Es war einmal bei Odessa …

Pfälzer Auswanderer siedelten am Schwarzen Meer – das PFALZ-ECHO auf Spurensuche

Als Hans Nauerth in den 1970er Jahren das Kandeler Heimatmuseum einrichtete (das es leider nicht mehr gibt), kam ein Mann zu ihm und sagte: „Ich bin ach in Kannel gebore, aber 2.500 Kilometer vun do entfernt.“ Im Gespräch mit Josef Metz


hörte Hans Nauerth zum ersten Mal, dass es nordwestlich von Odessa deutsche Dörfer gegeben hat mit so vertrauten Namen wie Neuburg, Rohrbach, Landau, Kandel, Selz.

Die Auswanderer aus der Pfalz, Baden und dem Elsass waren ab 1804 der Kolonistenwerbung von Zar Alexander I. (1801-1825) gefolgt. Jeder Siedler bekam 66 Hektar Land und 100 Rubel Startgeld. Gewährt wurden außerdem Religionsfreiheit, eigene Dorfverwaltung, deutsche Schulen und Befreiung vom Wehrdienst.

Das südpfälzische Kandel war 1808 Sammelpunkt für einen Treck von 62 Familien und neun Einzelpersonen. Geleitet wurden sie von Georg Kraft aus Jockgrim sowie Sebastian Lacher und Michael Scherr aus dem Elsass. Manche glitten ab Ulm in der Ulmer Schachtel die Donau hinab. Andere legten die ganze Strecke mit dem Pferdewagen zurück und waren einschließlich Winterpause über ein Jahr unterwegs.

Am 9. Mai 1809 startete eine Auswanderergruppe aus Leimersheim, darunter Johannes Schardt (geb. 1788), ein Tag zuvor getraut mit der überraschend jungen Katharina Josepha Hammer (geb. 1796), Urgroßeltern von Nikolaus Schmidt, dessen Familienerinnerungen (1810-1940) im Stadtarchiv Landau aufbewahrt werden. Im Frühjahr 1810 erreichten sie das Odessa-Gebiet. Das zugewiesene Stück Steppe war mit meterhohem Bockbartgras bestanden und einem Unkraut, das die Russen Burjan nannten. Als erste Unterkunft gruben die Siedler Erdlöcher, die sie mit Rohr auskleideten. Wichtig war die rechtzeitige Feldbestellung. Kräfte und Saatgut reichten nur für 20 Prozent des zugewiesenen Landes. Man brauchte vier Pferde oder zwei Ochsen, um den harten Boden 15 Zentimeter tief zu pflügen. Erst nach und nach bauten die Leimersheimer Auswanderer Häuser, 1820 die erste kleine Kirche ihres Ortes, den sie Karlsruhe nannten.

Im Landauer Anzeiger vom 
8. März 1810 erschien ein Bericht der Auswanderer Michael Höfer aus Hördt und Johann Georg Lösch aus Leimersheim, der nur abschreckend sein konnte. Die Lebens- und Wohnbedingungen seien schlimmer als zu Hause. Auch das Landauer Wochenblatt vom 3. Oktober 1816 zeichnete ein düsteres Bild. Diese Berichterstattung war im Sinne der deutschen Obrigkeit, der die starke Abwanderung missfiel. Nach dem Standardwerk von Karl Stumpp (1974) wanderten im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts 374 Familien aus dem Kreis Germersheim, 169 aus dem Kreis Bergzabern und 134 aus dem Kreis Landau ins Schwarzmeergebiet aus.

Entgegen allen Unkenrufen blühten die neugegründeten Orte auf. Für 1909 wird der Zustand der Kolonie Landau im Landauer Anzeiger beschrieben: eine zwei Kilometer lange Hauptstraße, einige Neben- und Kreuzstraßen, 245 Hofstellen, 2.457 Einwohner, katholische Kirche, Mädchengymnasium, Zentralschule, drei Pfarrschulen, ferner Apotheke, zwei Ärzte, Krankenhaus, Armenhaus, Poststation, Sitz von Landvogt und Notar.

Mit dem Ersten Weltkrieg und der Revolution verschlechterten sich die Lebensbedingungen, der Zweite Weltkrieg brachte das Ende des deutschen Siedlungsgebietes. Einige Fotos, die Swetlana Valikova im Jahr 2000 ans Stadtarchiv Landau sandte, zeigen, dass architektonisch noch viel an die deutsche Zeit erinnert.

Als Hans Nauerth 1992 und 1993 das ehemalige Kandel bei Odessa besuchte, traf er dort noch zwei ältere Frauen, die Pfälzer Dialekt sprachen, Nina und Mille. Sie übersetzten sein Gespräch mit dem gastfreundlichen Bürgermeister. „Das Dorf Kandel, das vor dem Zweiten Weltkrieg 3.500 deutsche Einwohner zählte, ist heute mit dem ehemaligen Nachbarort Selz zu einer Gemeinde von 12.000 russischen Einwohnern zusammengewachsen“, so Nauerth. Viele Siedlerhäuser und auch das ehemalige Schulhaus aus der deutschen Zeit sind erhalten, der deutsche Friedhof ist eingeebnet. Die einst große Kirche ist eine Ruine, der Turm wurde im Krieg zerstört, das Kirchenschiff wird als Mehllager genutzt. (ebl)

Ruine der Kirche von Kandel bei Odessa. (Foto: Nauerth)
Mädcheninternat aus deutscher Zeit im früheren Landau bei Odessa. (Foto: Swetlana Valikova/Stadtarchiv Landau)