„Wir sind ein notweniges Übel“

Unter vier Augen: Sportkommentator Béla Réthy über Manöverkritik, soziale Netzwerke und Eintracht Frankfurt

Kandel. Er kommentierte bei der Fußball-WM 2014 das legendäre Spiel der deutschen National- mannschaft gegen Brasilien und feierte mit Deutschland das 7:1 – Béla Réthy. Der 1956 in Wien geborene Sportjournalist ist seit Jahren für das ZDF an vorderster Front und kommentiert Spiel um Spiel. Markus Eisel vom PFALZ-ECHO traf den sympathischen Kommentator und erhielt spannende Einblicke hinter die Kulissen der Fußball-Übertragungen.

Gab es für dich als Sportmoderator ein Vorbild? 

Béla Rhéty: Als Jugendlicher hab ich mir gerne die Skiübertragungen angeschaut, die inhaltlich gar nicht so substantiell waren, aber einfach mitreißend verkauft worden sind. Das war schon sehr gut gemacht! Ansonsten waren meine Vorbilder eher die brasilianischen Hörfunkreporter, weil ich ja auch in Brasilien aufgewachsen bin. Das sind die Stimmen meiner Kindheit.

Für uns gab es früher die Moderatoren Meier, Müller, Tor.

Béla Rhéty: Ja, das war Rudi Michel, Südwestfunk. Ernst Huberty. Da durfte man nicht zu sehr patriotische Gefühle zeigen.

War das damals eine Vorgabe? 

Béla Rhéty: Das war ein gesellschaftlicher Trend, keine Vorgabe. Vorgaben wurden damals so wenig gemacht wie heute. Aber es war eben der Zeitgeist. Zu viel Adler, zu viel Deutschland und zu viel Jubel gehörte sich einfach nicht zu der Zeit. Da gab es ja glücklicherweise nen Wandel!

Wenn du beispielsweise ein Länderspiel kommentierst, gibt es danach auch Manöverkritik in der Redaktion? 

Béla Rhéty: Über den Reporter spricht man intern am allerwenigsten. Man spricht über die Sendung, den Vorlauf, den Nachlauf und das Ganze. Bei uns ist das so: Wenn der Reporter abgibt an den Kommentator und es läuft, dann interessiert sich keiner mehr für uns. Wir sind ein notwendiges Übel. Es gibt Kritik nur dann, wenn man irgendeinen Bolzen drin hat. Dann natürlich schon!

Schaust du dir die Spiele danach noch mal an? 

Béla Rhéty: Nein, das hab ich noch nie. Ich bin ja auch zu diesem Job gekommen, weil ich gewissermaßen eine aktuelle Mentalität habe. Was vorbei ist, ist vorbei. Und dann denk ich schon an Reiseabrechnung und nächste Projekte. Ich habe mich zwangsläufig in historische Rückblicken gehört, aber ich habe noch nie eine komplette Reportage von mir angehört. Man kommt sich da auch so fremd vor, auch noch nach 23 Jahren Livereportage.

Siehst du das Spiel alleine oder hast du Experten um dich rum? 

Béla Rhéty: Der Expertenkreis wird immer größer, es wird immer analytischer. Ich habe aber im Prinzip immer einen festen Ansprechpartner. Der ist ein bisschen korrektiv: quatsch nicht so viel, quatsch mehr, schlaf nicht ein, etc. Er versetzt sich eben in die Position des Zuschauers. Und da baut man auch ein Vertrauensverhältnis auf. Ja, und jetzt suche ich für Frankreich einen neuen Partner.

Und wie ist das mit Oliver Kahn wenn er als Experte mit dabei ist? Habt ihr Kontakt während des Spiels? 

Béla Rhéty: Wir haben vorher Kontakt, aber nicht während des Spiels. Als wir angefangen haben, zusammenzuarbeiten, ist er erst mal zu mir gekommen und hat sich an ein Interview vor fünf Jahren erinnert, bei dem wir Streit bekommen haben. Ich habe damals einfach nicht nachgelassen (schmunzelt). Er hat sich ein bisschen über mich beschwert, ich sei vorurteilsbehaftet. Aber na ja. Oliver Kahn und Mehmet Scholl spornen sich auch gegenseitig an. Beides Karlsruher, beides Fußballexperten.

Gibt es für einen Reporter das eine Spiel, das man unbedingt kommentieren will?

Béla Rhéty: Das habe ich ja hinter mir. Zweimal das WM-Finale, dreimal das EM-Finale kommentiert und dreimal die Champions League. Ich bin durch. Ich habe 1992 angefangen zu kommentieren und bei meinem zweiten Turnier 1996 habe ich gleich das Finale kommentiert. Das soll nicht so klingen, dass ich satt bin – es macht immer noch unglaublichen Spaß, ins Stadion zu gehen! Und der Job ist toll. Aber so große Ziele habe ich jetzt nicht mehr vor mir.

Du lernst viele Spieler und Trainer ja privat kennen. Ist es da schwierig, die Distanz zu wahren? 

Béla Rhéty: Man muss sich daran erinnern, Distanz zu bewahren. Ich bin oft eingeladen zu Events, aber da gehe ich nicht hin. Nächstes Mal muss ich dem Spieler dann vielleicht sagen, dass er schlecht gespielt hat – ich halte da gezielt Distanz. Ich kenne eher die Leute, die schon aufgehört haben, die nicht mehr in mein Tagesgeschäft fallen. Mit aktuellen Leuten habe ich wenig Kontakt, außer jetzt mit Jürgen Klopp, der aber ja auch bei uns im ZDF Mitarbeiter war. Den kenn ich privat ein Stückchen mehr, aber das ist auch die Ausnahme. Aber er und ich trennen Privates und Geschäftliches auch.

Wird seitens der Verbände denn auch Druck auf euch ausgeübt? 

Béla Réthy: Noch nie, nein. Ganz offen gesprochen: Ich kann sagen, was ich will. Wenn ich zu viel rede, nehmen sie mich irgendwann aus der Sendung (lacht). Ansonsten…

Wie hat sich für dich der Fußball in den letzten 25 Jahren verändert?

Béla Rhéty: Die Athletik ist enorm. Ich habe 1992 angefangen, live zu kommentieren und man muss da im Laufe der Zeit seine Methoden schon umstellen. Fußball ist so schnell geworden! Früher hat man sich beim Kommentieren kleine Geschichten zurecht gelegt, weil man einfach viel „tote Zeit“ überbrücken musste mit Infos. Das ist heutzutage gar nicht mehr möglich. Inzwischen arbeiten wir fast ganz ohne Papier. Ich habe nur noch eine einzige Karteikarte mit einer Stichwortliste, mit der ich arbeite. Da sind dann Themen drauf, die man nicht vergessen darf. Aber die paar Sekunden, die man früher zum Umblättern der Notizen brauchte, darf man heute nicht mehr wegschauen bei einem Spiel! Wir müssen unsere Methoden ja auch an das Tempo anpassen. Früher stand man mit dem Kamerateam am Spielfeldrand und hat Interviews gemacht. Wenn ich heute da stehe und sehe, mit welcher Power da Zweimeter-Pässe gespielt werden – wow! Da hat sich einiges getan!

Es kommen ja jetzt viele Dinge ans Tageslicht – Stichwort gekaufte WM. Ist das nicht schon lange bekannt? 

Béla Rhéty: Es ist ein geschlossenes System, das schon immer so praktiziert wurde. Ich glaube, wenn man ein Turnier bekommen will, dann braucht man – und das ist jetzt ein dehnbarer Begriff – viel Überzeugungskraft. Und das kann die verschiedensten Facetten haben. Dass ein Land nur aufgrund schöner Werbung und netter Menschen ein Turnier bekommt, ist ausgeschlossen. Auch bei der Vergabe der Olympischen Winterspiele 2022 sieht man das doch – die demokratischen Staaten werden immer weniger. Oslo hat freiwillig verzichtet, München hat verzichtet… Ich würde das alles ein bisschen differenzieren. Die vier Wochen WM in Deutschland waren grandios und die bleiben grandios. Das macht die Geschichte nicht sauberer, aber man muss trennen zwischen Vergabe und der Veranstaltung.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass da jetzt so heiß drüber diskutiert wird?

Béla Rhéty: Das ist diese Moral-Gesellschaft, die alles auf links dreht. Es ist ganz richtig, dass man so etwas überprüft. Aber nach allem, was da jetzt aufgedeckt wird, habe ich noch immer keine drei verwertbaren Fakten gefunden! Es ist immer noch ein Rechtsstaat – da kann man spekulieren: Die Annahme, dass wir die WM nicht nur bekommen haben, weil wir nette Menschen sind, ist da und völlig logisch. Aber letztlich gibt es noch immer keine verwertbaren Beweise. Und das ist nun mal das Kriterium – wir sind wie gesagt ein demokratischer Rechtsstaat und nicht Nordkorea.

Wie schwierig ist es für dich, mit Kritik umzugehen? 

Béla Rhéty: Ich finde es nicht schwierig, mit Kritik umzugehen, wenn es Argumente gibt. Dann kann man darauf reagieren.

Ganz aktuell – bestes Beispiel ist sicherlich die Flüchtlingskrise – wird ja in den sozialen Netzwerken allerorts gehetzt.

Béla Rhéty: Bei uns auch, klar. Je bekannter man wird, desto mehr Kritik gibt es. Solche Leute brauchen jemanden, an dem sie sich reiben können, ist doch wunderbar. Anfangs ist das natürlich nicht von mir abgeprallt. Man ist ja von so blöden Äußerungen auch überrascht und der Gerechtigkeitssinn rebelliert. Jeder kann mich scheiße finden, aber soll mir bitte sagen, warum. Einfach beschimpfen ist halt zu wenig. Damit kann man umgehen. Aber inzwischen ist man, was diese Kommentare angeht, auch echt abgestumpft. Ich finde es einfach schlimm, wie 70 Jahre nach einer Schreckensherrschaft in Deutschland so viel Potential an Niedertracht und Hass entstehen kann. Und das, wo wir wirtschaftlich toll dastehen. Was wäre hier denn los, wenn wir wirtschaftliche und soziale Krisen hätten. Man beleidigt Menschen einfach so, aus dem hohlen Bauch heraus. Was da in den Köpfen von vielen Menschen passiert, ist alarmierend. Aber es gibt gerade bei mir persönlich auch mal fachliche Briefe, in denen mir Leute schreiben, dass ihnen meine Reportage aus den folgenden Gründen nicht gefallen hat. So was beantworte ich dann auch!

Du bist knapp über 50 – wie lange willst du im Job bleiben?

Béla Rhéty: So lange es Spaß macht und mir macht es Spaß. Ich würde irgendwann gerne selbst bestimmen, wann ich gehe und nicht vom Hof gefegt werden. Im Moment bin ich noch gefragt. Ich hoffe, den Zeitpunkt nicht zu verpassen, wenn mich die Leute nicht mehr wollen und es sich noch nicht trauen, mir zu sagen. Ich müsste noch sieben Jahre beim Sender arbeiten, ob ich die aber durchkommentieren muss, sei dahin gestellt. Die WM in Russland würde ich aber auf jeden Fall gerne mitmachen! Und dann schauen wir mal.

Und so ein Weg wie Marcel Reif, der zu Sky ging – könntest du dir vorstellen, so einen einzuschlagen? 

Béla Rhéty: Klar, das ist denkbar. Ich gab auch viele Gespräche. Aber ich bin da bodenständig. Der Intendant und der Kabelträger sind für mich Kollegen. Ich kenne so viele Leute beim ZDF, jeden Pförtner, jeden im Fahrstuhl. Das ist für mich ein Stück „Dazugehörigkeit“. Geldtechnisch gab es sicherlich bessere Angebote und ich habe da natürlich auch drüber nachgedacht, aber ich bin da meinem Instinkt gefolgt und bin dageblieben.

Aber gerade zu Marcel Reif hast du trotzdem noch Kontakt? 

Béla Rhéty: Ja, klar! Auf der Arbeitsebene sind wir alle fast befreundet. Auch mit Tom Bartels von der ARD. Wir reden da nicht drüber, wer bei welchem Sender arbeitet – wir sind einfach Kollegen.

Gerhard Delling hat mir erzählt, dass er beim SWR unheimlich viel Vertrautheit empfunden hat und ihm der Wechsel wahnsinnig schwer gefallen ist. 

Béla Rhéty: Ja, so ist es bei mir auch. Mir wäre es wirklich schwer gefallen, die Kollegen, die ich seit 30 Jahren kenne, zu verlassen. Wenn es die Not gegeben hätte, dann okay. Aber so… hat sich der Gedanke erledigt.

Ist es heutzutage noch ein Problem, wenn man von Sport1 zum Doppelpass eingeladen wird? 

Béla Rhéty: Im Gegenteil. Der Sender hat nix dagegen, wenn er ordentlich repräsentiert wird. Der Sender fördert das nicht, aber er stoppt das auch nicht. Die denken sich „Lieber sitzt einer von uns da als einer von den anderen!“ Früher, als sich die Sendung noch keinen Namen gemacht hatte, war das schwieriger. Da war das auch noch eine Krawallrunde. Aber die haben sich selbst sehr aufgewertet!

Hast du einen Lieblingsverein?

Béla Rhéty: Ja, ich bin sozialisiert worden mit der Eintracht. Und als Schüler und Student war ich immer bei der Eintracht Frankfurt. Ja, und jetzt macht mein Sohn ein duales Studium und sein Arbeitgeber ist eben auch Eintracht Frankfurt. Wobei, ich muss schon sagen, das geht normalerweise nicht bei uns. Ich mag auch Mainz 05, weil ich den ganzen Weg vom Verein verfolgt habe – den Weg fand ich großartig. Ich sympathisiere also auch mit Mainz!

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