Bornheim/Kandel. Von 1974 bis 1996 war der Storchenbestand in Rheinland-Pfalz erloschen. Der Rückgang zeichnete sich bereits in den 50er Jahren ab. 1973 brütete das bis dahin letzte pfälzische und gleichzeitig rheinland-pfälzische Weißstorchenpaar in den Queichwiesen bei Offenbach. Das Aussterben des Weißstorchs in Rheinland-Pfalz wurde allgemein als Verlust betrachtet, ist der Storch doch zentrale Figur zahlreicher Geschichten und Mythen.

Norbert Rapp (links) und Christian Reis bei einer Beringungsaktion. (Foto: ebl)

Versuche von Naturschützern, den Zugvogel mit Nisthilfen oder mit der Anlage von Amphibientümpeln anzulocken, blieben ergebnislos. 1994 riefen der damalige Bürgermeister von Bornheim und Landtagsabgeordnete Dieter Hörner und der Umweltpfarrer der evangelischen Kirche der Pfalz Gerhard Postel die Aktion PfalzStorch ins Leben, die 1998 ein eingetragener Verein wurde. Viele Personen, Gemeinden, Naturschutzvereine und andere Initiativen schlossen sich an. Ziel war es, frei fliegende, sich selbst ernährende Störche in der Pfalz wieder heimisch zu machen.
Hilfe kam aus Baden-Württemberg, wo nach einem Tiefpunkt von nur noch 15 Storchenpaaren 1975 ein Wiederansiedlungsprojekt gestartet wurde. Dieses Projekt wurde 1997 mit 151 Brutpaaren und 
383 frei ausgeflogenen Jungstörchen erfolgreich abgeschlossen. Das bot die Möglichkeit, einige Projektpaare in die Pfalz zu überführen. Sie wurden in der Nähe von vorbereiteten Hochnestern freigelassen. In zahlreichen Fällen nahmen sie das Nest an, brüteten, zogen Jungen auf und blieben standorttreu.
Diese in Gehegen aufgewachsenen Störche mussten zu Beginn gefüttert werden. Sie entdeckten aber zunehmend das Nahrungsangebot ihrer Umgebung und viele schafften es, völlig unabhängig von menschlicher Zufütterung zu werden. Ihre Jungen flogen frei aus und zogen selbständig nach Süden, wie Ringablesungen ab 1997 belegten. Die ersten in der Pfalz geschlüpften Jungstörche kamen 1999 geschlechtsreif zurück und ließen sich zum Brüten nieder.

Die frei in der Landschaft fliegenden Störche erbrachten einen großen Motivationsschub für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. In den folgenden Jahren siedelten sich immer mehr Weißstörche in der Pfalz an. Das Storchenzentrum in Bornheim, Sitz des Vereins unter Vorsitz von Dieter Zeiß und Norbert Arend, sorgt dafür, dass der Naturschutz mit dem Storch fortgesetzt wird.

Viel ehrenamtliche Arbeit wird geleistet. Alle Beringungen in der Südpfalz nimmt z. B. Christian Reis, Neupotz, in seiner Freizeit vor. „Unter der Woche abends beringe ich in Nestern, wo ich aus den Dächern rausgehen kann. An Wochenenden stellt Bauspenglerei Kern, Billigheim-Ingenheim, den Hubsteiger kostenlos zur Verfügung.“ Reis ist schon im Frühjahr mit Fernrohr und Foto unterwegs und liest die Ringnummern ab. „Viele weiß ich auswendig, Dann kann ich schon sagen: Das ist ein bekanntes Paar.“

Storchenjungen, vor einem Tag geschlüpft. (Foto: Aktion PfalzStorch)

„Mittlerweile haben wir einen Bestand an Storchenpaaren erreicht, der über dem von 1905 liegt, als die erste Zählung stattfand“, freut sich Norbert Rapp, Kandel, vom Naturschutzverband Südpfalz. „2016 brüteten über 250 Storchenpaare in Rheinland-Pfalz, davon ca. 150 in der Südpfalz. Der Weißstorch gehört wieder zu dem gewohnten Bild in den Wiesenlandschaften. Er ist ein typischer Kulturfolger.“

Beim Spargelfest 2012 wurde am Obst- und Spargelhof Zapf, Am Holderbühl 1, ein Storchennest aufgestellt – in der Hoffnung, dass sich nach rund 50 Jahren wieder ein Storchenpaar in Kandel niederlässt. 2016 gab es in diesem Nest den ersten Nachwuchs. Dieses Jahr hat das nesttreue Altpaar drei Junge ausgebrütet. Ein weiteres Storchenpaar zieht zurzeit bei der Kandler Bienwaldhalle zwei Jungen groß.

Inzwischen sind auch zahlreiche pfälzische Störche mit Sendern ausgestattet. „Mit der entsprechenden App kann jeder ihren Aufenthaltsort feststellen. Durch Senderstörche haben wir schon viel über die Flugrouten und die Überwinterung herausgefunden“, so Reis. (ebl / Titelfoto: ebl)