Wie viel Hiphop steckt in der Südpfalz? 
Das PFALZ-ECHO probiert es aus

Rap, Graffiti, Breakdance und fette Beats. Nie war Hiphop in Deutschland so groß und so angesagt wie heute. Die Kunstformen dieser Jugendkultur gelten als urbane Erscheinungen, die Zentren schöpferischer Kraft liegen in Berlin, Hamburg oder dem Ruhrpott. Doch wie viel Hiphop lässt sich in der ländlichen Südpfalz finden? Nathalie Müller vom PFALZ-ECHO begab sich auf die Suche und sprach unter anderem mit Graffitikünstlern und Rappern.

Kunst: Graffiti

Um mehr über Graffiti zu erfahren treffe ich mich mit dem Wörther Künstler Andreas Hella, der seit ca. drei Jahren mit jugendlichen Sprayern zusammenarbeitet, um graue Betonflächen im Wörther Stadtgebiet zu verschönern. Früher als Schmierereien verpönt, ist das Malen mit der Spraydose mittlerweile unter den Namen Street Art oder Urban Art salon- und galeriefähig geworden. Er erzählt mir, dass die wachsende Popularität von Graffiti an der Weiterentwicklung der Kunstform liege. Die Bandbreite reicht heute vom schlichten Hinterlassen des eigenen Namens oder Zeichens (sog. „tags“) auf möglichst vielen Oberflächen über größere Schriftzüge („Throw-ups“) oft begleitet von comicähnlichen Figuren („characters“), bis hin zu größeren Bildern mit zunehmend politischer und sozialkritischer Aussage. Da Sprayer meist keine klassische Kunstausbildung an einer Akademie mitbringen, ist ihre Kunst freier und unverfälschter und die öffentliche Wahrnehmung früher vorhanden, sagt Hella. Den Reiz des illegalen Sprayens kann er nachvollziehen, trotzdem hält er nichts davon. „Respekt vor der Arbeit des Künstlers setzt Respekt vor dem Eigentum voraus.“ Ganz legal entstanden sind dagegen die Kunstwerke, die vom 2. Juni bis zum 2. Juli bei der Urban Art-Ausstellung im Alten Rathaus in Wörth betrachtet werden können. Darunter Werke der sächsischen Graffitilegende Tasso. Tasso und seine Crew Ma ‘Claim sind weltweit bekannt für ihre fotorealistischen Kunstwerke.

Musik: Der Rap

Die Suche nach Rappen in der Pfalz stellt sich als schwieriger heraus, als gedacht. Schließlich stoße ich auf den Landauer Reggaemusiker Solomon Seed, der letzten Oktober sein Debutalbum Modern Media World War veröffentlichte und der seine ersten musikalischen Gehversuche im Freestyle Rap unternommen hat. Wir treffen uns in „Das Haus“ in Landau um über seine Verbindung zu Hiphop zu sprechen. Diesen entdeckte er in den 90er-Jahren im Alter von zwölf Jahren durch Künstler wie Main Concept, Blumentopf, Freundeskreis oder den Wu-Tang Clan. Ein paar Jahre später versuchte er sich selbst im Freestyle Rap, als er sich mit einem Kumpel in dessen Keller traf, um Instrumentals von der Schallplatte zu berappen und sich dabei auf Kassette aufzunehmen. Er erzählt mir, dass ihn besonders die intensive Auseinandersetzung mit der Sprache und die Herausforderung, seine Gedanken spontan in Reimform zu fassen fasziniert habe. Hiphop sei eine kreative und positive Art und Weise sich auszudrücken, die er mit Freundschaft, Offenheit, Toleranz und Freiheit assoziiere. In der Zukunft möchte er gerne eigene Raps veröffentlichen, wann es soweit sein wird, ist jedoch noch unklar.

Tanz: Breakdance

Zu guter Letzt möchte ich mehr über das B-boying erfahren, umgangssprachlich auch Breakdance genannt (wobei dieser Begriff von Teilen der Hiphopszene aufgrund seiner kommerziellen und oft szenefremden Verwendung abgelehnt wird). Also mache ich mich wieder auf nach Landau zur Tanzschule Wienholt, wo jeden Donnerstag und Freitag eine Breakdancestunde stattfindet. Dort treffe ich auf eine Gruppe von ca. 15 Jungen und einem Mädchen im Alter von zehn bis zwanzig Jahren, die sich zu treibenden Hiphop-Beats auf dem Boden drehen und akrobatische Standfiguren üben. Schnelligkeit, Improvisation, Individualität – Attribute, die man allen Elementen des Hiphop zuordnen kann-werden hier besonders greifbar. Im B-boying gibt es vier Kategorien von Tanzschritten, erklären mir Valentin (20) und Louis (17), die Trainer der Donnerstagsgruppe. Der Begriff „toprock“ bezeichnet alle Schritte und Gesten, die im Stand ausgeführt werden, „downrock“ steht für Bewegungen, bei denen sowohl die Füße, als auch die Hände den Boden berühren, sogenannte „powermoves“ sind Rotationen und akrobatische Figuren, die den Tanz für einige Sekunden unterbrechen oder beenden nennt man „freezes“. Valentin erklärt sich bereit mir ein paar grundlegende Schritte zu zeigen. Zugegeben mein 6-step (downrock mit sechs Schritten um die eigene Achse) sieht eher holprig aus, dafür bekomme ich am Ende einen ganz passablen babyfreeze hin.

Noch mehr Hiphop: Till Heim aka. „Sign“ – Mediendesigner und Graffitikünstler aus Landau

Durch einen Hinweis von Solomon Seed entdecke ich den Landauer Till Heim aka. „Sign“. Der Mediendesigner und Graffitisprayer, dessen Pseudonym seinen Anspruch wiederspiegelt Zeichen zu setzen hat schon mehrere Hundert Graffitis erstellt und verschönert regelmäßig die kahlen Wände seiner Auftraggeber mit einzigartiger Kunst aus der Dose. Im Vergleich zum Malen mit Pinsel und Streichfarbe könne man beim Sprayen schneller großflächige Motive erschaffen, das zeichne die Kunstform aus, sagt er. Till Heims Stil lässt sich am besten als grafisch beschreiben, je nach Auftrag, bedient er sich jedoch auch anderer Stile, Wandel und Vielseitigkeit in der Kunst sind ihm wichtig. Durch seine Vorliebe für Graffiti sei auch das Interesse an der Hiphopkultur und an Rapmusik entstanden. Durch die Beastie Boys und Mobb Deep fand er in den Neunzigern Zugang zum Genre, mittlerweile hört er auch Deutschrap z.B. Megaloh, Chefket und Dendemann.
Kontaktdaten und zahlreiche Arbeitsproben sind online unter 
www.sign-portfolio.de und www.facebook.com/sign.vgrfk zu finden.

Mein Fazit nach diesen interessanten Begegnungen: die Pfalz verfügt zwar über keine ausgesprochene Hiphopszene, wie sie in den Großstädten zu finden ist, wer aber genau hinsieht kann auch hier Menschen treffen, die sich mit der Kultur identifizieren. (nam)