Steckbrief: Rudolf Scharping

  • Geboren am 2. Dezember 1947 in Niederelbert
  • 1991 bis 1994 Ministerpräsident Rheinland-Pfalz
  • 1998 bis 2002 Bundesminister der Verteidigung
  • 1993 bis 1995 Bundesvorsitzender der SPD
  • Kanzlerkandidat bei der Bundestagswahl 1994
  • März 1995 bis Mai 2001 Parteivorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE)
  • Seit 2005 Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer

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Sie haben bisher viele Ämter bekleidet. Was war rückblickend Ihre größte Herausforderung?

Rudolf Scharping: Bei allem, was man tut, den eigenen Vorstellungen und Werten treu zu bleiben und Respekt vor den Menschen haben, für die man etwas bewegen möchte – egal, ob in Politik, Wirtschaft, Sport oder wo auch immer.

Gibt es in Ihrem Umfeld auch Menschen, die sagen: „Mach mal langsam“?

Rudolf Scharping: Zu bestimmten Zeiten hätte ich mir davon noch ein paar mehr gewünscht. (lacht) Im Ernst: nur mit guten Freunden, mit einem guten Team geht es auch gut voran. 

Welches Amt hat Ihnen denn die größte Freude bereitet? 

Rudolf Scharping: Das ist schwierig, denn Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz, Fraktionsvorsitzender im Bundestag oder Verteidigungsminister – das sind ja doch sehr unterschiedliche Ämter. Besonders diese drei Ämter ermöglichten Gestaltung und das Amt des Ministerpräsidenten ganz besonders.

Wie schwierig war es nach 40 Jahren CDU-Herrschaft das Amt des Ministerpräsidenten zu übernehmen? Viele Positionen auch im Bereich Staatssekretäre, Regierungspräsidenten waren mit CDU-Leuten besetzt. 

Rudolf Scharping: Wir haben gewonnen, weil wir langfristig und verlässlich gearbeitet hatten. Die Übernahme war nicht die Herausforderung, eher der Weg dahin. Die Menschen wählen diejenigen, denen sie Führung zutrauen, und die eine gute Vorstellung von der Zukunft haben. Das hatten wir uns erarbeitet. Seitdem wählen viele auch eher konservative Menschen in Rheinland-Pfalz die SPD – oder auch die FDP. Und was die sogenannten Apparate angeht, also die Beamten und andere im öffentlichen Dienst: Man kann sich auf die Loyalität von Beamten verlassen. Mich hat interessiert, was jemand kann. Deshalb konnte ich auch immer mit vielen Menschen aus der Union, aus der FDP und so weiter zusammenarbeiten. Es muss eine Idee vorliegen, was in der Amtszeit realisiert werden soll. Die SPD in Rheinland-Pfalz stand immer für Kinder, für Aufstiegschancen, für wirtschaftliche Vernunft und für eine langfristig gute Zukunft einschließlich Schutz von Umwelt und Natur. Ich bin auch richtig stolz darauf, dass es uns im Bereich Kindergärten, Schulen und Lernmittelfreiheit gelungen ist, eine Linie für kostenlose Bildung zu entwickeln, die bis heute anhält. Außerdem haben wir immer sehr pragmatisch die wirtschaftlichen Herausforderungen gemeistert, hier gemeinsam mit Rainer Brüderle und der FDP. Auch der Kultursommer Rheinland-Pfalz ist ein tolles Projekt, welches sich bis heute etabliert und weiterentwickelt hat. Wir als Politiker müssen eine Idee davon haben, wie die langen Linien aussehen. Das hat für die SPD in Rheinland-Pfalz bis heute sehr gut funktioniert und wird auch weiterhin funktionieren. 

Also ist es wichtig, Visionen zu haben?

Rudolf Scharping: Ja, man könnte auch sagen, Weitblick und Wirklichkeitssinn. 

Manchmal überholt einen doch auch die Wirklichkeit.

Rudolf Scharping: Ja klar, es treten Dinge ein, die man nicht vorausdenken kann – was wir gerade auch in der Gegenwart mit der Pandemie lernen. Sie zeigt uns überdeutlich, welche menschlichen Gestaltungsgrenzen es gibt. Insofern macht es auch ein wenig demütig. Aber wir werden das meistern, es gibt so viele unglaublich tolle Leute in den Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern, Arztpraxen und überall, wo sozialer Zusammenhalt gelebt wird. Und wir haben tolle Forscher, wenn man an den Impfstoff denkt.

In der Pandemie befinden wir uns momentan in einer Zeit, in der der Föderalismus auch ein wenig durch die Beschlussgebungen im Zuge der Coronadiskussionen in Frage gestellt wird. Würden Sie sagen, dass sich der Föderalismus bewährt hat und sich auch in diesen Zeiten bewährt?

Rudolf Scharping: Ich finde, der Föderalismus ist ganz entscheidend für unseren Erfolg: Er schafft Wettbewerb zwischen den Ländern, er schafft Flexibilität und er erlaubt so Antworten auf manchmal sehr unterschiedliche Gegebenheiten. Wenn ich an die Coronapandemie denke, finde ich, haben zum Beispiel Rheinland-Pfalz und die Ministerpräsidentin das sehr klug und sehr vernünftig gemacht. Aber Politik sollte man immer vom Menschen her denken.

Die Bürger wünschen sich manchmal aber eine klarere Beschlussfassung.  

Rudolf Scharping: Genau das meine ich. Ich wünsche ich mir auch mehr Zusammenarbeit und stärkere gemeinsame Standards. 

Jetzt stehen Landtags- und Bundestagswahlen an. Sie waren in beiden Bereichen Spitzenkandidat. Was heißt es, ein solches Amt anzustreben? Vor allem den Wahlkampf stelle ich mir als eine ganz heftige Zeit vor.

Rudolf Scharping: Ja, das ist schon anstrengend, aber mir hat das immer Spaß gemacht und wenn man gerne mit Menschen zu tun hat, dann wird das auch vermittelt. Das spüren die Leute. So unterschiedlich beispielsweise Kurt Beck, Malu Dreyer und ich  sind – in einem sind wir uns sehr ähnlich: Wir haben alle Spaß am Gestalten und Freude im Umgang mit Menschen.

Grundvoraussetzung ist auch die Zugänglichkeit für viele Dinge.

Rudolf Scharping: Wenn sie morgens beim Frühstück schon denken: „Oh je, jetzt muss ich das oder jenes tun“, dann haben sie auch selbst keine Freude am Leben. Und auch das vermittelt sich. Mir hat es immer Spaß gemacht, mit Menschen zu tun zu haben. Es hat sich ja auch dramatisch viel verändert. Wenn ich an den Landtagswahlkampf von 1990/1991 denke und mit heute vergleiche, mit den ganzen Einschränkungen durch die Pandemie oder wie heute kommuniziert wird, welche Rolle Internet und „Soziale Medien“ haben – mein Gott, der politische Diskurs ist enorm härter, ja brutaler geworden ist. Wenn ich Malu Dreyer betrachte, sehe ich eine zugängliche, sympathische und zugleich führungsstarke Politikerin. Das spüren die Menschen. Am Ende des Tages haben die Wählerinnen und Wähler ein sehr gutes Gespür dafür, wem sie was anvertrauen können. 

Sie haben gerade auch angesprochen, dass sich durch die Sozialen Netzwerke unheimlich viel verändert hat. Gerade auch was das Miteinander bzw. der Umgang miteinander angeht. Der Populismus seitens der AfD sorgt natürlich auch für eine Verrohung der Sprache. 

Rudolf Scharping: Ja, aber ich finde, da muss man unterscheiden. Ich stimme zu, dass im Netz neben den ganzen Chancen, die das Internet bietet, ein großes Risiko entsteht. Die Menschen halten sich nur noch in der eigenen Gruppe auf und sie verlernen möglicherweise den Respekt und den Diskurs mit der anderen Meinung. Insofern ist das Internet eben nicht der Stammtisch, sondern eher das Gegenteil. Es kommen nicht mehr verschiedene Meinungen so intensiv zusammen, sondern es entstehen zum Teil entsetzliche Blasen von Hetzerei, von Brutalität der Sprache. Wir haben gesehen, dass der Brutalität der Sprache die Brutalität der Tat folgen kann. Dass es politische Morde in Deutschland gibt, ist – wenn man an die RAF denkt – nichts wirklich Neues. Aber diese rechtsradikalen Gewaltausbrüche von NSU bis zum Mord an dem Regierungspräsident Lübcke sind schon äußerst besorgniserregend. Dass es nun auch noch eine teils offen rechtsradikale Partei wie die AfD gibt, ist schlimm. Gott sei Dank stößt das auf immer mehr Widerspruch und Widerstand. Insofern sind die amerikanischen Wahlen, auch wenn sich das etwas hochgegriffen anhören mag, ein hoffnungsvolles Signal, dass auch unter diesen Umständen mit Hilfe des Internets – trotz der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie– eine sehr große Mobilisierung erreicht werden kann. Das erhoffe ich mir natürlich auch bei der Landtagswahl am 14. März in Rheinland-Pfalz – allen Widrigkeiten zum Trotz.

Sie waren Parteivorsitzender einer Bundespartei und Verteidigungsminister. Diese Ämter gelten als die schwierigsten Ämter überhaupt. Wie leidensfähig muss man sein, um diese Zeit durchzustehen?

Rudolf Scharping: Leidensfähig? Eher widerstandsfähig, also zielbewusst trotz Gegenwind. Es geht nicht immer nur aufwärts. Ich habe dazu eine sehr einfache Einsicht: Hinfallen ist keine Schande, liegen bleiben schon. Im öffentlichen Diskurs ist vielleicht auch das Verständnis oder die Akzeptanz, dass im Leben auch Fehler gemacht werden, etwas unterentwickelt. Zumindest sobald es um Politik geht. Aber da kann gemeinsam daran gearbeitet werden.

Scharping als Verteidigungsminister im Jahr 2000.
(Foto: Bundeswehr/Modes)

Jeder Mensch ist fehlbar und die Verurteilung von Menschen aufgrund öffentlicher Meinungen finde ich sehr schwach. 

Rudolf Scharping: Mir ist noch etwas anderes wichtiger: Wie attraktiv ist das öffentliche Leben, der öffentliche Diskurs, der politische Wettbewerb für die jüngere Generation. Es müssen alle Beteiligten darauf achten, dass die Art der Auseinandersetzung nicht zur Diskreditierung von Inhalten und Personen führt. Eine offene und beteiligungsfreundliche politische Auseinandersetzung ist existenziell für die Zukunft der Demokratie. Der Wille und die Bereitschaft ist da, das ist überdeutlich zu sehen. Bei aller Skepsis, was „Fridays for Future“ usw. angeht: der Wille zum Engagement ist da, über die eigenen Interessen hinweg zu denken und sich bei großen Herausforderungen einzubringen. Ich hoffe, dass dies auch am 14. März bei der Wahlbeteiligung zu sehen sein wird. Es ist ein Appell an die jüngere Generation, sich ihre Zukunft, ihre Aufstiegschancen auch dadurch anzueignen. 

Sie sind nun schon seit 16 Jahren Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer. 

Rudolf Scharping: Tatsächlich schon so lange…

Bedeutet das für Sie auch ein Stück Leidenschaft?

Rudolf Scharping: Ja klar, ansonsten mache ich so etwas nicht. Für alles, was mit öffentlichen Ämtern zu tun hat, ob das politische Ämter oder Ämter im Sportbereich sind, muss man Leidenschaft mitbringen. Radsport war immer eine der Sportarten, für die ich mich begeistern konnte. 

Radfahren spielt eine große Rolle in der Mobilität und das Fahrrad an sich hat sich in den letzten Jahren auch sehr verändert und entwickelt. Wie wird sich die Mobilität in den nächsten zehn Jahren verändern?

Rudolf Scharping: Statistisch betrachtet ist in jedem Haushalt in Deutschland mindestens ein Fahrrad vorhanden. Wir haben im Bund Deutscher Radfahrer gemeinsam mit Marktforschern eine Studie durchgeführt: Zum einen ist das Fahrrad nützlich, also beispielsweise zum Brötchen holen oder um zur Arbeit zu fahren. Zum anderen gibt es den gesundheitlichen Aspekt und dann eben noch die Nutzung des Fahrrades in der Freizeit oder für den Sport. Diese Gruppen machen insgesamt über 40 Millionen Menschen in Deutschland aus. So war schon vor einigen Jahren klar, wie hoch die Attraktivität des Radfahrens ist. Die autofreien Sonntage sind ja auch schon in den frühen 90er-Jahren entstanden, übrigens in Rheinland-Pfalz. Radfahren war schon immer populär. In Städten, im Urlaub, im Bereich der Entfernungen, die früher eher mit dem Auto zurückgelegt wurden, spielt das Fahrrad eine immer größere Rolle. Die Entwicklung zeigt sehr deutlich, dass viele Menschen nach gesunder Fortbewegung suchen. 

Vor 18 Jahren gründeten Sie eine Firma, die zur Beratung von Firmen in China tätig ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass es vor allem auch zu Zeiten des US-Präsidenten Trump eine große Hürde darstellte, den Herausforderungen gerecht zu werden. 

Rudolf Scharping: Ja, aber nicht wegen Trump. Zwischen China und Deutschland bestehen gute wirtschaftliche Verbindungen. Es gibt einen regen Austausch auf verschiedensten Gebieten, was ist gut finde. Die Welt wird nicht durch Konfrontation besser, sondern durch Kooperation. Es bestehen rund 1.400 Kooperationsvorhaben zwischen Universitäten, es gibt einen regen Austausch in der Bildung. Das spricht alles dafür, dass das Netz der Verbindungen gut und breit aufgestellt und auch belastungsfähig ist. Es gibt viele zum Teil große Unterschiede und Differenzen, wenn man an Menschen, an das Verständnis von Freiheit und Recht denkt. Gerade deshalb bleibt richtig: die Welt wird durch Kooperation, Respekt und Zusammenarbeit besser als durch Konfrontation.