„Das Dirigieren ist eine meiner Berufungen“

Stefan Grefig ist u. a. Chefdirigent des Landespolizeiorchesters Rheinland-Pfalz. Mit dem PFALZ-ECHO spricht er über seine ersten Erfahrungen mit der Musik und die Faszination seines Berufs

Stefan Gräfig ist im November gleich mehrfach in der Südpfalz zu sehen. (Foto: Polizei RLP)

Sie haben nach der Schule ein Kapellmeisterstudium absolviert – wie kommt man auf so eine Idee?

Stefan Grefig: Ich habe mit 14 Jahren zuhause in meinem Zimmer angefangen zu dirigieren. Ich habe mir eine Stricknadel von meiner Mutter ausgeliehen, einen Sektkorken draufgesteckt und mit der Wand dirigiert und geprobt, als stünde vor mir ein Orchester. Im Hintergrund lief eine Kassette. Da hatte ich meinen ersten Schritt in die Welt des Dirigierens. Mit zehn Jahren habe ich angefangen beim Musikverein Hördt zu lernen. Es kam, wie es kommen musste: Es wurde das Kreisjugendorchester Germersheim gegründet – da müsste ich 15 Jahre alt gewesen sein. An diesem Wochenende musste jeder mal nach vorne und dirigieren, auch ich. Und als der Jugenddirigent meines Heimatorchesters mich in Aktion sah kam er zu mir und sagte: Du musst dirigieren! Und so wuchs ich hinein ins Jugendorchester Dirigieren meines Heimatvereins.

Glauben Sie, dass Sie für die Musik und das Dirigieren geboren sind?

Stefan Grefig: Dieses Thema bewegt mich stark. Es gibt mit Sicherheit für jeden Menschen auf dieser Welt eine Berufung. Eine meiner Berufungen ist das Dirigieren!

Sie sind u. a. Chefdirigent des Landespolizeiorchesters RLP, auch des Landesjugendblasorchesters, dann stehen Sie auch noch bei der Rheinhessischen Bläserphilharmonie vorne, zudem sind Sie als Dozent tätig…

Stefan Grefig: Genau, an der Musikhochschule in Mainz für Dirigieren und Ensembleleitung.

Das sind viele und umfangreiche Aufgaben. Wie bekommen Sie diese Tätigkeiten alle unter einen Hut?

Stefan Grefig: Indem ich eine Familie habe, die sehr tolerant ist (lacht). Das sind alles Herzensangelegenheiten. Ich brauche unterschiedliche Tätigkeitsfelder, um für mich selbst frisch zu bleiben und um neue Impulse zu bekommen und zu kreieren. Und jedes Orchester und jede Tätigkeit hat sein spezielles Energiefeld, in dem ich wirken darf.

Sie haben von Ihrer Dirigier-Erfahrung in Ihren Jugendjahren erzählt – was war Ihre erste Erfahrung vor einem ganzen sinfonischen Orchester?

Stefan Grefig: Da wächst man hinein. Es gibt nicht den ersten Moment, es kommt eher step-by-step. Mein Eintritt in das höhere Level war sicher das Freiburger Blasorchester, wo ich als ganz junger Mann meine erste Position bekam in einem Höchststufenorchester – also die höchste Kategorie, die es im Amateurblasorchesterwesen gibt. Das war mein Eintritt in die höhere und größere musikalische Welt. Zu diesem Zeitpunkt habe ich noch in Holland studiert, in Maastricht. Da durfte ich mich ganz wunderbar ausprobieren und ich war zehn Jahre lang Chef des FBO, bis ich 2014 die Stelle als Chef des Landespolizeiorchesters bekam. Das war meine erste Chefdirigentenposition bei einem professionellen Orchester.

Welche Gedanken oder Bilder gehen einem durch den Kopf, wenn man vor einem sinfonischen Blasorchester steht?

Stefan Grefig: Im Optimalfall herrschen gar keine Gedanken und Bilder mehr. Wenn es sehr gut läuft, wirkt einfach nur noch die Musik. Das kann man sich so vorstellen: Ich studiere die Partitur, ich esse sie (lacht), verdaue sie, lasse sie liegen und gebe mein Verständnis dieser an das Orchester und somit an das Publikum weiter.

Kriegen Sie während des Dirigierens auch etwas von dem Publikum mit – abgesehen von dem Applaus am Ende?

Stefan Grefig: Sicher. Die Dirigenten wirken nach vorne zu dem Orchester, das Orchester wirkt dann mit der Musik zum Publikum– aber auch ich bin, wie ein Schauspieler, mit den Synapsen vom Rücken mit dem Publikum verbunden. Ganz bedeutend wird das dann kurz vor dem Ende eines ruhigen Stücks, wenn man noch keinen Applaus haben, die Ruhe noch etwas weitertransportieren und das Werk noch etwas wirken lassen möchte. In solchen Momenten ist man schon aktiv mit dem Publikum im energetischen Kontakt.

Was fasziniert Sie am Dirigieren?

Stefan Grefig: Die vielfältigen Tätigkeiten eines Dirigenten. Das ist natürlich die Literatur, die man dirigiert, das Erproben, den Umgang mit Menschen und dann letztendlich das Wirken von Musik auf das Publikum.

Ich stelle mal eine Behauptung in den Raum: Man braucht viel Selbstbewusstsein, wenn man Dirigent ist, sehen Sie das genauso?

Stefan Grefig: Ich glaube, Selbstbewusstsein fängt da an, dass man sich seiner Selbst erst einmal bewusst wird – also wer bin ich. Selbstbewusstsein in der heutigen Welt ist ja mehr so ein bisschen Richtung Ego – also man muss ein starkes Ego haben. Man muss sich seiner Selbst bewusst sein, mit seinen Stärken und seinen Schwächen und da sollte man weder seine Schwächen überspielen noch seine Stärken überspitzen. Man sollte einfach jeden Moment offen sein für das, was gegeben ist und für sich selbst authentisch bleiben. Denn das lieben letztendlich alle Orchester. Sie wollen den Maestro, so wie er wirklich ist – nicht gespielt, nicht egozentrisch – und das ist Selbstbewusstsein.

Und das war bei Ihnen gegeben?

Stefan Grefig: Das ist ein Prozess, der nicht gegeben ist, sondern mit dem man tagtäglich umgeht – so ist das zumindest bei mir. Man kann nicht sagen: Ich bin selbstbewusst und war es schon immer. In meinen jungen Jahren habe ich mich selbstbewusst vor ein Orchester gestellt und vor Hunderten von Menschen dirigiert. Das war kein Selbstbewusstsein, sondern ich habe es mir zugetraut. Das Selbstbewusstsein wächst mit dem Alter.

Sie kommen ja gebürtig aus der Pfalz. Würden Sie sagen, dass Sie ein waschechter Pfälzer sind?

Stefan Grefig: Puh, definieren Sie mal waschechter Pfälzer (lacht). Sicher ist man von seiner Heimat geprägt, von seinem Umfeld, der Familie und der Umgebung. Ich kann schon sagen, dass mir in meinen jungen Jahren mein Umfeld, in dem ich lebte, zu klein und zu eng war. Deshalb ging ich raus und habe in Frankfurt Trompete und Musikpädagogik studiert, zeitgleich auch in Maastricht. Ich ging so in die Welt hinaus, bemerke aber immer, wenn ich zurück in Rheinland-Pfalz bin, dass man schon irgendwie eins ist. Wenn ich Menschen kennenlerne, die aus der Pfalz kommen, entstehen ganz schnell Verbindungen.

Ist die Pfalz musikalisch?

Stefan Grefig: Ich bin überzeugt davon, dass alle Menschen irgendwo eine musikalische Ader haben. Menschen, die behaupten, Sie wären nicht musikalisch, frage ich immer, ob sie gerne Musik hören und sie empfinden. Wird dies bejaht, antworte ich: Dann sind Sie musikalisch. Denn Musikalität bedeutet nicht, dass man Noten lesen oder ein Instrument spielen kann.

Viele Menschen schalten von Ihrem Alltag ab, indem sie Musik hören. Wie schalten Sie denn ab?

Stefan Grefig: Ich tue genau das Gegenteil (lacht). Ich höre dann einfach nichts. Da gibt es eine kleine Geschichte dazu. Es ist ja in der heutigen Welt so, dass wenn man vom Büro nach Hause geht, als erstes einen Knopf anmacht, eine Beschallung. Ich bemerkte das im Studium. Als ich mal zu meiner Klavierlehrerin nach Hause kam, herrschte absolute Stille. Es war keine Musik an. Und seit diesem Tag hatte ich nach getaner Arbeit keine Musik mehr an. Ich brauche meine Ruhe. Wir hören viel Musik von außen, wenn wir proben oder Werke anhören. Wir Dirigenten hören aber auch viel Musik, wenn wir Partituren lesen – das hören wir ja dann, wenn auch nicht laut. Man ist ständig mit Klängen umgeben, ob real oder nur in einem drin. Somit genieße ich zum Leidwesen meiner Frau Zuhause die absolute Stille. Sie ist dann ganz froh, wenn ich nicht da bin und sie das Radio etwas aufdrehen kann (lacht). (pdp)

Konzerte des Landespolizeiorchesters

17. Oktober, 19 Uhr, Speyerer Dom (Herbstkonzert des ökum. Polizeiseelsorgebeirates und des Polizeipräsidiums Rheinpfalz).

6. November, 20 Uhr, Stadthalle Germersheim (Benefizkonzert des Freundeskreises Verbandsjugendorchester).

16. November, 20 Uhr, Bienwaldhalle Kandel (Benefizkonzert „Rock trifft Klassik“ mit zahlreichen Musikern aus der Südpfalz)