Bilder wie aus einem Märchen

Näher betrachtet: Matthias Göhr berührt mit seiner Malerei die Seele

Das Kunsthandwerk hat Matthias Göhr von seinem Großvater erlernt. (Foto: csch)

Landau. Entschieden und konsequent lebt der Landauer Maler Matthias Göhr allein für seine Kunst. Seit über 25 Jahren ist er freiberuflicher Künstler und erschafft Ölgemälde von eigenartig intensiver Präsenz. Auf einem Gemälde ist ein freundlich dreinblickender Junge mit einem gelbgefiederten Vogel auf der Schulter abgebildet, auf einem anderen bilden Menschen- und Tierköpfe eine festverbundene Ganzheit. Göhr malt vornehmlich Tier- und Menschenfiguren vor tief dunklem Grund, oftmals in dieser harmonischen Einheit miteinander verbunden.

1968 in Landau geboren, erlernte der Künstler sein Handwerk bei seinem Großvater. Der war neben seinem Arbeiterberuf Landschaftsmaler und zeigte dem Jungen am häuslichen Küchentisch, wie man mit Aquarellfarbe und Bleistift umgeht. Später unterrichtete sich Göhr selbst weiter. „Als junger Maler habe ich in der Karlsruher Kunsthalle zur Übung die alten Meister kopiert“, erzählt er. Doch schon recht bald fand er zu seinem unverwechselbaren Stil, den er bis heute beibehalten hat. „Ich erschaffe mir mit meiner Malerei eine ganz eigene kleine Welt mit zauberhaften Figuren, Geheimnissen und einer gewissen Melancholie“, sagt er.

Unter seiner Hand entstehen dann oft skurrile Szenen von heiterer Gelassenheit und spielerischer Naivität. Spontan fügt er hinzu: „Ich weiß manchmal selber nicht, was ich male. “

Doch er ist fest in seiner Haltung. Genauso wie seine Figuren, wenn sie den Betrachter mit dunklen Augen anblicken, arglos, freundlich und doch seltsam eindringlich – rätselhaft tiefe Blicke von Wesen aus einer anderen Welt.

„Ich komme mit Tieren besser klar als mit Menschen“, sagt der Künstler und erzählt: „ Als Kind war ich viel allein im Wald gewesen. Ich kenne fast jeden Vogel.“  Es ist ihm wie selbstverständlich, dass er einen Hund hat. Er pflegt auch verletzte Wildtiere, um sie dann wieder frei zu lassen.

Vielleicht erscheinen deshalb die Tiere in seinen Bildwelten so menschlich – zum Beispiel wenn ein großformatig abgebildeter Esel vor dunklem Grund wie zu einem Portrait posiert. Diese Bilder erzählen keine Fabeln, keine fantastischen Geschichten  und sind auch keine Kinderbuch-Illustrationen. Göhrs Tiere scheinen eher wie aus einem real gewordenen Märchen entsprungen. Sie sind so gemeint, wie sie gemalt sind und sprechen gerade dadurch direkt zur Seele.

Ebenso märchenhaft wirken die Menschenfiguren. Sie sind typenhaft, stehen für das Menschliche überhaupt, so wie der Esel, der Hase oder der Fisch jeweils für ihre Gattung stehen. Göhrs Menschen wirken wie Kinder, so wie die Tiere als einfache und freundlich-herzliche Wesen dargestellt sind.

Göhrs Malstil entspricht diesen Figuren. Er  schwebt zwischen Raffinesse und kindlicher Direktheit. Auch das grobe, naturbelassene Jutegewebe passt dazu.  Es ist rau, wirkt natürlich und unverfälscht.

Es ist Alla-Prima-Malerei ohne Lasuren, bei der das Bild spontan und zügig vollendet werden kann. Fein abgestimmte Farbtöne mit flottem Pinselstrich aufgetragen wechseln mit pastosem Farbauftrag, so dass die Wesen teils reliefartig hervortreten. Göhr hat eine klar umgrenzte Palette von sechs Farben, aus denen er sich seine Töne mischt. Besonders eindrücklich sind das satte Orange und das tiefe Gelb, die auf den schwarzen Bildgründen in starkem Hell-Dunkel-Kontrast leuchtend hervortreten. Die Figuren sind oft verzerrt, die Körper verkürzt – Verfremdungseffekte, die das Traumhaft-Irreale und das kindlich Anmutende verstärken.

Charakteristisch für Göhrs Kunst ist ein großformatiges Gemälde von 2016 mit dem Titel „Von einem, der auszog“. Es erzählt von der Zwischenwelt, in der sich der Großvater des Künstlers befand, als er in den Krieg ziehen musste. Zwischen der farbigen Welt der Vertrautheit mit den Tieren und Menschen und der grauen Welt des Krieges blickt er in für Göhrs Kunst typischer Art geradeaus direkt zum Betrachter. Die graue Fläche neben ihm erscheint dabei leer und ereignislos, wie ein Nichts, für das es keine Bilder gibt.

In unzähligen Ausstellungen u. a. in Landau, Karlsruhe, Berlin bis nach Ascona hat er seine Kunst bereits gezeigt. Aktuell findet eine Ausstellung im Landauer Haus des Sehens statt. Danach folgt eine umfangreiche Präsentation im SWR-Studio Trier. Jederzeit ist es aber auch möglich, die Werke nach Absprache im lichtdurchfluteten Atelier im Hinterhof im Nordring 30 zu bewundern. (csch)