Es ist paradox: Die Wirtschaft brummt, die Auftragsbücher der Handwerksbetriebe sind bis auf die letzte Seite gefüllt und dennoch kommt es auf vielen südpfälzischen Baustellen zu Verzögerungen oder gar Stillständen.

Landau

Auf der Baustelle der Berufsbildenden Schule (BBS) Landau, wo zurzeit der gewerbliche Trakt modernisiert wird, herrschte in den Sommermonaten eine fast schon andächtige Stille – eigentlich sollten gerade die Ferien genutzt werden, um im Takt zu hämmern, zu bohren und die Bauarbeiten voranzutreiben. Zu Spitzenzeiten delegiert Klaus Huber, Projektleiter des Städtischen Gebäudemanagements Landau (GML), auf der Baustelle BBS bis zu 100 Mitarbeiter:innen – aktuell sind es maximal 20 Arbeiter:innen. „Wenn ein Schlüsselgewerk nicht funktioniert, weil z. B. Materialien fehlen, können die anderen nicht weiterarbeiten. Ein Gewerk fußt auf dem anderen!“, erklärt Michael Götz, GML-Leiter, die Verzögerungen. „Beton, Stahl, Kabel – alle Materialien sind schwer zu kriegen“, betont auch Landaus Stadt-Beigeordneter Lukas Hartmann. „Wir machen uns Sorgen – und nicht nur um das Projekt BBS!“ An der BBS verzögert sich u. a. die Lieferung von Innentüren; die Sanitärarbeiten mussten bereits mehrfach ausgeschrieben werden. Bei den Heizungsarbeiten ist mit Mehrkosten zu rechnen und neue Bodenbeläge sind noch nicht in Sicht: „Gezwungenermaßen müssen die Schüler:innen bis zu den Herbstferien auf dem Rohboden unterrichtet werden“, schildert Götz die Lage. Dabei sei der Bauzeitplan klar durchgetaktet gewesen, mit den notwendigen Puffern. Diese seien aber aufgrund der zugespitzen bauwirtschaftlichen Situation vollends aufgefressen.

Die Bauverzögerungen und Stillstände sind laut Thomas Weiler, Hauptgeschäftsführer Bauwirtschaft Rheinland-Pfalz, Folgen der marktwirtschaftlichen Gesetze sowie der Corona-Krise. „In anderen Teilen der Welt, die über wichtige Rohstoffe verfügen, ist die Konjuktur früher als bei uns wieder angesprungen. Deutschland und die Bauwirtschaft stehen hier leider am Ende der Nahrungskette. Lieferschwierigkeiten und Bauverzögerungen sind damit nicht zu vermeiden.“

Landaus Oberbürgermeister Thomas Hirsch sieht noch einen anderen Grund für die Verzögerungen : „Auch der Kraftakt im Bereich des Wiederaufbaus im Ahrtal führt dazu, dass sich die Kapazitäten weiter verengen werden“, und stimmt damit die Landauer:innen auf die kommenden schweren Monate ein. „Vieles kann erstmal nicht in der gewohnten Schlagzahl der letzten Jahre in die Umsetzung gehen.“ Hinzu müsste man sich auf steigende Kosten einstellen: „Das betrifft nicht nur den Rohbau, sondern auch den Umbau, den Straßenbau oder auch den Kanalbau. Landau ist in vielen Projekten sehr weit, da kann man auch mal einen Gang runterschalten – was auch aus Solidarität notwendig ist – aber die Kostenproblematik wird zunehmend Probleme bereiten.“ 

Dass es zukünftig noch teurer wird, zu bauen oder zu sanieren, bestätigt auch Thomas Weiler: „Sind Produkte knapp, werden sie teurer. Die Unternehmen müssen teilweise 100 Prozent mehr Kosten für Materialien aufwenden als noch vor wenigen Monaten. Diese Kosten werden an die Endkunden weitergegeben.“ Laut Weiler lägen z. B. die Preise für Schnittholz statistisch betrachtet mehr als 110 Prozent über dem Vorjahreswert. Nicht anders sehe es bei Betonstahl aus. „Hier liegt die Preissteigerung bei über 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr“, verdeutlicht Weiler und fügt hinzu: „Bei einzelnen Projekten liegen die Abweichungen teilweise noch deutlich über diesen Werten.“

Den Anfang bildete der Holzbereich. Dies lag laut Thomas Weiler daran, dass auch Holz aus Deutschland am Weltmarkt gehandelt wird und besonders stark nachgefragt war. Inzwischen habe sich die Verknappung auf Betonstahl verlagert, das zu 60 Prozent in Asien hergestellt wird.

Auf der Baustelle „BBS Landau“ geht es nicht so schnell voran wie gehofft. Vor allem der Materialmangel und fehlende Handwerker:innen bringen die Bauarbeiten ins Stocken. (Foto: pdp)

Offenbach

Mit einer ähnlichen Problematik wie OB Thomas Hirsch in Landau  beschäftigt sich auch Axel Wassyl, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Offenbach. Dieser kann aktuell zwei Baumaßnahmen benennen, die von den Lieferengpässen betroffen sind: der Neubau des Rathauses sowie die Sanierung und Erweiterung des Foyers der Queichtalhalle. „Beim Rathaus sind wir mit dem Großteil der Gewerke vor der Materialknappheit fertig geworden, Teilbereiche wie Elektro, Trockenbau, Estrich und Lüftungsbau waren allerdings schon betroffen“, berichtet Wassyl. „Das hat die sowieso schon durch die Corona-Pandemie verursachte Bauverzögerung noch verstärkt.“ 

Bei dem Projekt Sporthalle bekam man in Offenbach im Bereich Holzbau direkte Auswirkungen zu spüren. „Zunächst bekamen wir bei den Zimmererarbeiten überhaupt kein Angebot auf die öffentliche Ausschreibung. Die beschränkte Angebotsabfrage ergab ein Angebot, das aber weit über der Kostenberechnung lag“, gibt Offenbachs Stadtchef Auskunft.

Wörth

Deutlich bemerkbar sind laut Dr. Dennis Nitsche, Bürgermeister der Stadt Wörth am Rhein, Baukostensteigerungen sowie ein allgemeiner Personalmangel bei zahlreichen Unternehmen. Dieser drücke sich auch darin aus, dass sich teilweise nur wenige Unternehmen auf Ausschreibungen der Stadt melden würden. „Ich erwarte, dass sich die Situation aufgrund des demographischen Wandels nicht ändern wird. Die Zuwanderung von Fachkräften und die Qualifizierung haben daher aus meiner Sicht hohe Priorität. Ich freue mich sehr, dass das Land Rheinland-Pfalz das erkannt hat und die Landesmittel für Fortbildung und Qualifizierung erheblich erhöht wurden. Das kann mittelfristig für Entspannung sorgen.“ Bau-Verzögerungen aufgrund der Corona-Pandemie gebe es nur in geringem Maße. Man habe sich „sehr gut auf die Situation vorbereitet“ und mit großem Vorlauf und hoher Sorgfalt geplant, so Dr. Nitsche.

Eine Entspannung der bauwirtschaftlichen Lage sei laut Thomas Weiler leider noch nicht in Sicht, deswegen seien Geduld und wechselseitigtes Verständnis das Gebot der Stunde: „Die gesamte Entwicklung hat die Baubranche kalt erwischt, die Vertragspartner sollten offen miteinander sprechen. Vorwürfe helfen jetzt nicht weiter.“