Ein Europa des Friedens. Das war der Grundgedanke, als die Europäische Union 1945 ins Leben gerufen wurde. Sie sollte Ruhe nach dem Zweiten Weltkrieg bringen, die Wirtschaft stärken und die Länder Europas näher zusammenbringen. Wir in Deutschland gehören neben Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg und den Niederlanden zu den Gründungsstaaten und wir in der Südpfalz – direkt an der französischen Grenze – sind eines der besten Beispiele, warum die Grundgedanken der Europäischen Union so wichtig sind: In unserer Grenzregion ist es völlig normal, beim Einkaufen auf den Landesnachbarn zu treffen oder mal kurz ins Elsass zu fahren, um einen Flammkuchen zu essen oder einzukaufen. Das PFALZ-ECHO beschäftigte sich mit dem Gedanken der EU bei uns in der Region und über Landesgrenzen hinweg.

Brückenfest in Scheibenhard(t). (Foto: red)

In Zeiten des Brexit und in der ersten Amtsperiode von Donald Trump wird Europa oder die Europäische Union oft in Frage gestellt. Wir in der Südpfalz zeigen recht deutlich, wie wahrer (grenzüberschreitender) Zusammenhalt funktioniert: Gerade wurde in Scheibenhard(t) das Brückenfest gefeiert, eines der beliebtesten Feste der Südpfalz, das den „Brückenschlag über die Grenze“ wirklich wörtlich nimmt: Der französische und der deutsche Teil von Scheibenhard(t) feiern zusammen mit einem abwechslungsreichen Musikprogramm und vielen kulinarischen Leckereien und locken dabei Besucher aus der ganzen Südpfalz, dem Elsass und dem Badischen an. Traditionell eröffnen die Bürgermeister beider Ortschaften, Edwin Diesel und Francis Joerger, das Fest gemeinsam.
Anfang Juni gab es in Landau eine Demonstration von Pulse of Europe. Das ist eine 2016 in Frankfurt am Main gegründete überparteiliche und unabhängige Bürgerinitiative mit dem Ziel, „den europäischen Gedanken wieder sichtbar und hörbar zu machen“. Die Gründer, die Frankfurter Rechtsanwälte Daniel und Sabine Röder, wollen dem weltweit zunehmenden Erfolg nationalistischer und populistischer Bewegungen entgegentreten. Mit von der Partie in Landau war der südpfälzische Bundestagsabgeordnete Dr. Thomas Gebhart: „Die europäische Einigung ist eine Errungenschaft und die beste Antwort, die man nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs hat geben können. Die europäische Einigung hat uns Wohlstand und Frieden gebracht. Für uns als Grenzregion ist das ein Glücksfall. Daran müssen wir erinnern – bei aller notwendigen Diskussion darüber, wie das Europa von morgen konkret aussehen soll. Meine Überzeugung: Nur die Dinge sollten europäisch geregelt werden, die Europa besser lösen kann als die einzelnen Mitgliedstaaten. Dazu gehört zum Beispiel eine intensive Zusammenarbeit, um Terrorismus zu bekämpfen. Eine Vergemeinschaftung von Schulden durch die Einführung von Eurobonds lehne ich hingegen ab. Ich bin mir sicher, das würden die Menschen auch nicht akzeptieren. Europa braucht die Zustimmung der Bürger!“

Deutsche und französische Vertreter der Gemeinden der Grenzregion an der Lauterbrücke St. Remy. (Foto: privat)

Auch Bad Bergzabern ist Grenzregion mit direkter Nähe zu Frankreich. Eine gute Zusammenarbeit zu pflegen, ist für Bad Bergzaberns Bürgermeister Hermann Bohrer entscheidend. „Die Wiedereröffnung der Bahnstrecke Winden-Wissembourg, die gemeinsam genutzten Einrichtungen für Freizeit, Sport und Kultur und vielfältige mittlerweile etablierte Begegnungen im schulischen, kulturellen, sportlichen oder kirchlichen Bereich wären ohne diese intensiven Kontakte nicht möglich. Als jüngstes Beispiel kann hier ein ökumenischer Kirchenchor Wissembourg-Bad Bergzabern herausgehoben werden“, berichtet Bohrer. „Zurzeit setzen wir die etwa 200 Jahre alte Lauterbrücke St. Remy zwischen Schweighofen und Altenstadt für Fußgänger, Radfahrer und den landwirtschaftlichen Verkehr wieder instand. Auch wollen wir das grenzüberschreitende Wasserversorgungssystem ausbauen, um in Notzeiten größere Trinkwassermengen transportieren zu können und auch eine Wasserlieferung vom Elsass in die Dörfer unserer Verbandsgemeinde zu ermöglich. Gerade in der heutigen Zeit, wo es in vielen europäischen Staaten wieder starke nationalstaatliche Bestrebungen gibt, ist es umso wichtiger, die Bänder in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit noch enger zu knüpfen.“ (yv)

Für Bad Bergzabern ist die Nähe zu Frankreich ganz besonders wichtig – und der Gedanke einer Europäischen Union wird wirklich gelebt. Wir trafen Bürgermeister Hermann Bohrer zum Gespräch:

Wie sehen Sie Europa?

Bohrer: Das Gebiet der heutigen Verbandsgemeinde Bad Bergzabern ist „historisches Grenzland“ in Europa. Viele feindselige und kriegerische Auseinandersetzungen mussten die Menschen unserer Region in den zurückliegenden Jahrhunderten erleiden und erdulden. Nach dem zweiten Weltkrieg im vergangenen Jahrhundert, insbesondere durch die deutsch-französische Freundschaft, wurde eine Zeit des friedlichen und freundschaftlichen Miteinander in Europa eingeleitet, die bis heute fortdauert.
Gerade in unserer pfälzisch-elsässischen Grenzregion entlang der Lauter wissen wir dies zu schätzen, was es bedeutet, 72 Jahre in friedlicher, freundschaftlicher Koexistenz mit unseren Nachbarn zu leben. Spätestens nach der Öffnung der Grenzen mit dem Wegfall der Ausweiskontrollen und Zollbarrieren in der Europäischen Union ist die Grenze an der Lauter kaum noch direkt spürbar. Die Menschen der Region und unsere Gäste überqueren täglich mit großer Selbstverständlichkeit die innereuropäische Grenze auf ihrem Weg zur Arbeit, zu Ausflügen, zu Besuchen oder zu Einkäufen.

Das Thema „offene Grenze“ ist gerade für die Grenzregion Bergzabern sicher wichtig?

Bohrer: Mit der offenen Grenze ist eine größere Vielfalt im täglichen Leben vieler Menschen die hier wohnen und ebenso für unsere Urlaubsgäste möglich, die wir nicht mehr missen möchten. Unterschiedliche Angebote jeglicher Art „vun hiwwe und driwwe“ stehen der Bevölkerung zur Verfügung. Das macht die offene Grenzregion interessant und bietet eine noch höhere Lebensqualität in unserem Raum. Dass dies so bleibt, in einem weltoffenen Europa, daran müssen wir jedoch täglich in Gesprächen, Kontakten und der Entwicklung nützlicher Projekte gemeinsam mit unseren elsässischen Nachbarn arbeiten.

Was wird konkret dafür getan?

Bohrer: In gemeinsamen grenzüberschreitenden Bürgermeistertreffen, gemeinsamen Sitzungen der Verbandsgemeinderäte „vun hiwwe und driwwe“ und einer Vielzahl persönlicher Begegnungen der Entscheidungsträger, werden grenzübergreifende Projekte zum Wohle der Menschen in unserer Region entwickelt und umgesetzt.
Die Wiedereröffnung der Bahnstrecke Winden-Wissembourg, die gemeinsam genutzten Einrichtungen für Freizeit, Sport und Kultur und vielfältige mittlerweile etablierte Begegnungen im schulischen, kulturellen, sportlichen oder kirchlichen Bereich wären ohne diese intensiven Kontakte nicht möglich. Als jüngstes Beispiel kann hier ein ökumenischer Kirchenchor Wissembourg-Bad Bergzabern herausgehoben werden.
In den Lebensmittelmärkten im Bad Bergzaberner Land oder in unseren Bädern kommen gut ein Viertel der Kunden und Gäste aus dem benachbarten Elsass. An diesen wenigen Beispielen ist zu erkennen, wie wichtig für die Südpfalz und das Elsass die offenen Grenzen und eine gemeinsame europäische Währung sind.
Zurzeit setzen wir die etwa 200 Jahre alte Lauterbrücke St. Remy zwischen Schweighofen und Altenstadt für Fußgänger, Radfahrer und den landwirtschaftlichen Verkehr wieder instand. Für eine Stärkung der touristischen Infrastruktur im Nordelsass arbeiten wir derzeit an verschiedenen kleineren Projektansätzen, wie einem historischen Lauter-Wander-Rundweg, grenzüberschreitende Mountainbike-Strecken, Trekkingplätze Nordvogesen-Wasgau und vieles mehr. Dies macht auch das touristische Angebot im Bad Bergzabern Land noch attraktiver. Auch wollen wir das grenzüberschreitende Wasserversorgungssystem ausbauen, um in Notzeiten größere Trinkwassermengen transportieren zu können und auch eine Wasserlieferung vom Elsass in die Dörfer unserer Verbandsgemeinde zu ermöglich.

Ihr Fazit?

Bohrer: Gerade in der heutigen Zeit, wo es in vielen europäischen Staaten wieder starke nationalstaatliche Bestrebungen gibt, ist es umso wichtiger die Bänder in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit noch enger zu knüpfen.