(Foto Sawatzki: Markus Nass / T&T – Foto Berkel: Gerald von Foris)

Steckbrief: Andrea Sawatzki
Geboren am 23. Februar 1963.
Seit Anfang der 90er Jahre regelmäßig in TV-Produktionen und Kinofilmen: u. a. Adelheid und ihr Mörder, Wolffs Revier, Die Apothekerin, Das Experiment.
Von 2001 bis 2009: Tatort-Komissarin in Frankfurt (Rolle: Charlotte Sänger).
Am 12. März 2013 erschien Andrea Sawatzkis erster Roman. Inzwischen hat sie sechs Bücher als Autorin veröffentlicht.
Preise: u. a. Deutscher Comedypreis, Adolf-Grimme-Preis, Bayrischer Fersehpreis.

Steckbrief: Christian Berkel
Geboren am 28. Oktober 1957.
Berkel spielte 1978 im Tatort „Rot – rot – rot“ mit – der Folge mit der höchsten Zuschauerzahl bis heute.
Im Kino: u. a. in „Der Untergang“ und „Das Experiment“, „Operation Walküre“ (mit Tom Cruise) und „Inglorous Basterds“ (mit Brad Pitt, Christoph Walz).
Seit 2006 spielt er die Hauptrolle in der TV-Krimi-Reihe „Der Kriminalist“. 2020 wird die letzte Folge ausgestrahlt.
2019 erschien sein erster Roman: „Der Apfelbaum“.


Frau Sawatzki, Sie haben inzwischen sechs Romane veröffentlicht. Vier davon erzählen von der fiktiven Familie Bundschuh und diese Reihe wurde auch verfilmt. Sie selbst spielen eine der Hauptrollen: Gundula Bundschuh. Gerade erst lief der neueste Teil im ZDF. Sind Sie vor solchen Ausstrahlungen mehr aufgeregt als bei anderen Produktionen, weil Sie in diesem Fall ja nicht nur Schauspielerin sind, sondern auch die Roman-Vorlage geliefert haben?

Sawatzki: Natürlich fiebern alle Bundschuhs, die Produzentin Regina Ziegler und alle Beteiligten mit, denn wir möchten die Bundschuhs gerne weiterdrehen. Zwar ist der fünfte Teil für Dezember 2020 bereits im Kasten, aber wir sind nach wie vor quotenabhängig, was die Fortsetzungen betrifft. Deshalb sind wir ein bisschen aufgeregt.

Bisher war die Resonanz aber ja immer sehr gut.

Sawatzki: Ja, es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn uns auf einmal keiner mehr sehen möchte! (lachen)

Wie geht es denn in einer Schauspieler-Ehe zu? Herr Berkel, bereiten Sie sich auf Ihre Rollen anders vor als Ihre Frau oder schauen Sie sich Methoden voneinander ab und lernen voneinander?

Berkel: Wir halten alles sehr getrennt, was wir beruflich machen. Ob es das Spielen betrifft oder das Schreiben, jeder macht sein Eigenes. Es sei denn wir machen ein Projekt bewusst zusammen, was wir auch sehr gerne tun. Methoden von anderen für sich zu verwenden, funktioniert in diesem Beruf generell nicht, weil der Beruf viel mit einem selbst zu tun hat. Man muss das aus sich selbst und aus der eigenen Beobachtung entwickeln. Man kann sich da eigentlich nichts abschauen.

Sie haben schon, seit Sie 15 Jahre alt sind, zielstrebig auf den Beruf des Schauspielers hingearbeitet. Woher kam diese schon so frühe Gewissheit, was Sie im Leben wollen?

Berkel: Das weiß ich nicht. Es war einfach so, dass ich das seit meinem ersten Besuch im Theater wollte und sich das nicht geändert hat. Grundsätzlich ist es immer so, dass wenn mir etwas gefällt, ich mich dahinter klemme und dabei einen langen Atem habe. Vielleicht ist das auch ein besonderer Charakterzug. (alle lachen)

Dann gab es wahrscheinlich auch nie eine berufliche Alternative?

Berkel: Nein, es gab keinen Plan B.

War bei Ihnen der Weg auch so gradlinig, Frau Sawatzki?

Sawatzki: Ganz ursprünglich wollte ich einmal Tierärztin werden. Nach dem Abitur habe ich auch erst mal ein, zwei Jahre lang gejobbt. Aber ich hatte dann sehr bald das Vertrauen in mich, dass die Schauspielerei das Richtige für mich ist.

Sie sind ja beide viel unterwegs – beim Drehen oder auf Lesungen. Da ist es sicher etwas besonderes, wenn mal die ganze Familie zusammen zuhause ist – wie jetzt über die Feiertage?

Sawatzki: Wir sind tatsächlich sehr viel in Berlin. Die Dreharbeiten finden sehr oft dort statt.

Ihr Zeitmanagement haben Sie also gut aufeinander abgestimmt?

Sawatzki: Wir sind auf jeden Fall abends zu Hause und können noch mit den Jungs zusammensitzen – wobei der Große mittlerweile in England studiert. Grundsätzlich versuchen wir regelmäßig abends Zeit miteinander zu verbringen und uns zu unterhalten. Das ist uns sehr wichtig. Zurzeit sind wir allerdings wegen der Lesungen vor allem an den Wochenenden weg.

Suchen Sie sich eher solche Projekte aus, die in Berlin gedreht werden, um mehr Zeit für die Familie zu haben?

Berkel: Sollte es ein gutes Angebot an einem anderen Ort geben, würden wir das natürlich auch annehmen. Wenn aber in Berlin gedreht wird, sind wir froh, weil das vieles erleichtert.

Herr Berkel, Sie haben auch schon in Hollywood-Filmen mit Stars wie Brad Pitt, Tom Cruise und Quentin Tarantino gespielt. Fühlt sich das anders an, als wenn Sie Teil einer deutschen Produktion sind?

Berkel: Beim ersten Mal habe ich natürlich eine gewisse Aufregung gespürt. Aber man merkt recht schnell, dass dort Filme im Prinzip genauso gemacht werden wie hier. Allerdings ist der Aufwand sehr viel größer, es gibt größere Teams von bis zu vier Hundert Leuten, während hier in Deutschland meist ungefähr 40 Leute beteiligt sind. Dadurch ist die Struktur etwas schwerfälliger als bei uns, aber unglaublich gut organisiert.

Haben Sie sich gleich willkommen gefühlt oder mussten Sie sich als – in den USA – unbekannter deutscher Schauspieler zuerst durchsetzen?

Berkel: In einer gewissen Weise musste ich mich beweisen, wobei das ja immer so ist, wenn man irgendwo neu dazu kommt. Aber ich kann auch sagen, dass die Amerikaner unglaublich professionell und immer sehr gut vorbereitet sind. Da macht es einfach von Anfang an Spaß. Sie heißen einen auch offen willkommen und sind sehr darauf bedacht, dass es allen gut geht.

Wollten Sie sich auch einmal Richtung Hollywood orientieren, Frau Sawatzki?

Sawatzki: Nein, ich bin hier immer ganz glücklich gewesen und bin es immer noch. (lacht)

Sie haben hier ja auch sehr viel erreicht, haben Preise bekommen, sind erfolgreiche Autorin und spielen in zahlreichen Filmen mit. Gibt es in Ihrem beruflichen Leben überhaupt noch offene Träume?

Sawatzki: Wirklich gesättigt und zufrieden ist man in einem künstlerischen Beruf wahrscheinlich nie. Ich bin dankbar für alles, was ich gemacht habe. Aber sobald ein Projekt beendet ist, schaue ich mit Spannung auf das nächste. Im Grunde ist das immer wieder ein neuer Anfang und meine Neugierde ist eigentlich grenzenlos.

Als Sie vor zehn Jahren als Tatort-Kommissarin aufgehört haben, haben Sie gesagt, Sie würden gerne auch einmal die andere Seite spielen. Von der Ermittlerrolle in die Täterrolle schlüpfen. Ist es dazu bereits gekommen?

Sawatzki: Als Autorin habe ich das auf jeden Fall geschafft: In meinem zweiten Psycho-Thriller habe ich den Tathergang aus der Sicht der Täterin geschrieben.

Haben Sie inzwischen das Gefühl, dass Sie das Image als Ermittlerin losgeworden sind?

Sawatzki: Ja, ich denke schon. Ich werde zwar wegen der vielen Wiederholungen immer wieder auf den Tatort angesprochen, aber mittlerweile sprechen mich manche Leute nicht mehr mit Charlotte (Charlotte Sänger: Rollenname der Tatort-Kommissarin, Anm. d. Red.), sondern mit Gundula Bundschuh an, worüber ich mich dann freue.

Herr Berkel, vor kurzem wurde bekannt, dass die Krimiserie „Der Kriminalist“ bald endet …

Berkel: Ja, die letzte Staffel ist bereits fertig gedreht und wird im nächsten Jahr gesendet. Die Entscheidung, mit dieser Staffel die Serie zu beenden, ging von mir aus. Es waren 14 Jahre, mit 110 Folgen – eine sehr lange und schöne Zeit! Ich wollte zu einem Zeitpunkt aufhören, zu dem alle die Sendung noch gerne sehen.

Welche Pläne gibt es für danach?

Berkel: Ab Januar spiele ich in einer polnischen Serie mit. Dann soll mein Roman als Mini-Serie verfilmt werden und im Sommer werde ich einen Kinofilm machen. Weitere Projekte entwickeln sich gerade.

Haben Sie auch vor, einen weiteren Roman zu schreiben?

Berkel: Ja, an dem schreibe ich schon eine Weile.

Fällt es Ihnen schwer, neben all Ihren anderen Verpflichtungen die Motivation für das Schreiben aufrecht zu erhalten?

Berkel: Die Motivation geht nicht verloren. Aber es ist nicht ganz einfach, wenn man immer wieder herausgerissen wird. Deshalb habe ich mir für meinen neuen Roman bewusst einen Freiraum geschaffen, um wirklich am Ball bleiben zu können. Es ist einfach besser, wenn man erst das eine macht und dann das andere.

Redakteurin Anne Herder traf das Schauspieler-Ehepaar. (Foto: privat)

Recherchieren und schreiben Sie in dieser Phase den ganzen Tag? Eine halbe Stunde am Abend würde Ihnen wahrscheinlich nicht reichen?

Berkel: (lacht) Nein. Wegen einer halben Stunde bräuchte ich gar nicht erst anzufangen. Auch ein, zwei Stunden am Tag reichen nicht. Denn man braucht einfach eine gewisse Zeit, bis man reinkommt.

Wie machen Sie das, Frau Sawatzki?

Sawatzki: Ich bin nicht so konsequent wie mein Mann. Ich freue mich auch, wenn mich irgendjemand mal unterbricht. Christian schreibt tatsächlich von morgens acht bis abends acht. Ich bin da weniger konzentriert.

Berkel: Sie untertreibt ein bisschen. Das ist vielleicht in der Anfangsphase so, aber dann sitzt sie doch den ganzen Tag dran.

Sawatzki: Stimmt, wenn ich die Deadline des Verlags vor mir sehe, dann kann ich auch durchschreiben.

Herr Berkel, Sie portraitieren in Ihrem Buch die Geschichte Ihrer eigenen Familie. Kostet es Sie Überwindung, so viel Persönliches preiszugeben?

Berkel: Alles, was wir – auch als Schauspieler – machen, hat ganz viel mit uns selbst zu tun. In gewisser Weise kehren wir immer unser Innerstes nach außen. So merkwürdig das klingen mag, aber damit rücken wir es auch ein Stück von uns weg. Dieses Wegrücken ist beim Schreiben sogar stärker als beim Spielen. Zudem ist der Text in großen Teilen fiktionalisiert. Die Geschichte ist nicht identisch mit der meiner Familie. Zwar sind die Figuren durch die realen Vorbilder inspiriert, sie sind aber doch etwas ganz Eigenes geworden. Wenn ich den Text bei Lesungen vorlese, dann kommt er mir manchmal sogar vor wie ein fremder Text.

Spielen Sie bei der Verfilmung auch selbst mit?

Berkel: Das weiß ich noch nicht, weil das Projekt erst noch entsteht.

War bei Ihnen von Anfang an klar, dass Sie die Rolle der Gundula Bundschuh spielen werden, Frau Sawatzki?

Sawatzki: Als ich die Gundula erfunden habe, ging ich selbst gerade auf die 50 zu, und ich wollte mit dieser Figur darüber schreiben, wie sich eine Frau um die 50 fühlt. Weil sie einfach mein Alter Ego ist, stand außer Frage, dass ich sie spielen würde. Darauf musste ich gar nicht bestehen.

Berkel: Wobei ich dazu sagen muss, dass Gundula mit Andrea zwar ähnlich ist, aber gleichzeitig ist sie auch eine Kunstfigur.

Sawatzki. Ich denke, worin sich Gundula und ich – aber auch sehr viele anderen Frauen um die 50 – gleichen, ist der Hang zum Perfektionismus. Dieses Gefühl, nie zu genügen, ist einfach ein Frauenproblem. Das merke ich auch an den Reaktionen der Leserinnen.

Gibt es denn generell viele Fan-Reaktionen auf diese Reihe?

Sawatzki: Ja, sie kommt sehr gut an. Gerade auf Instagram bekomme ich dazu viele ganz tolle Kommentare. Das Buch ist jetzt seit 13 Wochen auf der Spiegel Paperback-Bestsellerliste. Die Lesungen sind meistens ausverkauft. Es kommen vor allem Frauen, aber so langsam auch immer mehr Männer, was mich sehr freut.

Berkel: Bei meinen Lesungen ist der Frauenanteil auch höher. Ich denke, das liegt auch daran, dass Frauen einfach generell mehr lesen.

Welches Buch haben Sie selbst als letztes begeistert gelesen?

Berkel: Von Márquez: Die Liebe in den Zeiten der Cholera.

Haben Sie auch ein Buch, das Sie gerade mit Begeisterung gelesen haben?

Sawatzki: Nachhaltig beeindruckt hat mich von Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse. Eine Empfehlung von meinem Mann ist: Klopf an dein Herz von Amélie Nothomb.
Wenn Sie mal Zeit für sich haben, lesen Sie dann eher oder machen Sie den Fernseher an?
Sawatzki, Berkel: Wir lesen eher.

E-Book oder gedruckt?

Berkel: (lacht) Ein E-Book kommt mir nicht ins Haus! Wir sind beide Menschen, die das Haptische brauchen. Ein echtes Buch ist sinnlich: Es riecht, es fühlt sich gut an, sieht – mehr oder weniger – gut aus. Das gehört für uns einfach dazu.

In der Nähe:
Andrea Sawatzki, Lesung: „Andere machen das beruflich“, 15. Januar, 20.30 Uhr, Hugendubel, Am Brand 33, Mainz.

Aktuelle Veröffentlichungen:
„Der Apfelbaum“ (Christian Berkel, ISBN: 13 978-3548060866 ) „Andere machen das beruflich“ (Andrea Sawatzki, 13 978-3492060899)

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