich nicht. Weil es bei mir durch die Arbeit als Co-Trainer einen reibungslosen Übergang gab. Ich hatte keine Zeit, um zu trauern. Ich habe gleich meinen Trainerschein gemacht und dann als Co-Trainer gearbeitet. Speziell in der Vorbereitung, wenn es Freundschaftsspiele gab, habe ich auch immer mal wieder unter Erich Ribbeck gespielt, um die anderen Spieler zu schonen. Da war ich 34 Jahre alt und noch fit.

Haben Sie zum richtigen Zeitpunkt aufgehört?

Klaus Augenthaler: Im Nachhinein glaube ich schon. Franz Beckenbauer hat mir immer gesagt „spielt so lange es geht“, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich war damals noch fit, aber habe das für mich entschieden.

Nimmt man als Spieler die Missstände im Verein wahr?

Klaus Augenthaler: Ja, man wird vom Trainer einbezogen und in Entscheidungen involviert. Wir sind immer offen und ehrlich miteinander umgegangen und das habe ich auch in meiner Zeit als Trainer weitergegeben.

Die Entscheidung von Bayern München, jetzt wieder Jupp Heynckes zu holen, war aber eine Clevere.

Klaus Augenthaler: Ja, Jupp Heynckes ist für diese Situation genau der richtige Mann. Das zeigen auch die Ergebnisse.

Sie waren lange selbst Profispieler und auch Trainer. Fällt es Ihnen heute schwer, mit jungen Spielern umzugehen?

Klaus Augenthaler: Nein, die Arbeit mit jungen Leuten hat mir schon immer großen Spaß gemacht. Es gibt so viele verschiedene Spielercharaktere und Spieler aus unterschiedlichen Ländern mit verschiedenen Dialekten, man muss auf sie eingehen und das ist es auch, was Spaß macht: das Team zusammen zu bringen und zu formen. Ich wurde damals zum Beispiel nach Leverkusen geholt, um das Team – die Menschen – wieder zusammen zu bringen. Die Mannschaft war total verunsichert, obwohl sie im Jahr vorher im Champions League Finale gegen Madrid gespielt hat.

Würden Sie mir zustimmen, dass vom Fußball, den wir von früher kennen, nicht mehr viel übrig geblieben ist und dass daraus ein großes Geschäft entstanden ist?

Klaus Augenthaler: Auf jeden Fall. Früher musste man sich noch selbst um seine Angelegenheiten kümmern, Verträge für Spieler aufsetzen usw. Der erste Spieler, der einen Berater hatte war Lothar Matthäus. Mittlerweile werden nur in Deutschland für die erste Liga 170 Millionen Euro an Beratergebühren bezahlt – von den Vereinen. Viele Vereine wirtschaften heute eher wie große Firmen.

Könnten Sie als Trainer nicht nach Kaiserslautern kommen? Wurden Sie für den 1. FCK schon einmal als Trainer angefragt?

Klaus Augenthaler: Ich wurde für den FCK einmal angefragt. Da war ich gerade mit dem Trainerschein fertig und Fritz Walter hat mich angerufen. Das war eine große Ehre für mich, aber ich habe einfach noch Zeit gebraucht. Ich habe zu diesem Zeitpunkt die Seiten gewechselt, vom Profispieler zum Trainer und fühlte mich deshalb als Lehrling. (eis)

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