Sascha Grammel: Vom Zahntechniker zum Bauchredner

Sascha Grammel erklärt, wie das Bauchreden funktioniert, und verrät: „Die Puppen geben mir auf der Bühne Sicherheit“

Sascha Grammel mit Puppe „Frederic Freiherr von Furchensumpf“. (Foto: honorarfrei)

Steckbrief: Sascha Grammel

Geboren: 1974 in West-Berlin
Auszeichnungen
2011: Deutscher Comedypreis als bester Newcomer
2013: Bambi in der Kategorie Comedy (Publikumspreis)
2017: Deutscher Comedypreis in der Kategorie Bestes TV-Soloprogramm für sein Liveprogramm „Ich find‘s lustig“ (RTL)
Filmografie: Der 7bte Zwerg
(Synchronstimme)
Tourneen: Hetz mich nicht! (2010), Keine Anhung (2013), Ich find‘s lustig (2016), Fast fertig (2019).


Du hast für die Fertigstellung von deinem aktuellen Programm „Fast fertig“ fast zwei Jahre gebraucht. Würdest du dich als Perfektionisten bezeichnen?

Sascha Grammel: Ich finde, es ist immer noch nicht fertig (lacht). Intern haben wir aber festgestellt, dass beinahe jedes Programm „Fast fertig!“ hätte heißen können, weil es eigentlich nie wirklich fertig ist. Bei „Hetz mich nicht!“ haben wir noch vor der letzten Show Veränderungen vorgenommen. Wenn man noch etwas verbessern kann, warum sollte man es dann nicht tun?! Ja, ich bin ein Perfektionist. Das ist manchmal auch ein bisschen nervig. Aber es hat einen guten Grund. Ich möchte, dass es schön wird, und wenn ich das Gefühl habe, da geht noch was, dann setze ich mich noch mal dran. Ich gebe mich ungern mit etwas zufrieden. Ich denke, das merkt man dann aber auch – sei es am Merchandise-Stand, bei den Produkten, den Filmen oder der Musik. Alles ist aufeinander abgestimmt. Man spürt in der Gesamtheit, dass nichts dem Zufall überlassen wurde. 

Sascha Grammel. (Foto: honorarfrei)

Das ist also Detailarbeit.

Sascha Grammel: Ja, absolut. Aber es steht halt überall mein Name drauf, weshalb ich auch überall teilhaben will. 

Im aktuellen Programm gibt es zwei neue Figuren: das Känguru Achim und die Krake namens der Schrecken der Meere. Wie bist du auf diese Figuren gekommen und was ist die Idee dahinter?

Sascha Grammel: Als ich einmal in Los Angeles war, habe ich einen Walk Act gesehen, bei dem ein Mann ein Kostüm trug, das so aussah, als würde er von einem Affen getragen werden. Dabei saß „der Mensch“ im Schneidersitz in einem Käfig, seine Beine waren aber unecht. Es war nur ein Mensch, der das Kostüm getragen hat und seine echten Beine waren in den Beinen vom Affen. So bin ich auf die Idee gekommen, eine Puppe zu machen, die mich trägt. Diese Erfahrung ist etwas länger her, aber als ich mich wieder einmal neu erfinden wollte, kam mir die Idee wieder in den Sinn. Selbstverständlich wollte ich etwas eigenes aus dieser Idee machen. Bei den Überlegungen, welche Figur zu dem Inselthema passen könnte, kamen wir auf das Känguru – wobei ja viele sagen, es sähe aus wie ein Hase (lacht). Nach dem Treffer mit dem Käse der Wahrheit aus meinem letzten Programm „Ich find‘s lustig“, wollte ich wieder einen Sidekick haben und so kam es zur Erfindung der Krake. Ich finde den Käse zwar stärker als den Schrecken der Meere, aber in einer Nummer, in der man die ganze Zeit nur redet, ist es schön, wenn man mal eine Handlung  hatund etwas zeigen kann. Zum Beispiel ein Requisit wie das Fernrohr oder eben „den Schrecken der Meere“. Er sieht süß aus und sagt nichts, guckt nur und schaut so herum – weswegen ihm auch ein wenig der Charakter fehlt. Ich fand es sehr witzig, ihm den Namen „Schrecken der Meere“ zu geben, denn er sieht ja eigentlich total harmlos aus. Das ist ein schöner Kontrast. Ein Problem ist leider, dass mir so langsam die Stimmen ausgehen. Alle Puppen sollen ja möglichst anders klingen. Jede Puppe braucht auch eine gewisse Weile, um sich selbst zu erzählen. Wenn ich im nächsten Programm also wieder neue Puppen dazu nehmen würde, müssten wohl alte herausfallen, weil die Show sonst zu lang werden würde oder die Nummern der einzelnen Puppen zu kurz. Beides wäre schade. Ich kann zum Beispiel Josie nicht weglassen. Fridolin dagegen, den Zwillingsbruder von Frederic, vermisst wahrscheinlich keiner. Aber Achim ist jetzt schon so weit, dass er bleiben muss, genauso wie Mieze oder Herr Schröder. Ich denke, so langsam ist die Familie vollständig (schmunzelt). Erfahrungsgemäß braucht eine Puppe etwa drei Jahre, bis wir uns richtig kennengelernt und die Zuschauer sie ins Herz geschlossen haben.

Du hast gesagt, es dauert drei Jahre, bis ihr euch aufeinander eingestellt habt. Das ist also die Kennenlernzeit zwischen dir und einer Puppe?

Sascha Grammel: Ich glaube, ich bin in der Vorarbeit etwas schneller geworden. Aber die schriftliche Ausarbeitung und Entwicklung eines Charakters ist das eine. Neben dem Text entwickelt sich die Persönlichkeit der Puppe auch aus den Improvisationen und den Reaktionen der Puppe auf der Bühne. Erst dadurch wird ihr Charakter gefestigt und erst dann kann ich die Puppe auch richtig spielen. Das braucht einfach Zeit. Ich bin ja kein ausgebildeter Schauspieler. Hinzu kommt das Puppenspiel (zeigt auf seinem Smartphone den Mechanismus einer Puppe von innen). Es gibt zahlreiche Hebel im Innern einer Puppe, die die Mimik regulieren. Das ist sehr komplex und wie ein neues Instrument, das es zu beherrschen gilt.

Stammen die Figuren nur aus deiner Feder oder sind sie eine Gemeinschaftsarbeit?

Sascha Grammel: Sie sind eine Gemeinschaftsarbeit. Ich habe dabei die Grundidee, die wir aber dann im Team besprechen. Es gibt unter anderen einen Mechaniker, inzwischen sogar Programmierer. Da ist wahnsinnig viel Technik mit im Spiel, die man natürlich nicht bemerken soll, damit diese Wesen nicht technisch, sondern lebendig wirken. Jede Puppe ist ein Original und muss in jedem Detail entwickelt werden. Bis sie fertig ist, vergeht etwa ein Jahr. Dazu kommt dann noch der Text und der Charakter. 

Da steckt offenbar sehr viel mehr Arbeit dahinter, als man als Zuschauer erahnt.

Sascha Grammel: Ja, es ist wirklich ein weiter Weg. Alleine für das Kunstfell von Achim haben wir Monate lang gesucht. Es musste eine so hohe Qualität haben, dass es ein paar hundert Shows hält. Das Zeug kann ja nicht einfach während der Show abfallen (lacht). Zur Sicherheit haben wir aber alle Puppen zweimal. Mittlerweile kommen so viele Menschen in die Shows, da kann man ja nicht sagen: Frederic ist heute nicht da, weil seine Augen klemmen (zwinkert). Ich spiele aber immer die Hauptpuppen. Die anderen sind wirklich nur für Notfälle, bis die Hauptpuppen wieder repariert sind.

Patrizia Bär traf sich mit Sascha Grammel zum Interview. (Foto: privat)

Geben dir die Puppen auch eine Art Sicherheit auf der Bühne? Mit ihnen bist du ja nicht alleine da oben.

Sascha Grammel: Ja, das stimmt. Es hört sich vielleicht etwas absurd an, aber das ist genau richtig. Die Puppen fehlen mir deshalb auch bei Talkshows oder in Interviews, weil ich da dann einfach alleine bin. Ich kenne diese Situationen zwar mittlerweile und ich habe mich an sie gewöhnt. Aber auf der Bühne habe ich klar den Vorteil, dass wenn irgendetwas passiert, ich dann damit nicht alleine bin. Eine Puppe kann reagieren und ich bin erst mal fein raus. Auf diese Weise kann man manche Peinlichkeiten auf die Spitze treiben. Wenn ich einen Fleck auf dem Jackett habe, den man im Kamerabild sieht und der mir unangenehm ist, dann kann ich zum Beispiel durch eine Puppe zu mir selbst sagen: „Oh du hast da einen Fleck!“ und dann ist das aus meinem Kopf. Und die Zuschauer sehen den Fleck als Gag und nicht mehr als „Fehler“. Ich muss auch niemand anderen vorführen, sondern kann immer alles auf mich beziehen. Das macht es einfacher. 

Du hast eigentlich den Beruf des Zahntechnikers gelernt. Wie kamst du denn zum Bauchreden?

Sascha Grammel: Das passt so gar nicht, ich weiß (lacht). Ich habe schon immer gezaubert, schon als Kind. Das wollte ich aber ursprünglich immer als Hobby behalten. Nach dem Zivildienst wusste ich, dass ich mich beruflich entscheiden muss, und kam dann auf Zahntechnik. Ich bin sehr genau und motorisch begabt.

Da ist die Parallele!

Sascha Grammel: Ja, allerdings war ich auch viel zu langsam, weil ich immer noch etwas verbessern wollte. Aber als Zahntechniker arbeitet man im Akkord. Um zehn Uhr müssen die ersten Stücke raus sein. Das schafft man nicht, wenn man so detailverliebt ist. Nebenher habe ich aber immer weiter gezaubert. Mit der Zeit wurden die Auftritte allerdings so zahlreich, dass ich manchmal morgens mit Augenringen ins Labor kam. Irgendwann musste ich eine Entscheidung treffen, entweder den Beruf zu kündigen oder die Zahl der Auftritte zu reduzieren. Ich habe mich für das Zaubern entschieden (strahlt). Das war zu einer Zeit, als ich noch auf Kindergeburtstagen und Hochzeiten aufgetreten bin. Damit den Lebensunterhalt zu bestreiten, war erst mal eine Herausforderung. Aber ich hatte dann jeden Tag Zeit, mich um meine Auftritte zu kümmern und es lief schnell immer besser. 

In dieser Zeit hast du aber zuerst nur gezaubert.

Sascha Grammel: Ja. Es lief gut und ich habe bereits davon gelebt, als ich irgendwann in einem Jonglierladen ein Buch über Bauchreden entdeckt habe. Das hat mich unglaublich fasziniert. Weil ich bereits den Rahmen dafür hatte, konnte ich das Bauchreden einfach einmal ausprobieren. Dabei habe ich sehr schnell gemerkt, dass das beim Publikum richtig gut ankam, sogar besser als das Zaubern. Und so kam es, dass ich Bauchredner wurde. Ich hätte nie gedacht, dass ich das Zaubern einmal ablegen könnte. Aber zwischendurch zaubere ich dann doch auch wieder. Ich glaube, einmal Zauberer – immer Zauberer.

Viele fragen sich, wie das mit dem Bauchreden eigentlich geht. Braucht man dazu bestimmte anatomische Voraussetzungen?

Sascha Grammel: Nein, braucht man nicht. Was man braucht, ist viel Zeit und Willen. Im Prinzip lernst du neu sprechen. Als Kind hast du das auch schon durchgemacht. Es dauert einfach eine ganz schön lange Zeit. Vereinfacht gesagt ist es so, dass du neu lernst, mit der Zunge zu sprechen, wobei die Zunge die Unterlippe ersetzt. Du lernst also zum einen neue Bewegungen der Zunge und auf der anderen Seite darfst du bestimmte Bewegungen der Unterlippe, die du schon immer gemacht hast, nicht mehr machen. Bei dem Wort „Wasser“ zum Beispiel darf sich die Unterlippe beim W nicht bewegen. Man beißt die Zähne nicht aufeinander, sondern hält einen kleinen Spalt zwischen den Zahnreihen frei. Und so kann man mit jeder verstellten Stimme „bauchreden“.

Das lernt man also nicht von heute auf morgen.

Sascha Grammel: Ich habe für die Sprechtechnik ungefähr ein Jahr gebraucht. Es gibt sechs Laute, die du beim Bauchreden nicht wie gewohnt sprechen kannst: v, w, b, p, m und f. Es gibt auch bestimmte Kombinationen von Vokalen und Konsonanten, die sehr schwer sind, auszusprechen, wie zum Beispiel wenn ein u auf ein t folgt. Oder andersrum. Beim Texten versuchen wir das aber schon zu berücksichtigen. Es wird also alles bis ins Detail durchdacht und geplant. (pdp)

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