Comedian, Sänger und Radiomoderator Sven Hieronymus wurde in den Aufsichtsrat des Fußballvereins Mainz 05 gewählt. Er moderiert erfolgreich den „Rockertreff“ – eine Hard-Rock und Heavy-Metal-Sendung auf RPR1 und ab September geht er mit neuem Comedy-Programm auf Tour. Markus Eisel traf den Mainzer zum Interview.

Wie wird man eigentlich Comedian?

Sven Hieronymus: Das kam bei mir ziemlich überraschend. 2004 ist Mainz 05 in die Erste Liga aufgestiegen und dann hat mich die Allgemeine Zeitung in Mainz gefragt, ob ich nicht aus Fan-Sicht eine wöchentliche Kolumne schreiben möchte. Ich hatte so etwas zwar vorher noch nie gemacht, aber ich wusste, eine gewisse Art von Humor habe ich, und habe zugesagt. Diese Kolumne wurde dann ein großer Erfolg. Nach der Saison kam dann ein Verlag auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich die Kolumne nicht als Buch veröffentlichen möchte. Ich dachte mir „Wieso nicht?“, und als das Buch veröffentlicht wurde, verkaufte sich auch das sensationell. Dann kam das Unterhaus in Mainz auf mich zu und fragte, ob ich nicht bei ihnen eine Lesung der Kolumnen machen wolle. Das hab ich am Anfang aber abgelehnt, da ich dachte, die Leute haben sie in der Zeitung gelesen, dann im Buch und dann soll ich sie ihnen nochmal vorlesen? Das macht doch keinen Sinn. Dann haben sie mich aber gezwungen – mit Geld.

Das ist natürlich bitter.

Sven Hieronymus: Ja, mir wurde dann vorgerechnet, was ich an so einem Abend verdienen würde. Das war wirklich viel Geld und ich dachte nur: Warum eigentlich nicht? Ich rief meine Zeitung an und bat sie, ein wenig Werbung dafür zu machen, und drei Tage später bekam ich einen Anruf, dass alle drei Veranstaltungen ausverkauft wären. Ich war echt geplättet. Dann haben sie mich aber gefragt, warum ich denn ein Comedy-Programm machen würde und nicht wie besprochen eine Lesung. Da bin ich bald aus allen Wolken gefallen, denn meine Zeitung hatte – ohne mein Wissen – angekündigt: „Sven Hieronymus mit neuem Comedy-Programm.“ Dann war klar, eine Lesung konnte ich nicht mehr machen, aber ein Comedy-Programm hatte ich ja auch noch nie geschrieben. Ich dachte nur, komm, probiere es, vielleicht klappt‘s ja. Also setzte ich mich hin und schrieb ein Comedy-Programm. Ich hatte ja nichts zu verlieren. Am Tag des Auftritts ging es mir ganz furchtbar – ich habe noch nie so gelitten wie an diesem Tag. Aufgrund dessen habe ich mit dem Veranstalter vor Ort ausgemacht, sollte das Publikum nach dem dritten Gag nicht lachen, brechen wir ab. Dann bekommen die Leute ihr Geld zurück, aber ich stelle mich nicht zwei Stunden auf die Bühne und blamiere mich. Zum Glück hat das Publikum schon nach dem ersten Gag gelacht und der Auftritt wurde ein großer Erfolg. So kam eins zum anderen. Ich schmiss alles andere hin und konzentrierte mich nur noch auf Comedy.

Sven Hieronymus und Markus Eisel. (Foto: privat)

Ist es nicht unheimlich schwierig, immer lustig zu sein?

Sven Hieronymus: Das hat mich noch nie jemand gefragt, ob es schwer ist, lustig zu sein. Ich glaube, für viele ist es das – für mich ist es allerdings nicht schwer, weil ich schon immer lustig war. Dass ich lustig bin, das wusste ich. Ich habe einen sehr spontanen Humor. Dennoch ist es schwierig, ein komplettes Comedy-Programm auf die Beine zu stellen. Einfach weil man zwei Stunden am Stück lustig sein muss. Man muss auf vieles achten – dass man sich nicht wiederholt, das Publikum nicht langweilt, dass man authentisch bleibt. Für jemanden, der nicht die Voraussetzungen hat, ist lustig sein schon schwerer. Man darf nicht unterschätzen, wie schwierig es ist, Menschen zwei Stunden nur mit Sprache zu unterhalten. Das ist eine Kunst.

Wenn du ein neues Programm schreibst, besteht da nicht die Gefahr, sich zu wiederholen?

Sven Hieronymus: Naja, bei mir ist das relativ einfach, weil ich ja auf der Bühne der bin, der ich auch sonst bin. Ich schreibe immer über das, was ich erlebt habe. Es hat damit angefangen, als meine Kinder noch klein waren, jetzt sind meine Kinder groß und im neuen Programm geht es dann beispielsweise um den Auszug meiner Tochter. Das erzähle ich und die Leute können es nachvollziehen, weil ich ja im Prinzip nichts anderes erlebe als sie. Ich glaube, deshalb mag mein Publikum das, was ich mache, und ich hoffe, sie kommen deshalb immer wieder. Sie wollen ja wissen, wie es weiter geht. Daher ist es für mich kaum möglich, mich zu wiederholen. Es wird schwierig werden, wenn die Kinder wirklich einmal raus sind, dann habe ich nur noch meine Frau und den Hund. Da könnte es schwierig werden, damit zwei Stunden zu füllen (lacht) Ich kann mir ganz schlecht Geschichten ausdenken, das passt auch nicht zu mir und deshalb spreche ich immer über das, was ich auch erlebt habe. Natürlich fantasiert man auch etwas dazu, um die Situation zu überspitzen, das ist klar, aber die meisten Geschichten schreibe ich mir auf, nachdem ich sie erlebt habe. Vieles mache ich auch extra um eine Geschichte zu bekommen, z. B. in ein veganes Kochstudio gehen. Der Unterschied zwischen einem Comedian und einem normalen Menschen ist, dass der Comedian in einer normalen Situation den Witz erkennt, wo andere Leute gar keinen Witz sehen und es schafft, diesen dann auch für die Bühne spielbar umzusetzen.

Baust du auch spontane Komik in deine Auftritte ein?

Sven Hieronymus: Natürlich, ich liebe das. Mittlerweile hält sich mein Publikum schon zurück, weil es Angst hat. (lacht) Früher war es noch mehr, heute habe ich wirklich das Gefühl, dass das Publikum zurückhaltender geworden ist, aus Angst miteinbezogen zu werden. Bei dieser Spontaneität passieren aber oft Sachen, die wirklich so witzig sind, ich das aber in diesem Moment gar nicht mitbekomme. Nach dem Auftritt werde ich dann darauf angesprochen. Während des Auftritts ist man sehr konzentriert und so unter Adrenalin, dass man geile Adaptionen hinbekommt, die man unter normalen Umständen gar nicht hinbekäme. Und die Leuten halten einen dann für wahnsinnig witzig, obwohl es nur Adrenalin ist. (lacht)

Werden deine Auftritte aufgenommen?

Sven Hieronymus: Nicht immer. Wenn ich eine CD mache, dann ja. Da wird meistens im Mainzer Unterhaus aufgenommen, weil das quasi mein Wohnzimmer ist. Wenn ich mir dann die Aufnahmen anhöre, bekomme ich auch die spontanen Witze mit und finde mich manchmal sogar selbst witzig (lacht). Ich kann es mir z. B. nicht entgehen lassen, wenn in der ersten Reihe jemand aufsteht und raus geht. Das schnappt man auf und spielt damit. Es ist aber trotzdem wichtig dass es witzig bleibt, es darf auch über die Person gelacht werden, aber man muss auch noch die Kurve bekommen, um die Person nicht bloßzustellen. Diese Person muss am Ende als Gewinner rausgehen.

Du bist hauptsächlich im Rhein-Main-Gebiet zu Hause.

Sven Hieronymus: Ja schon. Ich sage mal so, wo RPR1 aufhört, höre auch ich fast auf. Ich strebe auch nicht mehr wirklich an, bundesweit Erfolg zu haben. Wenn sich das durch eine Situation ergeben sollte, nehme ich das natürlich mit, es ist aber nicht mehr mein Ziel. Mein Ziel war immer, davon leben zu können, die Familie davon ernähren zu können. Mein zweites Ziel war es, das so lange wie möglich zu machen. Ein großes Vorbild von mir in dieser Hinsicht ist Gerd Dudenhöffer, der seit vielen, vielen Jahren treues Stammpublikum hat und hier in der Gegend die Hallen füllt. Das finde ich genial! Wenn ich das machen kann, bis ich 65 Jahre bin, bin ich vollkommen zufrieden. Das reicht mir völlig.

Ein zentraler Punkt deines Lebens ist Mainz 05. Dort bist du nun sogar im Aufsichtsrat?

Sven Hieronymus: Sogar mit den meisten Stimmen. Das hat mich umgehauen. Als ich das auf der Leinwand sah, war ich echt sprachlos. Dass ich eine Chance hatte, daran habe ich schon geglaubt, aber dass ich die meisten Stimmen bekomme, das hat mich wirklich umgehauen. Ich hatte aber auch das Gefühl, dass das vielleicht auch daran lag, dass ich immer authentisch bin. Ich bin immer – egal in welcher Situation – ob Bühne oder privat,  einfach nur Sven. So etwas merken sich die Menschen. Es mag mich bestimmt nicht jeder, aber trotzdem habe ich SO viele Stimmen bekommen, wahrscheinlich weil selbst die, die mich nicht mochten, zumindest dachten: „Der ist halt, wer er ist, und steht zu seinem Wort!“

Wie ist es denn, wenn man so in die große Fußballwelt reinschnuppern kann? Ist das manchmal nicht erschreckend?

Sven Hieronymus: Ja. Es ist manchmal erschreckend, obwohl in unserem Verein sehr vieles sehr sauber läuft. Ich möchte da nicht bei anderen großen Vereinen sitzen (lacht). Wir in Mainz haben das Ziel, Probleme gemeinsam zu lösen und Wege für alle zu finden. Aber es ist schon anstrengend. Vor allem das letzte halbe Jahr war extrem hart. Es gab viele Ungereimtheiten zu überwinden. Jetzt bin ich auch noch im Aufsichtsrat und nicht mehr nur Fan. Das ist für mich noch emotionaler. Aber ich lasse mich auch nicht maßregeln, wenn ich mich im Stadion aufrege, weil unsere Jungs gerade ein schlechtes Spiel abliefern. Aber manchmal wäre ich gerne einfach nur wieder Fan. So muss ich mich in gewissen Situationen schon ein wenig  zurückhalten.

Ist es nicht erschreckend hinter die Kulissen zu schauen und das Gemauschel mitzuerleben?

Sven Hieronymus: Dafür stehe ich im Aufsichtsrat ein. Wir wollen genau das nicht mehr. Es gibt einen großen Zusammenhalt im Aufsichtsrat. Wir entscheiden meist einstimmig. Ganz selten gibt es Enthaltungen oder Gegenstimmen. Es gibt nun eine neue Führungsstruktur im Verein, die wir alle erst mal gemeinsam umsetzen mussten. Der vorherige Vorstand hat tolle Arbeit geleistet, ohne ihn wären wir nicht da wo, wir heute sind. Aber bei allem Respekt, es hatten sich auch Verhaltensweisen eingeschlichen, die wir so nicht mehr wollten.  Wir nehmen unsere Rolle sehr ernst.

Wie oft tagt der Aufsichtsrat?

Sven Hieronymus: Normalerweise sollte das einmal im Monat sein. Auch vierteljährlich wäre noch in Ordnung. Wir aber haben jetzt seit Juli 2017 über 20 Sitzungen gehabt. Jetzt, wo der neue Vorstand komplett ist, wird es aber weniger werden.

Du bist auch in den sozialen Medien sehr aktiv. Erschüttert dich auf solchen Plattformen nicht manchmal der fehlende Respekt im Umgang miteinander?

Sven Hieronymus: Soziale Medien gibt es ja schon länger und der Umgang war früher nicht so. Hier gebe ich ganz klar der AfD eine Mitschuld. Sie hat bestimmte Aussagen wieder salonfähig gemacht. Früher gab es Sätze, die nicht ausgesprochen wurden – das gehörte sich nicht. Durch Parteien wie die AfD hat sich das leider wieder geändert. Mit den sozialen Medien hat nun jeder sein Sprachrohr gefunden und kann seine Meinung äußern, auch wenn er keine Ahnung von nichts hat. Man darf aber auch nicht unterschätzen, wie viele Fake-Profile genutzt werden, um eine gewisse Stimmung zu erzeugen. Dagegen muss man sich wehren! Das zu ignorieren, das geht nicht mehr.

Noch ein paar Worte zu dir. Welche Idee steckt hinter dem „Rockertreff“ und der damit verbundenen Sendung?

Sven Hieronymus: Es war schon immer ein Kindheitstraum von mir. Ich wollte Rockstar oder Radiomoderator werden. Rockstar hat leider nicht geklappt, aber immerhin bin ich Comedian geworden (lacht).  Ich habe aber als Kind schon Radiosendungen gemacht. Ich hab meine Lieblings- Metalsongs laufen lassen und dazu moderiert, inklusive Verkehr, Wetter und so weiter. Halt nur für mich. Das hat mir großen Spaß gemacht. Mittlerweile bin ich ja schon seit über acht Jahren bei RPR1 als Morningshow Comedian „Rocker vom Hocker“ tätig. Ich hab dann bei RPR1 mal nachgefragt, ob ich nicht eine eigene Sendung bekommen könnte. Donnerstags abends von 22 bis 00 Uhr. Wir spielen Hard Rock und Metal und haben spannende Gäste.  Das war mein Traum! Wir haben uns dann zusammengesetzt und über meine Idee gesprochen. RPR1 hat mir dann völlig freie Hand gelassen, das rechne ich ihnen heute noch hoch an. Sie stellen mir jeden Donnerstagabend für zwei Stunden das Studio zur Verfügung und ich darf die Musik spielen, die mir gefällt und meine Gäste frei wählen. Und sie kommen alle. Und das auch noch gerne. Badesalz, Mundstuhl, Matze Knop, Abdel Karim etc. Vor knapp einem Jahr kam dann die erste Sendung – ich habe Blut und Wasser geschwitzt. Mittlerweile glaube ich, kann ich das, was ich da tue, und Dr. Rock und ich haben diese Sendung zu großem Erfolg geführt. Wir werden mittlerweile sogar europaweit gehört! Was mich wirklich am meisten freut, wenn ich von alten Hasen aus der Szene die Rückmeldungen bekomme, dass sie großer Fan meiner Sendung sind, weil sie so „anders“ ist. In der Sendung steckt viel Herzblut von mir, ich liebe es! Ich hoffe, dass ich den „Rockertreff“ noch lange machen kann. Für mich ist da wirklich ein Traum in Erfüllung gegangen und ich denke, dass das unsere Hörer auch wissen und „hören“.

Wenn wir schon über europaweites Publikum sprechen – es sind aber auch regionale Künstler in der Sendung vertreten.

Sven Hieronymus: Dieser Mix ist auch wichtig. Bekannte Künstler einzuladen, aber auch regionale Künstler nicht aus den Augen zu verlieren, um auch den regionalen Bezug zu erhalten. Der Mix macht es. Da haben Dr. Rock und ich sehr gute Erfahrungen mit gemacht. Sonst bekommen ja „unbekannte“ Bands kein Forum. Bei uns haben sie die Möglichkeit, sich zwei Stunden zu präsentieren und auf sich aufmerksam zu machen.

Sven Hieronymus hat am 13. September im Mainzer Unterhaus Premiere mit seinem neuen Programm „Als Ob“. Weitere Termine und Infos unter
www.sven-hieronymus.de