Dunkle Ecken, geheimnisvolle Winkel

Mit dem Nachtwächter Uwe Reich durch das idyllische Hinterstädtel

(Foto: ebl)

Einmal im Monat findet in Jockgrim eine romantische Nachtwächter-Führung statt. Treffpunkt ist der Parkplatz unter der Sankt-Dionysius-Kirche. Dort werden bei Einbruch der Dunkelheit die mindestens zehn (sonst läuft nichts) bis maximal 35 angemeldeten Teilnehmer von Uwe Reich erwartet.

Ausgestattet mit Hellebarde, Horn und Laterne entführt der schwarz bekittelte Mann in vergangene Zeiten.Dass Jockgrim früher kein gewöhnliches Dorf war, belegen schon die historischen Mauern des Hinterstädtel. „1376 verlieh Kaiser Karl IV. das Marktrecht. Über 700 Jahre war der Ort im Besitz der Fürstbischöfe von Speyer“, belehrt der schwarze Mann. „1422 haben sie hier eine Schlossanlage mit Weinkeller gebaut und die Burgvogtei mit einer Mauer umgeben.“ Dank der erhobenen Lage auf einem Sporn des Rheinhochufers konnte die Zufahrt durch drei Zugbrücken gesichert werden: Am großen Torberg, wo heute die Autostraße von Wörth hochkommt, war die große Zugbrücke, am kleinen Dörleberg eine kleine und am Schloss, an dessen Stelle seit 1841 das Schulhaus steht, war die dritte, die sog. Schlossbrücke.

„Abgeschlossen wurde im Sommer um 21 Uhr, im Winter bei Einbruch der Dunkelheit. Und wenn dann ein Jockgrimer spätabends noch außerhalb der Mauern war und nicht wusste, ob er es noch hinein kommt, was hat er dann bekommen? … Zwischenruf: Dann hat er mit dem Handy angerufen (Gelächter) … leider hat es damals noch keine Handys gegeben und deshalb hat er Torschlusspanik bekommen, da kommt dieser Ausdruck her.“ (Aaaah)
Ein weiterer Ausdruck aus der Zeit der Nachtwächter ist heimleuchten. Ursprünglich war das wörtlich und positiv gemeint, jemanden mit einem Licht nach Hause geleiten, belehrt der Mann mit der Laterne, heute hat das Wort im übertragenen Sinne negative Bedeutung (grob abfertigen, zurückweisen).
In diesem Zusammenhang kann die Frage nicht ausbleiben, woher der Name Jockgrim stammt. Die Nachttouristen vernehmen verschiedene Ansätze. Am besten fanden wir diesen: Zwei Neupotzer standen vor der Stadtmauer. Hochblickend sagt der eine: Ganz schee grimm. Meint der andere: Des isch jo grimm.
Vom Parkplatz aus pirscht sich die Gruppe mit Taschenlampen in einem Rechtsbogen um den Kirchberg und dringt auf der Westseite, nahe dem alten Waschplatz, der seinerseits Anlass zu Betrachtungen gibt, ins Hinterstädtel ein. An verschiedenen Stationen macht der Nachtwächter Halt, um Historisches und Anekdotisches zu erzählen: Jockgrim bietet auch als Künstlerort reichlich Stoff: z. B. den Grafiker und Maler Albert Haueisen, die Heimatdichterin Lina Sommer, nach der die Schule benannt ist, oder den schrägen Lebenskünstler Franz Bertel.

Natürlich plaudert der Nachtwächter auch über sich selbst. Seine Aufgabe war es, nachts durch die Straßen und Gassen zu gehen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Er warnte die schlafenden Bürger vor Feuern, Feinden und Dieben. Er überwachte das ordnungsgemäße Verschließen der Stadttore und hatte das Recht, verdächtige Personen zu verhören und notfalls festzunehmen. Außerdem gehörte es auch zu seinen Aufgaben, die Stunden anzusagen.

Mit der Einführung der Straßenbeleuchtung und neuen Polizeigesetzen um die Wende zum 20. Jahrhundert ging die Abschaffung der meisten Nachtwächter einher.

Dass unser Nachtwächter mit leicht badischem Akzent spricht, trägt zum Reiz der Führung bei. Uwe Reich mimt auch den Nachtwächter in Ettlingen und Durlach. Der gelernte Bäckermeister und Betriebswirt des Handwerks betreibt seit Oktober 2011 zusammen mit Thomas Angelou, Kunsthistoriker und Museumspädagoge, das Artcafé in Jockgrim. Wenn er zum Abschluss Selbstgebackenes reicht, rundet es den unterhaltsamen Abendspaziergang aufs Leckerste ab. (ebl)

Die nächsten Nachtwächterführungen sind am 23. Mai, 29. Juni (jeweils ab 21 Uhr). Anmeldung erforderlich unter 0721-567449 
oder unter info@kunstagentur-beletage.de.