Von Spargelurin und Einhörnern

Mahlzeit! Die Pfalz-Echo-Mittagspausen-Kolumne

Schwungvoll öffnet sich die Tür zum Pausenraum. Herr Schmidt rauscht herein, hebt mahnend den rechten Zeigefinger und sagt: „Ab sofort herrscht absolutes Pinkelverbot! Wer muss, geht bitte in den Keller!“ Elli fällt ihre Gabel aus der Hand, Paula muss Günter zur Hilfe eilen, weil er sich an seinem Mittagsessen verschluckt hat. Ansonsten herrscht Stille.
Elli findet als erste ihre Sprache wieder: „Pinkelverbot? Das ist aber eine sehr drastische Maßnahme, um uns eine Lektion zu erteilen, weil der Süßigkeitenkorb nicht aufgefüllt wurde“, protestiert sie.
„Darum geht es doch gar nicht“, entgegnet Herr Schmidt und versucht zu beruhigen. „Schaut mal alle auf euren Teller.“ Elli, Paula und Günter blicken gleichzeitig herunter, das Fragezeichen in ihren Gesichtern wird jedoch noch größer. „Und? Was seht ihr da?“, fragt Herr Schmidt und wartet darauf, dass einer seiner Schützlinge die Erleuchtung hat. „Okay, dann frage ich so: ‚Was esst ihr da?‘“, bohrt Herr Schmidt ungeduldig weiter. „Spargel“, rufen Elli, Paula und Günter im Chor und warten auf ein Lob, weil sie die richtige Antwort gegeben haben. „Ja, genau, Spargel, dieses Teufelsgemüse! Und deswegen: Wer pinkeln muss, geht in den Keller!“, beschließt Herr Schmidt.
„Ah, jetzt weiß ich, was du meinst“, geht Günter ein Licht auf. „Der beißende Geruch, wenn man Wasser lässt und zuvor Spargel gegessen hat.“ Herr Schmidt klatscht erleichtert in die Hände: „Bravo Günter.“
„Mein Urin riecht nicht beißend“, lenkt Elli empört ein. „Auch nicht, wenn ich Spargel gegessen habe.“ „Soll das heißen, du bist eine dieser seltenen Phänomene, bei dem der Urin nach Sternenstaub und Regenbogenglitzer riecht?“, witzelt Paula. „Ich wusste es schon immer: Du bist ein Einhorn.“ „Haha!“, entgegnet Elli genervt.
„Paula, Elli hat Recht“, stellt sich Günter auf Ellis Seite. „Denn nur bei jedem zweiten Menschen riecht der Urin nach dem Spargelverzehr penetrant. Das liegt daran, dass im Spargel die schwefelhaltige Carbonsäure Asparagusinsäure C4H6O2S2 enthalten ist“, spricht er wissend weiter und setzte seinen Monolog mit Professorenmiene fort: „Bei der Ausscheidung über den Urin wird die Carbonsäure zu Substanzen abgebaut, die den charakteristischen Spargelurin-Geruch verursachen. Und nicht alle Menschen können Asparagusinsäure zu diesen penetrant riechenden Substanzen abbauen. Die Folge ist, wie bei unserer Elli, dass der Urin nicht stinkt.“ Günter ist noch nicht fertig: Apropos Urin: Habt ihr gewusst, dass Spargel nach der Aminosäure L-Asparagin benannt ist, die bei Genuss, zusammen mit dem hohen Kaliumgehalt, harntreibend wirkt?“
Paula fällt ein Stück Spargel aus dem Mund – der Vortrag von Günter hat sie sichtlich beeindruckt. Auch der Rest der sich im Pausenraum aufhaltenden Personen blickt andächtig zu Günter. Wieder herrscht Stille im Pausenraum. Es ist fast so, als hätte Herr Schmidt das Pinkelverbot auf den Keller ausgeweitet. Und wieder ist es Elli, die als erste ihre Sprache wiederfindet. „Klingt ja ganz nett, Günter, aber Paulas Ansatz gefällt mir dann doch besser: Ich bin definitiv ein majestätisches Fabeltier! Und auch Einhörner müssen mal pinkeln. Mahlzeit!“