Wie hast du dich auf die Rolle der Ella Schön vorbereitet?

Annette Frier: In solch einem Fall ist die Vorbereitung enorm wichtig. Und das habe ich mir zu Herzen genommen. Ich habe mich mit wahnsinnig vielen Leuten auseinandergesetzt, die betroffen sind: Videos geschaut, Unterhaltungen geführt. Das hat mich erst mal erschrocken – das gebe ich zu – weil es so viel war! Denn beim Thema Asperger ist es wie bei vielen Krankheiten, es gibt die unterschiedlichsten Ausprägungen. Manche haben Inselbegabungen, andere sprechen unheimlich schnell, wieder andere verhalten sich komplett emotionslos wie ein Roboter. Für meine Rolle hat das bedeutet: Ich konnte mir aus diesen vielen Facetten die aussuchen, die gut mit der Rolle funktionieren. Diese Freiheit habe ich mir genommen. Und natürlich habe ich das Ganze auch unter einem komödiantischen Aspekt betrachtet. Und so hat das dann auch richtig Spaß gemacht, mich mit diesem Thema zu befassen.

Welche Art von Rückmeldungen gab es nach der Ausstrahlung der ersten beiden Filme?

Annette Frier: Es gab wirklich sehr, sehr viele Rückmeldungen und das ist wirklich großartig. Klar, ich kann euch hier jetzt alles erzählen, aber ich bin wirklich stolz. Wir haben sogar zwei oder drei lange Briefe von Menschen bekommen, die – bis sie die Filme gesehen hatten – nicht wussten, dass ihr jeweiliger Partner an Asperger leidet. Eine Frau hat es so geschildert: Sie saßen zusammen vorm Fernseher und haben realisiert, dass Ella Schön sich genau wie der Ehemann verhält! Der hat das erst mal nicht wahr haben wollen und abgewehrt, kam aber zwei, drei Wochen später auf seine Frau zu und ist seitdem in Behandlung. Solch eine Geschichte ist natürlich die Ausnahme, aber es war nicht die einzige! Und das ist doch was wirklich Schönes, weil ich durch meine Rolle als Ella Schön Menschen helfen konnte. Logischerweise kamen aber auch kritische Reaktionen, solch eine Darstellung polarisiert natürlich immer. Ich kann als Schauspielerin ja auch nicht alle Facetten der Krankheit bedienen. Aber das allermeiste Feedback war positiv und für mich wirklich überwältigend.

Wie hast du im ersten Moment reagiert, als du diese Rolle angeboten bekommen hast?

Annette Frier: Ich hatte sofort Bock auf dieses Projekt! Die Persönlichkeit Ella Schön ist unheimlich faszinierend und viele Teilaspekte ihres Charakters schlummern ja auch in einem selbst. Wer kennt das nicht, dass er Tage hat, an denen er null Bock auf Menschen hat? Oder dass man in Situationen steckt, in denen man sich total fremd und fehl am Platz vorkommt? Solche Gefühle kennt ja jeder Mensch! Ich auch, obwohl ich mich als offen und kommunikativ bezeichnen würde.

War es schauspielerisch eine größere Herausforderung als andere Rollen?

Annette Frier: Absolut! Ich hätte ehrlich gesagt erwartet, dass es mir jetzt bei Folge drei und vier leichter fällt – aber ich habe wieder eine ganze Woche gebraucht, bis ich richtig in der Rolle war. Ich muss meine Synapsen komplett neu verknüpfen! Ich vergleiche das gerne mit einer sportlichen Übung: Man trainiert immer wieder die gleichen Bewegungsabläufe, so lange, bis man nicht mehr darüber nachdenken muss.

Worauf kommt es beim Spielen dieser Rolle denn an? Wie muss man sich das vorstellen?

Annette Frier: Man muss sich selbst ganz andere Fragen stellen und ganz andere Automatismen entwickeln als man es gewohnt ist. Jetzt gerade zum Beispiel würde sich Ella Schön fragen: Ist mir das zu nah, so wie wir hier sitzen? Sind hier zu viele Menschen im Raum? Sie würde jeden Augenkontakt vermeiden, eine verkrampfte Haltung annehmen und jede gestellte Frage auf die Wortwahl überprüfen. Ella Schön ist eigentlich immer in einem Zustand der totalen Reizüberflutung. Dieses Gefühl muss ich beim Spielen in mir hervorrufen. Und das ist kein intellektueller Vorgang, sondern ein komplett sinnlicher.

Annette Frier (rechts) im Gespräch mit Redakteurin Anne Herder. (Foto: eis)

Du hast in deiner Karriere schon viele Stationen hinter dir, Theater, Film, Comedy – welche Station ist für dich persönlich die Bedeutendste?

Annette Frier: Mein Sechser im Lotto war auf jeden Fall „Danni Lowinski“, ganz klar. Durch diese Rolle habe ich mir die Freiheit erarbeitet, die ich mir von Anfang an für meinen Beruf gewünscht habe. Seitdem ist klar, dass ich eine Schauspielerin bin und keine verkleidete Kabarettistin! Nichts gegen Kabarett – um Himmels Willen! – aber es ist halt nicht mein Beruf! Und letztendlich auch nicht meine Kompetenz. Es gab aber Zeiten, in denen ich das Gefühl hatte, ich müsste diese Wahrnehmung gerade rücken. Inzwischen habe ich dieses Bedürfnis aber überhaupt nicht mehr – und das habe ich sicher zu einem großen Teil der Lowinski zu verdanken!

Wie bist du damals denn zu dieser Serie gekommen? Stand die Rolle schon oder hast du sie mitentwickelt?

Annette Frier: Das werde ich oft gefragt, das ist lustig. Anscheinend wirkt es ja, wie speziell für mich geschrieben. Aber die Rolle gab es schon, vier Folgen waren schon komplett geschrieben als ich zum Casting eingeladen wurde. Trotzdem wusste ich auch sofort, dass das meine Rolle ist!

Die Schauspielerei liegt ja in der Familie, deine Schwester ist auch sehr erfolgreich …

Annette Frier: … mein Schwager ist auch Schauspieler!

… das auch noch! Ist das nicht anstrengend bei Familienfesten?

Annette Frier: Doch, sehr! (lacht) Wir unterhalten uns dann auch stundenlang über Filme, sogenannte Spielvorgänge, na ja, ein bisschen Fach- und monothematisch halt. Schlimm! Wir werden dann irgendwann vom Rest der Familie gezwungen, uns auch mal anderen Themen zu widmen. Aber meistens ist es ganz lustig und auch ein bisschen kurios: Eigentlich komme ich aus sehr bürgerlichen Verhältnissen – mein Vater ist Anwalt, meine Mutter Lehrerin! Dass wir jetzt plötzlich so eine große Schauspieler-Familie geworden sind, ist eigentlich ziemlich überraschend!

Wurdet ihr denn dann von Anfang an bedingungslos unterstützt?

Annette Frier: Ja! Absolut. Es kam ja jetzt auch nicht komplett aus dem nichts, ein bisschen Irrsinn gab es schon immer in der Familie! Und auch der Hang zum Musischen war auch schon in anderen Generationen vorhanden. Meine Mutter wollte beispielsweise selbst auch einmal eine Ausbildung an der Schauspielschule machen, hat sich aber nicht getraut – ich bin froh, dass ich den Mut hatte und dass ich mit meinem Wunsch offene Türen eingerannt habe. Selbst mein eher konservativer Vater hat sich darüber gefreut – auch wenn er es ganz zu Beginn vielleicht nicht ganz ernst genommen hat.

Wenn man dann nach einer gewissen Zeit mit Erfolgen beweisen kann, dass es der richtige Weg ist, hilft das natürlich auch!

Annette Frier: Richtig, das ist natürlich auch schön. Aber das weiß man vorher ja nicht. Es gibt sehr viele Schauspieler, die nicht die großen Erfolge vorweisen können, nicht ständig im Fernsehen zu sehen sind – aber die sind auch glücklich! Trotzdem gibt es in diesem Beruf natürlich immer eine gewisse Unsicherheit – die spüre ich auch.

Hast du für deine Karriere noch bestimmte Träume?

Annette Frier: Ich habe lange gesagt, dass ich gerne Mal Lady Macbeth oder Nina aus der „Möwe“ spielen möchte. Ich glaube aber inzwischen, dass ich für beide Rollen zu alt bin! Lady Macbeth ginge vielleicht grad noch … aber über Nina brauchen wir nicht mehr sprechen. Es ist unglaublich. Das zu realisieren, hat mich selbst auch ganz schon getroffen. (lacht) Ein heikles Thema also! Nein, aber im Ernst: Ich habe keinen konkreten Traum. Ich finde es großartig, dass ich die Freiheit habe, zwischen unterschiedlichsten Rollen – am Theater, im Film, in Comedyserien – zu wählen! Ich kann es mir leisten, ein halbes Jahr lang „Quatsch“ zu machen und danach zwei Dramen oder Krimis am Theater zu spielen.

Aber das bedeutet natürlich auch eine Menge Arbeit!

Annette Frier: Ja, ich muss immer aufpassen, dass ich zuhause nicht gesiezt werde! (lacht) Nein, ich schaue schon, dass ich immer eins nach dem anderen mache und auch genug Zeit für die Familie bleibt!

Deine Zwillinge sind jetzt zehn Jahre alt – wie ist das Feedback von ihnen zu deiner Arbeit?

Annette Frier: Die finden mich natürlich ganz toll! Logisch! (lacht) Ich habe mit meinen Kindern zum Beispiel die „Ella Schön“-Filme schon alle geschaut – das wird dann durchaus fleißig kommentiert. Und das freut mich dann natürlich.

Gibt es schon Anzeichen, dass sie eventuell auch in deine Fußstapfen treten möchten?

Annette Frier: Das ist noch zu früh, glaube ich! Da warten wir noch ein bisschen ab. Ich halte sie ja auch bewusst aus meinem öffentlichen Leben raus. Der O-Ton meines Sohnes zu dem Thema war dann allerdings: „Mama, aber ich will meine Privat-Atmosphäre aber doch gar nicht!“ Er wäre sehr gerne mit aufs Foto gekommen. (hea)

Durch das Asperger-Syndrom hat Ella Schön (Annette Frier) einen extrem ausgeprägten Ordnungssinn. (Foto: ZDF/Marc Vorwerk)
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