Bekannt geworden sind Sie als Koch. Sind Sie denn noch Fernsehkoch?

Horst Lichter: Nein, im Moment nicht mehr.

Hat das etwas mit „Bares für Rares“ zu tun?

Horst Lichter: Nicht nur. Das war auch nicht der auslösende Grund. In meinem Leben war es schon immer so, dass es irgendwann einen Punkt gab, an dem ich mein Leben komplett geändert habe. Das zieht sich durch mein ganzes Leben, seit meiner Kindheit. Es gab immer einen Punkt, wo ich einen Schnitt gemacht habe. Das dauert bei mir meist drei Jahre in der Vorbereitung. Plötzlich kommt ein Gedanke, dann beschäftige ich mich damit, dann spreche ich viel darüber. Erst einmal mit engen Vertrauten, dann mit Beteiligten. Es sollen alle vorbereitet sein, dass ich den Gedanken in mir trage, etwas zu verändern. Der ausschlaggebende Punkt als ich das letzte Mal einen anderen Weg einschlagen wollte, war, als ich vor vier Jahren meine Mutter im Sterbeprozess begleitet habe. Ich habe dann noch einmal ein Jahr lang Vollgas gegeben – ich hatte viele Sendungen: „Lafer, Lichter, lecker“, „Die Küchenschlacht“, „Die Schnitzeljagd“, „Lichters Originale“ und ich hatte „Bares für Rares“, und ich war auch noch mit meiner Live-Tour unterwegs. Da habe ich dann gesagt: „Jetzt ist gut, ich mache einen Cut.“ Ich habe vieles aufgekündigt aus verschiedensten Gründen. Mit „Lafer, Lichter, lecker“ habe ich mich schon lange beschäftigt, aufzuhören. Für mich war es einfach nicht mehr so, wie es einmal war. Trotzdem war es eine schwierige Trennung. Ich mag ja alle sehr gern. Deswegen habe ich auch mit einem Jahr Vorlauf gekündigt. Das Gleiche war mit der „Küchenschlacht“. Ich habe mich mit niemandem gestritten, es war eine wunderbare Sendung, aber ich habe für mich entschieden, dass ich aufhören möchte. Beim SWR hätte ich gerne weitergemacht, aber trotz der großen Erfolge hat die Entscheidung, ob es weitergeht, für mich einfach zu lange gedauert. Nicht aus Eitelkeit oder weil ich beleidigt war, sondern weil ich mittlerweile einen anderen Lebensplan hatte. Dann kam die Entscheidung, einmal pro Woche bzw. 36 Folgen im Jahr „Bares für Rares“ zu machen. Neben dem Kochen ist das mein Ursprung. Jeder, der mein Leben kennt, weiß, dass ich aus dieser Ecke komme. Ich habe schon immer das alte Zeug geliebt. Mein Laden war ein riesiges Museum. Ich habe früher ein neues gegen ein altes Fahrrad getauscht, alte Sachen mochte ich immer lieber als neue und meine ganz große Liebe galt den Menschen. Deswegen bin ich auch Koch geworden. Dass wir so einen großen Erfolg mit „Bares für Rares“ haben werden, konnte damals keiner absehen. Wenn mir das jemand gesagt hätte, dann hätte ich es auch nicht geglaubt.

Dann kommt doch irgendwann wieder der Zeitpunkt, an dem Sie sagen: „Noch ein Jahr und dann ist Schluss“, oder?

Horst Lichter: Das wird alles irgendwann einmal kommen, ja. Und natürlich spekulieren immer irgendwelche Menschen darüber. Ich finde die Schlagzeilen ganz grausam. Ich finde, jeder sollte nur noch die Dinge machen, die er wirklich machen möchte. Das hat nichts mit finanziellen Möglichkeiten zu tun. Wenn jemand todunglücklich zur Arbeit fährt und darüber körperlich und seelisch krank wird, sollte er einen anderen Weg gehen – jeder einzelne ist Herr seines Lebens und Glücks und niemand anderes. Auch wenn du Verpflichtungen hast, kannst du sagen „Schluss, ich mache etwas anderes. Dann setze ich halt meinen Lebensstandard runter.“ Vielleicht hört sich das für viele arrogant an – ich selbst aber war ärmer als die meisten Menschen, die ich kennengelernt habe. Ich bin nicht reich aufgewachsen, ganz im Gegenteil. Um den Kredit für das Haus abzuzahlen, habe ich einfach noch härter gearbeitet, acht Stunden zusätzlich auf dem Schrottplatz. Das habe ich viele Jahre lang gemacht. Aber ich war glücklich. Es gibt viele Menschen, die sagen, sie finden keine Arbeit, weil es in ihrem Job nichts gibt. Ich sage dann: „Dann fange doch als Arbeiter erst einmal wieder an. Dann arbeitest du dich wieder hoch.“ Jeder Chef beobachtet seine Mitarbeiter und wenn du gut oder sehr gut bist, dann kommst du auch weiter. Wenn du etwas gerne machst, wirst du auch gut sein.

Sie sind ein Menschenfreund. Wenn jemand etwas verkauft und er einen guten Preis bekommt, freuen Sie sich mit. Das macht Sie sehr sympathisch.

Horst Lichter: Freunde von mir sagen: „Ganz ehrlich Horst, du kannst mir doch nicht allen Ernstes erzählen, dass du so einen Spaß hast, wenn da eine nette Omi in die Sendung kommt und einen Ring dabei hat.“ Aber in dem Moment, wo mir ein Mensch gegenübersteht, bekommt er meine volle Aufmerksamkeit. Dann lerne ich einen Menschen kennen. Dann wird mir eine Geschichte zu dem Ring erzählt und ich lerne viel. Du siehst auf einmal Dinge an dem Schmuckstück, die du vorher nicht wusstest. Das ist hochinteressant. Deswegen bekommt bei mir jeder Einzelne meine volle Aufmerksamkeit.

Als Zuschauer ertappe ich mich oft am Bildschirm, wie ich denke „Verkaufs nicht, das ist zu wenig“ oder „Schlag zu, das ist ein super Gebot.“

Horst Lichter: Wir unterbrechen auch mal die Aufzeichnung, die läuft ja zeitversetzt. Wir fangen mit den Expertisen an und dann kommen erst die Händler dran. Und wenn wir schon beim zweiten Fall sind, bekommen die Händler erst den ersten Fall vorgelegt. Wenn also mitten im Verkauf etwas stocken sollte und wir gerade mitten in einer Expertise sind, unterbrechen wir diese. Ich bekomme dann über Funk Bescheid, dass es beim Händlergespräch stockt und dann ein Kurzbriefing. Dann heißt es z. B. „Die erkennen das Gemälde nicht. Die stehen bei 60 Euro, das Gemälde ist aber auf 1.200 Euro geschätzt worden. Da musst du rein.“ Dann gehe ich noch einmal kurz zum Experten und lasse mir noch einmal Daten geben. Dann gehe ich in den Händlerraum und bringe die Händler auf Spur, ich gebe ihnen Hinweise, woran sie den Wert erkennen. Damit überrede ich aber nicht die Händler, sondern ich gebe ihnen eine Zusatzinfo – die können auch nicht immer alles wissen. Gleichzeitig ist dies eine Unterstützung für den Verkäufer. Der ist meist so aufgeregt vor den Händlern, dass er kein Wort mehr herausbekommt.

Am Set bei „Bares für Rares“ (Foto: ZDF/Frank Dicks, Honorarfrei)

In dem Moment, in dem Sie an die Händler herantreten, wissen die ja schon, dass sie auf dem Holzweg sind.

Horst Lichter. Deswegen halten wir das auch sehr sparsam. Ich möchte nämlich nicht, dass sie glauben, ich käme zum Preistreiben dazu. Man darf nie vergessen: Es ist deren eigenes Geld. Natürlich haben die auch mal Glück und verkaufen einen Gegenstand für ein Vielfaches, aber die bleiben auch relativ häufig auf Dingen sitzen. Teilweise liegen die drei Jahre bei ihnen, bevor vielleicht einer etwas kauft.

Ich war schon einmal bei Waldi im Laden zu Besuch – da erkennt man schon den ein oder anderen Gegenstand, den er mal gekauft hat und der im Laden zustaubt…

Horst Lichter: Ja, klar. Das ist für die Händler auch eine Mischkalkulation. Deswegen gönne ich denen auch den Erfolg, wenn sie mal ein Schnäppchen – in Anführungsstrichen – machen.

Susanne und Waldi haben mal gesagt, dass sie von den Expertisen nichts wissen.

Horst Lichter: Das ist richtig, das dürfen sie auch gar nicht. Aber es gibt immer Leute, die das nicht glauben und meinen, es sei gefaked. Die Menschen wundern sich natürlich, dass die Händler so viel wissen. Aber, wenn die nicht so viel wissen würden, hätten sie kein Geschäft. So einfach ist das.

Ist es für Sie stressig, die Aufnahmen für „Bares für Rares“ zu machen oder ist es auch ein Vergnügen?

Horst Lichter: Ich gehe sehr, sehr gerne zur Arbeit. Ich bin morgens immer einer der Ersten. Vor mir ist meist nur der Aufnahmeleiter da, weil der aufschließt. Ich trinke dann mit dem ein Tässchen Kaffee, er schaltet die Heizungen und das Licht an. Dann kommen langsam die Maske, die Garderobe, und dann kommen die ersten Experten an, dann das Team. Die Händler sehe ich meistens erst später. Ich bin auch der Einzige, der zu den Händlern darf. Die Experten dürfen nicht einmal dort rauchen, wo die Händler rauchen. Händler und Experten wohnen auch nicht in den gleichen Hotels. Den Umgang können wir aber natürlich nicht verbieten. Nur Gespräche vor oder während des Verkaufs zu diesem Thema sind tabu. Im Nachgang können sie erzählen, was sie wollen.

Wenn ich Sie im Fernsehen sehe, denke ich nicht mehr daran, dass Sie Koch sind.

Horst Lichter: Ich werde oft gefragt, ob ich irgendwann einmal noch eine Kochsendung machen würde. Alle meine Sendungen, die ich bis jetzt gemacht habe – bis auf zwei, bei denen ich mich hab überreden lassen – waren Dinge, die man mir in drei Zeilen erklären kann. Dann weiß ich, dass sie gut sind. Wenn du drei DIN A4-Seiten und zusätzlich Zeichnungen brauchst, bist du den Sendeverlauf verstanden hast, ist es schon Blödsinn. Nehmen wir z. B. „Wetten dass“ und erklären es in drei Sätzen. Da kommen private, kleine Menschen, die behaupten, dass sie etwas können, und darauf wetten sie und dann zeigen sie es und dann sind da noch ein paar Promis dabei – Ende. Oder „DSDS“: Da kommen Menschen hin, die glauben, sie können singen, da sitzt eine Jury und wenn sie wirklich singen können, kommen sie weiter und wenn nicht, dann sind sie raus. Alles kurz erklärt. Bei „Lafer, Lichter, lecker“ war mir damals mit drei Sätzen vorgestellt worden: „Pass auf, Horst. Wir haben eine sensationelle Idee. Der feine Herr Lafer, der Sternekoch, der steht da und bekommt einen Promi an die Seite. Daneben steht der Kölsche. Ihr erzählt und kocht dabei und zum Schluss muss das Essen auf dem Tisch stehen.“ Für mich war sofort klar, dass allein diese Gegensätze so viel Potential für ein unglaublich unterhaltsames Format haben. Bei der ersten Sendung haben Johann und ich Tränen gelacht. Mein Flieger hatte Verspätung und wir konnten uns gar nicht auf die Sendung vorbereiten. Wir wussten nur, dass wir zusammen etwas kochen sollten. Die Sendung war eins zu eins live on tape, ohne Unterbrechung. Jeder spielte seine Rolle. Wichtig ist dabei immer nur, dass die Leichtigkeit nicht verloren geht. Ich sage immer, „Bares für Rares“ ist wie eine riesige Uhr. Natürlich trägt die Sendung mein Gesicht, ich bin ihre Marke. Übertragen auf eine Uhr – z.B. eine Rolex, wäre ich der Schriftzug auf dieser Uhr. Aber was ist der Schriftzug ohne die Uhr? Jedes einzelne Zahnrad da drin, bringt die Uhr erst zum Funktionieren. Der eine ist vielleicht das Edelstahlarmband, der andere ist das Ziffernblatt, der nächste ist ein Zeiger, aber all das zusammen ist erst die Rolex. Vielleicht bin ich auch nur das Gehäuse. Es ist vollkommen egal, welcher Teil der Uhr ich bin. Aber nur wir alle gemeinsam sind nachher „Bares für Rares“. Natürlich kann man das ein oder andere Teil austauschen, aber du darfst nicht die Marke austauschen, das wird schwierig.

Sie leben die Sendung „Bares für Rares“…

Horst Lichter: Ja, weil ich am Anfang sehr dafür gekämpft habe. Und ich habe die Sendung auch nach dem ersten Jahr davor beschützt, dass wir nicht auf Daily gehen. Schon im ersten Jahr war die Sendung so erfolgversprechend, dass man sie täglich senden wollte. Da habe ich aber gesagt, dass ich da auf keinen Fall mitmache. Warum? Wenn etwas gut ist, solltest du es nicht direkt am Anfang verbrennen. Ich habe gesagt, wir sollten uns noch ein Jahr Zeit nehmen, lernen und schauen, wo die Reise hingeht. Deswegen sind wir erst im dritten Jahr auf tägliche Sendung übergegangen.

Markus Eisel traf den Moderator. (Foto: mg)

Jetzt kommt Ihr neues Bühnenprogramm auf die Bühne „Herr Lichter sucht das Glück“ – Sie erzählen aus dem Leben – kann man das so sagen?

Horst Lichter: Ich war jahrelang auch auf der Bühne unterwegs. Vor zwei Jahren habe ich einen Cut gemacht. Ich muss auch irgendwann einmal Luft schnappen. Grund für die Pause war aber auch, dass ich kein Programm mehr hatte, keine Ideen. Erst im dritten Jahr nach der Bühnenabstinenz hatte ich neue Ideen. Dann fehlte mir aber die Zeit. Aber da die Anfragen sich häuften, habe ich einen Deal gemacht: Zehn Abende in zehn Städten. Städte, in die ich gerne möchte. Ein Mann, eine Bühne, ein Mikrofon und ein kleines Bühnenbild. Ich erzähle den Menschen, was Glück ist und wie man es sucht. Es ist ein Programm zum Lachen aber auch zum Nachdenklichsein. Da freu ich mich sehr drauf.

Ist auch Spontanität dabei, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Horst Lichter: Immer, aber der rote Faden muss da sein. Das ist wie ein Lebensplan. Frag mal bei einem jungen Menschen, was er sich für sein Leben wünscht. Er wird dir seinen Lebensplan erzählen: Ich möchte meine Freundin heiraten, ich möchte beruflich Erfolg haben, ich möchte zwei Kinder haben – Junge und Mädchen – ich möchte ein Haus bauen, ein Moped und ein Auto haben, mit 63 Jahren in Rente gehen und das Leben genießen. Das ist sein Plan. Sehr bodenständig. Ohne den Plan, weiß er nicht, wo er langlaufen muss. Was dann aber passiert, ist das Leben. Es gehen links und rechts Türen auf, vor dir schließt sich eine Tür. Manchmal musst du einen Schritt zurück gehen und du landest ganz woanders. Wichtig ist aber, dass du deinen Weg gegangen bist. Ich gehe auch mit einem festen roten Faden auf die Bühne und den verfolge ich auch. Was dann aber passiert, liegt auch ein bisschen mit am Publikum. Ich arbeite kein geschriebenes Programm nur ab. Wenn ich auf der Bühne bin, ist mein großes Ziel, dass sich die Menschen verdammt gut unterhalten, dass sie nach der Show rausgehen und noch ein bisschen in dieser drin sind – wie bei einem guten Kinofilm. (eis)