Wie kamst du auf die Idee, jetzt im Alter von „39 plus“ ein Album aufzunehmen mit eigenen Titeln? Und das auf Deutsch?

Stephan Ullmann: Das sind berechtigte Fragen. Also die erste Frage ist ganz einfach zu beantworten: Alles hat seine Zeit. Scheinbar war ich in meinem Leben vorher noch nicht bereit für ein eigenes Album. Ich war ja immer an Produktionen beteiligt, habe andere Künstler produziert und habe für andere Künstler geschrieben. Ich war auch immer Sideman und habe Projekte mit nach vorne getrieben. Aber das eigene Ding – da hat mir offensichtlich noch der letzte Kick gefehlt. Jetzt kommen wir zum zweiten Teil der Frage: Dieses Beschäftigen mit deutschen Texten aufgrund vieler eigener Erlebnisse, das hat mich dazu bewogen, ein eigenes Album anzugehen und das dann auch in deutscher Sprache zu machen.

Hat dich da von den Deutsch-Rock-Pop-Musikern irgendjemand von der Sprachgebung her beeinflusst?

Stephan Ullmann: Ich bin ja ein Kind der 80er und bin aufgewachsen mit englischsprachiger Rock-Pop-Musik. Deshalb auch vielleicht der späte Umschwung. Ich habe viele Jahre meines Lebens auf englisch getextet und hab mich so ganz natürlich ausgedrückt. Aber das jetzt in der Muttersprache zu machen, hat eine ganz andere Qualität. Direkt beeinflusst hat mich eigentlich niemand. Ich war nur immer sehr angetan von Rio Reiser, weil er für mich einer der besten Songschreiber ist. Reiser ist einer, der mit der deutschen Sprache umgeht wie kein anderer. Ich muss aber gestehen, dass ich zu seinen Lebzeiten noch kein Fan war. Ich habe ihn sehr spät für mich entdeckt. Ich habe auch gemerkt, wie viele andere Künstler er mit seiner Texterei beeinflusst hat. In Deutschland hat er in der Musikszene eine riesen Spur hinterlassen. Ansonsten habe ich mein Album so produziert und geschrieben, wie es aus mir rauskam. Ohne Kalkül oder songtechnischen Masterplan. Die Songs haben sich entwickelt. Ich habe mir auch Zeit gelassen. Die Produktionszeit war im Prinzip verteilt auf zwei Jahre, weil wir immer, wenn mal Zeit war, ins Studio gegangen sind. Ich habe ja auch mit Ralf Mayer zwei Songs produziert. Das war in Spanien – da war das Studio gerade frei und er hatte mal ein paar Tage Luft, was sehr selten vorkommt. Dann sind wir in ein schönes Studio, wo man mit der Band spielen konnte, nach Spanien gefahren.

Haben sich die Musiker auch in die Songgebung einbringen können?

Stephan Ullmann: Auf jeden Fall. Ich bin sehr glücklich, dass sich ganz viele tolle Musiker bereit erklärt haben, mich zu unterstützen. Ich bin da in einer sehr glücklichen Lage. Durch die Arbeit der letzten Jahre hatte ich immer wieder Berührungspunkte mit guten Musikern. Oft entstand dabei eine gegenseitige Sympathie. Das ist vermutlich der Grund, warum ich jetzt darauf zurückgreifen kann und mit tollen Leuten wie Ralf Gustke, Moritz Müller, Robbee Mariano am Bass, Chris Herzberger an der Geige oder Stephan Kahne arbeite. Letzterer ist leider auf dem Album nicht vertreten, weil er erst später dazukam. Er ist quasi in die Band gerutscht. Wir haben uns bei einem Auftritt kennengelernt, uns gegenseitig ein bisschen beschnuppert, angespielt und dann gemerkt: ‚Huch, wir haben ja beide die gleiche Auffassung von Musik, von Soli spielen, von Intonation und von der Art Gitarre zu spielen!‘ Dann haben wir gesagt, dass wir unbedingt etwas zusammen machen müssen. Ich wollte eigentlich mal im Trio das Ganze auf die Bühne bringen und habe aber gemerkt, das sind einfach zu viele verschiedene Parts für mich. Ich war zu beschäftigt mit Gitarrensounds, Gitarrenwechsel, Akustik, Elektro – und dann noch mit dem Publikum. Da habe ich gemerkt, was mir fehlt, ist ein Gitarrist an meiner Seite und Stephan Kahne ist wirklich ein exzellenter Gitarrist und ein ganz toller Typ.

Wie fühlt sich das an, der Bandleader zu sein? Der Mittelpunkt?

Stephan Ullmann: Es ist ja nicht so, dass ich das jetzt jahrelang vermissen musste. Ich habe ja auch mit Covermusik oft solche Erlebnisse auf der Bühne gehabt. Es geht schon darum, meinen musikalischen Output umzusetzen und das ist das, was sich gut anfühlt. Kürzlich durfte ich im Vorprogramm von Laith Al-Deen spielen und da hatte ich quasi 1.400 Leute direkt vor der Nase und wir haben nur mit zwei akustischen Gitarren gespielt. Die Leute kannten mich nicht, sie kannten meine Songs nicht und das war ein ganz wunderbares Erlebnis, zu sehen, wie die Leute reagiert haben – dass sie die Songs angenommen haben. Alle haben mitgesungen und mitgeklatscht – all das, was für mich das entscheidend Positive an diesem Weg ist, eigene Songs auf die Bühne zu bringen.

Musik ist für ihn auch Therapie. (Foto: René van der Voorden)

Das ist ja auch das Grundehrliche, wenn du versuchst, mit eigener Musik die Leute zu berühren.

Stephan Ullmann: Ja das stimmt.

Das gelingt dir als Covermusiker auch, aber auf einer ganz anderen Ebene.

Stephan Ullmann: Ja, da schlüpft man so in andere Rollen und das ist eher so, dass man relativ „nackt“ vor dem Publikum steht. Ich habe aber gemerkt, dadurch dass die Leute in der Muttersprache die Songs aufnehmen, schenken sie ihnen eine ganz andere Aufmerksamkeit. Man hört tatsächlich auf die Texte und hinterfragt deren Bedeutung. Die Leute ziehen sich da etwas raus und das ist wirklich ein tolles Erlebnis.

Auf so einer Ebene macht es ja auch Sarah Connor. Da war ja auch der Wechsel von Englisch zu ihrer Muttersprache.

Stephan Ullmann: Das ist eine ähnliche Entwicklung. Es ist mittlerweile ein Trend, dass man ganz gezielt mit der deutschen Sprache arbeitet. Es gibt noch andere Künstler, die vorher nur Englisch gesungen haben. Diese Entwicklung finde ich klasse.
Bisher war dein Metier Covermusik, jetzt eigene Songs auf Deutsch. Diese Rolle musst du sicher noch eine Zeit lang immer wieder wechseln. Du musst ja auch überleben und mit deiner eigenen Musik ist das anfangs sicher nicht ganz leicht?
Stephan Ullmann: Ja, das ist so eine Grauzone, in der ich mich gerade befinde.

Tut das nicht weh?

Stephan Ullmann: Nein, so empfinde ich das nicht. Meine Songauswahl, wenn ich gecovert habe, war ja passend für mich. Und ich war ja auch in der komfortablen Situation, dass ich mit Bands unterwegs war, bei denen ich einfach nur den Teil gesungen habe, der mir gefallen hat und beim Rest Gitarre gespielt. Ich interpretiere für mein Leben gern Songs und das wird auch immer so bleiben. Da fühle ich mich ein bisschen „beheimatet“, nur ist das eben ein ganz anderes Metier. Aber da ich das Album ja erst im März veröffentlicht habe, weiß ich ganz genau, ich muss dem Ganzen noch Zeit geben. Ich bin ganz sicher, das wird auf fruchtbaren Boden fallen. Deswegen fahre ich auch zweigleisig. Aber der Fokus sitzt auf jeden Fall auf meinem eigenen Programm.

Planst du z.B. für Herbst/Winter eine Tour durch Clubs oder etwas Ähnliches?

Stephan Ullmann: Das ist zwar angedacht, aber ich habe noch keinen Partner gefunden, der das in die Tat umsetzt. Ich mache jetzt die Gigs so, wie sie fallen. Die Laith Al Deen-Sommertour im Vorprogramm. In Neunkirchen ist noch ein Auftritt und in Hanau. Da freue mich extrem drauf. Das passt menschlich und musikalisch sind wir ja auch nicht so weit voneinander entfernt. Wir fühlen uns da beide sehr wohl. Auch eine kleine Tour mit der Band in der Schweiz habe ich geplant. Zudem habe ich regional noch Etliches vor. Im Gleis 4 im Kulturzentrum in Frankenthal, gibt es am 29. September ein Wiederholungskonzert, das beim letzten Mal ganz schnell ausverkauft war. Ansonsten plane ich ein paar spezielle Konzerte. Im Capitol in Mannheim mache ich ein Weihnachtsspecial am 23. Dezember – mit Freunden und eigenem Programm.

Ist das abendfüllend?

Stephan Ullmann: Klar, wir haben elf Songs auf dem Album. Zwei haben es nicht auf das Album geschafft, die spielen wir aber auch und dann haben wir inzwischen schon wieder viele neue Songs. Also es ist abendfüllend. Zudem haben wir eine sehr schöne Coverversion von David Bowies „Heores“ in einer deutschen Version.
Wie würdest du selber deine Musik beschreiben? Bist du ein Geschichtenerzähler?
Stephan Ullmann: Das ist sehr schwer zu sagen. Ich habe nämlich immer mal drüber nachgedacht, wie ich die Musikrichtung beschreiben würde. Im Prinzip ist da ja aus unterschiedlichsten Einflüssen etwas drin. Ich würde das grob als Pop-Rock bezeichnen mit deutschen Texten. Ich bin zu einem Geschichtenerzähler geworden. Ja. Ich erzähle ja nicht nur meine eigenen Geschichten. Ich habe einen ganz tollen Texter aus Mannheim kennengelernt, Erdmann Lange. Der hat mich quasi „zugetextet“. Er hat mir ganz viele Worddateien geschickt mit seinen Texten und ein paar haben mich direkt angesprungen und nach einer Melodie verlangt. Innerhalb von ein paar Minuten ist ein Songkonzept entstanden und so habe ich angefangen, auch fremde Texte mit zu verarbeiten. Alles, was passt. Was zu meiner Lebenssituation gepasst hat oder zu Erlebnissen gepasst hat, die ich auch hatte. Das hat eine ganz neue Qualität des Songwritings für mich ergeben. Das ist toll, wie eine Collage basteln quasi.

Es gibt ja auch den neuen deutschen Pop mit Max Giesinger und Co. …

Stephan Ullmann: Ich mache ja kein Hehl draus, dass ich schon ein älterer Kerl bin. Ich habe einfach andere Einflüsse als diese jungen Kollegen. Oft ist diese Musik ja sehr sanft und ohne Kanten und Ecken. Ich bin zwar kein Hard-Rocker, aber für mich ist die Energie wichtig. Die drücke ich dann teilweise auch mit meiner Stimme aus und da darf es dann ruhig mal bissel kräftiger zur Sache gehen. Trotzdem hat das alles seine Berechtigung. Es gab ja auch mal die neue deutsche Welle. Es gab in Deutschland immer verschiedene Strömungen. In diesen Momenten erwachsen in der deutsche Musikszene ja auch immer neue Sachen. Letztendlich ist ein Grönemeyer ja auch ein Kind der neuen deutschen Welle. Er hat keine neue deutsche Welle gemacht, aber er hat den Sound ein bisschen adaptiert und das war damals ja die Zeit, in der deutschsprachige Musik wieder stattgefunden hat. Außerdem ist Max Giesinger ein cooler Typ und ein guter Sänger. Es gab auch schon Stimmen, die sagten, mein Album könne noch mehr Kanten haben, aber das ist ja immer Geschmacksache. Mir geht es dabei nur um die Energie. Es gibt einen Text, z.B. auf dem Album, der heißt „Feuer, Flamme Asche“, da geht es um ein Trennungsszenario. Das kann ich nicht weich singen. Das ist ein bissel düster geworden. Ich arbeite ja schon gern plakativ. Musik und Texte sollten sich irgendwie ergänzen und aufeinander abgestimmt sein.

Stephan Ullmann zeigt gerne Ecken und Kanten. (Foto: Thomm Mardo)

Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Stephan Ullmann: In zehn Jahren lebe ich von meinen Tantiemen… (lacht). Ich sehe mich nach wie vor auf der Bühne. Das lässt sich nicht ändern. Ich bin eine Rampensau und irgendwann muss man mich von der Bühne zerren. Ausschlaggebend war tatsächlich ein sehr schlimmes Erlebnis, das aber sehr viel positive Aspekte mit sich gezogen hat. Das war der Tod meines Vaters, den ich in den letzten Stunden auch begleiten durfte. Das war so innig und so intensiv, dass ich, ohne es zu registrieren, ein paar Stunden nach seinem Tod einen Text geschrieben und in mein Telefon rein getippt habe. Erst ein paar Tage später habe ich ihn wiederentdeckt. Daraus ist der erste Song auf meinem Album entstanden: „Wenn die Blätter fallen wie Regen“. Das war das erste Mal, das Initialerlebnis, dass ich etwas in der Muttersprache verarbeite und das ist quasi für mich schon so eine Art Therapie gewesen. Verarbeiten von Erlebnissen. Da habe ich gemerkt, dass ich da einen Zugang habe. Und das Interessante an der Geschichte ist, dass mein Vater früher gesagt hat: „Schreib‘ mal einen deutschen Text ich verstehe ja gar nicht, was du singst!“ (eis)

Verlosung:Das PFALZ-ECHO verlost 2 handsignierte CDs „Alles anders“ von Stephan 
Ullmann.
Interessierte Leser, die gerne gewinnen möchten, rufen am Mittwoch, 6. September 2017, ab 11 Uhr unter folgender Nummer an: 
07275-985629. Die ersten zwei Anrufer gewinnen.
Jeder Anrufer kann nur einmal gewinnen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. (red)

Vorheriger ArtikelWild, wilder, Erlebnistag Deutsche Weinstraße
Nächster ArtikelDer perfekte Haushalt