Leben wie in einer Echokammer

Enthüllungsjournalist und Schriftsteller Günter Wallraff im Dialog mit Schülern des Pamina Schulzentrum Gymnasiums Herxheim

Landau.Ein kleiner weißer Ball bewegt sich schnell von links nach rechts. Beim Aufprall auf die blaue Tischplatte hört man das charakteristische ping pong. Eine Schülerin und ein älterer Mann mit Brille und falsch herum aufgesetzem Cappy messen sich in einer Partie Tischtennis. Nach zwei Sätzen ist das Spiel beendet – die Schülerin gewinnt. Ein Handshake nach dem Match, dann legt der Mann den Schläger beiseite, greift sich das Mikrofon und wartet auf die Fragen der rund 100 Schüler des Pamina Schulzentrum Gymnasiums  Herxheim, die sich neugierig um das Spielareal versammelt haben. „Herr Wallraff, gibt es einen Missstand in der Gesellschaft, den Sie noch gerne aufdecken möchten, sich bisher aber vielleicht nicht getraut haben?“, möchte eine Schülerin wissen. Wallraff lacht: „Getraut habe ich mich immer viel, das ist nicht das Problem, eher das Alter.“

Eine Partie Tischtennis

„Undercover! Enthüllungsjournalist Günter Wallraff gegen die Machenschaften der Mächtigen“ heißt der Titel der Begegnungsreihe der Uni Landau. In dieser kam der Enthüllungsjournalist und Schriftsteller am 17. Mai in die Jugendstil-Festhalle. Vor dem öffentlichen Termin, bei dem er von seinen teils gefährlichen Recherchearbeiten erzählte, verabredete sich der 74-jährige mit den Pamina-Schülern. Zwischen den Tischtennispartien gegen Schüler und Profispieler – Wallraff hatte im Vorfeld ausdrücklich den Wunsch geäußert, sich im Tischtennis zu messen –, stellte er sich den Fragen der Zehnklässler und Oberstufler. Diesen gab er gleich zu Beginn der Fragerunde einen Rat: „Wer sich nur auf das Internet verlässt, lebt in einer Echokammer.“ Das Zeitungswesen sei heute wichtiger denn je, hier bekomme man Anregungen und Weitblick. Im Internet hingegen wimmele es von Fake News.

Mitorganisator des Zusammentreffens mit dem Enthüllungsjournalisten ist Ök Gel, Lehrer für Mathematik- und Sozialkunde am Pamina. „Im Vorfeld habe ich mit meinen Schülern die einzelnen Puzzleteile des Journalisten zusammengetragen – Wallraff undercover bei der Bild als Hans Esser, Wallraff als türkischer Arbeiter Ali, Wallraff als Obdachloser – das war sehr interessant für sie“, erzählt der Lehrer. „Im Anschluss haben wir eine kontroverse Diskussion zum Thema Investigativer Journalismus geführt“, so Gel weiter. Dass Günter Wallraff sein Versprechen gehalten und sich Zeit für die Fragen der Schüler genommen hat, lobt Ök Gel ausdrücklich.

„Wie beurteilen Sie die aktuelle Flüchtlingssituation in Deutschland, vor allem im Hinblick auf die Erfahrungen, die Sie als Türke Ali gemacht haben?“, traut sich die nächste Schülerin an das Mikrofon. „Trotz unserer Vergangenheit und den immer noch vorhandenen rechten Strömungen, hat sich Deutschland der Welt gegenüber als ein Land mit einer großen Willkommenskultur präsentiert und damit sein Ansehen in der Welt gesteigert. Die Flüchtlingswelle hat ein anderes Deutschland sichtbar gemacht, das habe ich nicht erwartet“, beantwortet Wallraff die Frage und fügt hinzu: „Dass es der Politik gelungen ist, eine verhältnismäßig geregelte Einwanderung zu erreichen, zeigt, dass Deutschland ein anderes Land geworden ist, ein Land, das eine Chance hat.“

Fragen über Fragen

Die nächste Frage kommt aus dem Zuschauerraum: „Woher kommt Ihr Interesse, Dinge aufzudecken?“ „Ich kann Unrecht nicht ertragen“, sagt Günter Wallraff. Indem er Missstände aufdecke und Ungerechtigkeiten beseitige therapiere er sich selbst. Wallraff fügt noch ein Erklärung für seine Neigung, in Rollen zu schlüpfen und sich in bestimmte Milieus einzuschleusen, hinzu: „Früher war ich eher ein zurückgezogenes Kind, ich hatte kaum Kontakt zu Gleichaltrigen. In allen Rollen, die ich bisher gespielt habe, gehörte ich  dazu, ich war kein Außenseiter, sondern Teil der Gruppe. Teilweise sind sogar Freundschaften entstanden, die heute noch andauern.“ Einen kleinen Hinweis auf sein nächstes Enthüllungsprojekt lässt Günter Wallraff, scheinbar beiläufig, fallen „Ich fahre demnächst in die Türkei, da möchte ich aber nicht zu viel erzählen.“ (pdp)