Es ist mir eine besondere Freude, Sie heute kennenzulernen, weil ich selbst gerne ein Buch schreiben würde. Wie schaffe ich es, endlich damit anzufangen?

Sebastian Fitzek: Ich glaube, man muss das am Anfang nebenbei machen. Das Schwierige beim ersten Buch ist, dass man nicht kontinuierlich arbeiten kann. Mein hoher Output erklärt sich damit, dass ich mittlerweile in der Lage bin, mich nur mit dem Schreiben zu beschäftigen. Wenn man allerdings noch einen Grundberuf hat, ist das nicht möglich. Mir hat am Anfang geholfen, erst einmal ein Exposé zu schreiben, damit ich ungefähr eine Vorstellung oder ein Gerüst von dem Buch hatte. Und auch wenn man mal zwei oder drei Monate Pause mache, kann man sich das Exposé immer wieder hervorholen. Wenn man in den Ferien, am Wochenende, nach Feierabend schreibt oder sich vielleicht auch einmal Urlaub für eine bestimmte Zeit nimmt, gibt das Exposé einem die einzige Möglichkeit, am Ball zu bleiben.

Das erste Buch, das Sie veröffentlicht haben, war, gemeinsam mit Jürgen Udolph, das Sachbuch „Professor Udolphs Buch der Namen“. Haben Sie vor diesem Buch noch andere geschrieben, aber nie veröffentlicht?

Sebastian Fitzek: Ja, mein allererstes Buch ist nie veröffentlicht worden. Es war ein Thriller und hieß „Die Quote“. In diesem ging es um Einschaltquoten, ich habe ja lange Zeit beim Radio gearbeitet. Der Verlag war nicht komplett überzeugt und fragte, ob ich noch eine Idee für ein weiteres Buch hätte. Ich habe mich also hingesetzt und ein zweites Buch geschrieben. Es entstand „Die Therapie“. Der Verlag hatte erst eingeplant, zunächst „Die Quote“ und danach „Die Therapie“ zu veröffentlichen, das war 2006. Da es in „Die Quote“ um Wahlmanipulation ging, wollte der Verlag das Buch 2006, also im Wahljahr, veröffentlichen, auch, um einen PR-Aufhänger zu haben. Dann kam mir aber Gerhard Schröder dazwischen und rief Neuwahlen aus. Dann wurde also schon 2005 gewählt. Da dachten die sich im Verlag, dass sie ja schlecht 2006 ein Buch über Wahlen rausbringen könnten, weil sie dann ja völlig veraltet wären. Deswegen entschieden sie sich, mit dem Buch „Die Therapie“ zu starten. Und so wurde mein zweites Buch als allererstes belletristisches Buch veröffentlicht und das erste Buch „Die Quote“ wurde nie veröffentlicht. 2007 war „Die Quote“ einfach schon veraltet, außerdem hatte ich schon eine andere Idee. Insofern muss man sagen, ich habe meine Erfolge zum Teil auch Gerhard Schröder zu verdanken.

Wenn Sie sich eigentlich schon immer zum Thriller-Genre hingezogen fühlten, wie kam es dann dazu, dass Sie zwischenzeitlich ein Sachbuch veröffentlichten, das sogar auf der Beststellerliste landete?

Sebastian Fitzek: Es war so: 2002 gab es die ersten Gespräche mit dem Verlag, erst 2004 hatte er sich für mich entscheiden und es kam zur Vertragsschließung. Einen Stichtag für die erste Veröffentlichung gab es aber noch nicht. In der Zwischenzeit habe ich Professor Udolph kennengelernt und war gleich fasziniert von seiner Namensforschung. Ich war es auch, der ihm riet, darüber ein Buch zu schreiben. Er schlug dann vor, diese Buch gemeinsam zu schreiben. Aus dieser Bierlaune heraus kam ein gemeinsames Projekt zustande. Und das hat sich schneller realisiert als alles andere. Und ich hatte wirklich große Angst als der Namensonkel abgestempelt zu werden, als es auf Platz 13 der Bestsellerliste einstieg. Es war ein schönes Projekt und es hat Spaß gemacht, aber es war nicht das Buch, mit dem ich zuerst auf der Bestsellerliste stehen wollte. Glücklicherweise durfte ich weiter Thriller schreiben und glücklicherweise wollte die dann auch jemand lesen (lacht).

Am Anfang war also immer der Thriller…

Sebastian Fitzek: Immer. Selbst wenn ich manchmal denke, ich könnte auch mal was Lustiges schreiben, merke ich nach zwei bis drei Kapiteln, dass ich doch wieder beim Thriller lande. Komödie und Thriller hängen dicht beieinander. Beides hat viel mit Timing zu tun. Beide Genres leben von einer Wendung, mit der der Leser nicht rechnet. Beide sind sehr schwer umzusetzende Genres, im Buch, wie im Film. Wenn jemandem etwas Skurriles widerfährt, könnte das der Beginn einer Komödie sein, aber einen auch zu den Abgründen der Seele führen. Wahrscheinlich bin ich schon als Kind und Teenager konditioniert worden. Ich habe viel zu früh Filme gesehen wie „Klapperschlange“ oder „Escape from New York“, ein Film der mich maßgeblich beeinflusst hat, oder „Schweigen der Lämmer“. Auch Steven King hatte Wirkung auf mich. Ich mochte den Grusel.

Die Vorliebe für die Abgründe der Seele, wie Sie es beschreiben, waren seit der Kindheit bei Ihnen vorhanden?

Sebastian Fitzek: Ja und nein. Meine Urangst geht auf „Aktenzeichen XY“ zurück – das habe ich viel zu früh gesehen. Ich glaube sogar, dass Aktenzeichen XY ganze Generationen traumatisiert hat – dieser reale Grusel, der auf einmal im Wohnzimmer war. Ich habe viele Jahre lang mit der Angst gelebt, entführt zu werden. Ich bin ein Mensch, der sich seinen Ängsten im fiktionalen Bereich stellt und viel liest. Andere verdrängen lieber. Ich versuche so, meine Ängste zu bearbeiten. Wahrscheinlich habe ich mich deswegen auch so früh zu Steven King gewendet. Dennoch ist Horror nicht zu dem Genre geworden, in dem ich schreiben würde. Das kann man sich auch nicht aussuchen. Ich kenne keinen Autor, der sich sagt: „Ich muss jetzt einen historischen Roman schreiben“. Das kommt einfach aus einem Menschen heraus, das plant man nicht. Die große Krux kommt beim zweiten Buch. Hier rate ich, sich wieder das Gefühl ins Gedächtnis zu rufen, das man hatte, als man sich zum ersten Mal an den Schreibtisch gesetzt hatte, um ein Buch zu schreiben. Das motiviert einen sehr. Man holt sich sozusagen das tolle Gefühl beim Schreiben und auch bei der Veröffentlichung zurück ins Gedächtnis. Man sollte sich auch nicht darauf versteifen, ein Buch zu schreiben, das von allen gemocht wird, sondern ein Buch, hinter dem man selber stehen kann. Wenn man für etwas kritisiert wird, hinter dem man gar nicht steht, ist es das Schlimmste, was einem Autor passieren kann.

Redakteurin Patrizia Di Paola traf Fitzek vor kurzem in Landau. (Foto: honorarfrei)

Was ist Ihre Hauptintention beim Schreiben?

Sebastian Fitzek: Ich schreibe, um zu unterhalten und eine spannende Geschichte zu erzählen. Das gelingt häufig dann, wenn ich den Leser in eine Welt entführe, die er so noch nicht kennt. Ich kenne sie vorher auch nicht, die Welt erschließt sich einem erst über Recherche. Ich gehe also auf eine Reise. Ein Buch zu lesen, ist wie verreisen. Die Information steht nicht an erster Stelle, sonst würde ich Sachbücher schreiben, aber die Information ist notwendiger Bestandteil, um überhaupt die Spannung aufrechtzuerhalten. Wenn ich mich für die Welt und die Figuren, die in dieser Welt umherreisen, nicht interessiere, dann ist es schwer, den Leser von einem Buch zu überzeugen. Die Bedeutungsebene eines Werkes kann man aber nicht planen. Entweder man trifft einen Nerv mit einem Buch und man schafft es, dass Menschen sich mit einem Thema auseinandersetzen oder eben nicht. Häufig ist es auch so, dass man gar nicht weiß, welche Bedeutung ein Buch für einen Menschen hat. Eine Frau, die normalerweise gar keine Psychothriller liest, hat mir mal einen Leserbrief geschrieben. Sie sagte, sie habe eines meiner Bücher gelesen, weil sie gerade ihren Sohn verloren hatte und sie das Buch in eine andere Welt transportiert hat. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Wie passt es zusammen, dass Sie auf der einen Seite Psychothriller schreiben, gleichzeitig aber auch ein Kinderbuch mit dem amüsanten Titel „Stinki und Pupsi“ veröffentlicht haben?

Sebastian Fitzek: (lacht). Die tollsten Dinge in meinem Leben sind nicht aufgrund eines minutiösen Plans entstanden. Alles das, was ich in meinem Leben geplant habe, ist gnadenlos gescheitert, zumindest die großen Dinge. Ich wollte Schlagzeuger, Tierarzt, Strafverteidiger, Tennisspieler werden. Es gab viele Berufsträume und ich bin diesen Zielen auch mehr oder minder energisch hinterhergegangen. Dann bin ich beim Radio gelandet, womit ich gar nicht gerechnet hatte und schlussendlich bin ich Autor geworden. Wie es wirklich zu dem Kinderbuch kam, hat sich folgendermaßen ergeben: Ich war auf Rügen und hatte das Vorlesebuch meiner Kinder daheim vergessen. Meine Kinder wussten aber, dass ich mir Geschichten ausdenke und animierten mich dazu, mir etwas für sie zu überlegen. Da konnte ich ja schlecht aus dem Augensammler zitieren (lacht). Meinen Kindern hat die Geschichte von Stinki und Pupsi gefallen und sie wollten, dass ich mehr davon erzähle. Am Anfang war das natürlich noch nicht ausgereift. Aber mit der Zeit entstand die Geschichte des Jungen, der immer pupsen muss, wenn er Angst hat und einem Stinktier, das nicht stinken kann. Dann habe ich auf Wunsch meiner Kinder einen Freund kontaktiert, der Illustrator ist, und ihn gebeten, Zeichnungen von Pupsi und Stinki anzufertigen. Der Verlag war natürlich am Anfang etwas erstaunt…

Ihre Fans wahrscheinlich nicht weniger…

Sebastian Fitzek (lacht): … daraus habe ich einen Trailer gemacht: „Nach der Augensammler und der Seelenbrecher kommt der nächste Schocker – Pupsi und Stinki“. Dennoch: Ich hätte das Buch nicht herausgebracht, wenn mir die Geschichte nicht gefallen hätte. Bisher gibt es aber keine zweite Kindergeschichte…

Das planen Sie ja auch nicht…

Sebastian Fitzek: Meine Leidenschaft liegt natürlich woanders, aber mir hat das Schreiben des Kinderbuches Spaß gemacht. Ich selber reise gerne. Und eine Reise bedeutet für mich nicht nur, dass ich von A nach B fahre, sondern dass ich mir zum Beispiel auch die Welt der Kinderbücher erschließe. Das ist eine ganz andere Welt. Und ich bin froh, dass so viele Kinder noch lesen oder vorgelesen bekommen. Ich dachte immer, dass die sich nur für Apps und E-Books interessieren. Aber gerade die Kleinen wollen etwas in der Hand halten, das ist toll. Insofern war es für mich eine Reise, ein Kinderbuch zu schreiben und zu veröffentlichen.

Ihre Fans können sich also auf den nächsten Psychothriller freuen?

Sebastian Fitzek: Eindeutig. Aber wie gesagt, sollte mich irgendwann einmal der Hafer stechen und ich habe eine Idee für einen Science-Fiction-Western – ich fantasiere jetzt mal – und es lässt mich nicht los, aus irgendeinem Grund, dann würde ich diesen auch schreiben, auch wenn es sämtlichen Marketingregeln widerspricht. Alles entsteht aus der Idee heraus und die Idee bestimmt den Weg, nicht der Autor. Nach spätestens 80 Seiten macht die Figur, was sie will. Wenn sie gut ist, ist sie nicht mehr auf das Reißbrett gezeichnet, sondern sie ist, zumindest gedanklich, aus Fleisch und Blut und eine eigenständige Persönlichkeit und das Exposé verändert sich komplett. Dann muss man auch den Mut haben, sich davon zu lösen.

Ich selber muss zugeben, mich vor der Lektüre von Psychothriller zu fürchten. Das Genre macht mir Angst.

Sebastian Fitzek: Das kann ich auch gut verstehen. Man muss sich entscheiden. Ich gucke mir zum Beispiel keine Videos an, auf denen Tiere gequält werden, auch wenn mit diesen Missstände in der Fleischindustrie aufgedeckt oder Tierversuche angeprangert werden. Das kann ich nicht sehen und ich will mich nicht damit auseinandersetzen. Ich weiß natürlich, dass das Problem noch lange nicht aus der Welt ist, nur weil ich nicht hingucke. Als Familienvater wiederum habe ich natürlich ganz konkrete Ängste und kann mir wahnsinnig viele schlimme Dinge vorstellen, die auf dem Schulweg passieren können. Das könnte ich jetzt auch verdrängen, aber ich beschäftige mich lieber damit, auch mit der Unbeherrschbarkeit des Lebens. Man muss sich mal vorstellen: Man kauft reflektierende Westen für seine Kinder, damit diese im Straßenverkehr gesehen werden und dann hört man in den Nachrichten, dass ein Tanklaster in eine Kita hineingebrettert ist. Damit kann man nicht rechnen. Ich habe gelernt, meine Sorgen und Ängste, die meine Kinder betreffen, nicht zu verarbeiten, aber zu bearbeiten. In der Psychotherapie gibt man Grüblern, also Menschen, die ständig und krankhaft über etwas nachdenken und nicht schlafen können, häufig den Tipp, ihre Gedanken aufzuschreiben. Somit stoppen sie das sich immerzu drehende Gedankenkarussell. Man kann zum Beispiel einen Brief oder eine E-Mail an sich selbst schreiben. Und auf einmal hat man seine Gedanken strukturiert und findet so vielleicht auch einfacher zu einer Lösung. So ähnlich ist es auch bei mir: Ich habe ein Problem, um das ich ständig kreise. Wenn ich dieses dann niedergeschrieben habe, ist es katalogisiert. Ich kann meine Ängste in Form eines Buches ins Regal einordnen. Aber das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Manche lesen nicht, sondern suchen die Nahtoderfahrung in der Achterbahn, andere gehen Bergsteigen – irgendeinen Blitzableiter hat jeder. Der Mensch ist darauf konditioniert, sich mit der Ausnahme auseinanderzusetzen. Das hat uns über Jahrtausende hinweg das Überleben gesichert.

Vorheriger ArtikelEin Zugewinn für die Ortsgemeinde
Nächster ArtikelWie man zu 40 Kilo Äpfeln kommt