Kristian Thees ist die Stimme von SWR3. Im Zwei-Wochen-Rhythmus moderiert der gebürtige Lübecker die Vormittagsshow, sowie jeden zweiten Sonntag, von 8 bis 12 Uhr, die Talksendung „Talk mit Thees“. 2014 wurde er mit dem Deutschen Radiopreis in der Kategorie „Bester Moderator“ ausgezeichnet. Neben dem Radiomachen brennt Thees‘ Herz vor allem für das Theater. Er tritt regelmäßig mit seinem englischen Theaterensemble in Germersheim auf.

2014 haben Sie den deutschen Radiopreis für die beste Moderation gewonnen. Wie hat sich das angefühlt?

Kristian Thees: Das hat sich gut angefühlt. Vor allem, weil ich schon zum zweiten Mal nominiert war. Es gehört natürlich auch etwas Glück dazu. Und natürlich hatte ich gehofft, dass es klappt. Aber eigentlich ist es gar nicht so wichtig, so einen Preis zu gewinnen. Und der Preis bedeutet auch nicht, dass man der Beste ist. Aber dieser Preis ist eine Wertschätzung. Man arbeitet sehr viel, manchmal hat man seine 13-Stunden-Tage – die Hörer bekommen das aber gar nicht mit. Wenn man mit Hingabe und Liebe Radio macht und möchte, dass jede Sendung eine ganz besondere wird, dann ist das schon ganz schön viel Arbeit – verborgene Arbeit. Wenn man dann irgendwann tatsächlich für diese Arbeit belohnt wird, dann fühlt sich das schon gut an.

Ihre Radiokarriere hat schon früh begonnen, zumindest haben Sie schon als Jugendlicher davon geträumt, Radiomoderator zu werden.

Kristian Thees: Ich müsste 16 Jahre alt gewesen sein. Eigentlich gar nicht so früh. Wir zogen aus der Nähe von Hamburg nach Hannover und ich hörte im Radio den englischen Soldatensender BFBS – ich war damals noch nicht einmal gut in Englisch (lacht) – später habe ich Englisch studiert. Jedenfalls haben mich die britischen Moderatoren begeistert. Die saßen in Köln, in einer kleinen Villa. Und das war ganz anders als deutsches Radio. Sie waren locker, lustig – und ab diesem Zeitpunkt war ich angefixt. Wenn mein Lieblingsmoderator nachts gesendet hat, von Mitternacht bis zwei Uhr, habe ich mir die Kassette programmiert. Und um Mitternacht startete dann der Timer, eine C120, und dann habe ich mir den Wecker gestellt auf ein Uhr nachts, damit ich die Kassette umdrehen konnte. Um ein Uhr nachts habe ich die C120 dann schlaftrunken umgedreht, bin wieder ins Bett und konnte sie mir dann am nächsten Tag anhören.

Das klingt wirklich nach einer großen Begeisterung…

Kristian Thees: Die waren einfach toll. Ich habe sogar die Schule geschwänzt, um bei einer Außenübertragung dabei zu sein. Die haben zum Beispiel in Celle in einem Offizierscasino in einer britischen Kaserne morgens eine Außenübertragung gemacht. Da waren im Prinzip nur britische Hausfrauen – die Männer waren natürlich alle im Dienst – die sich da versammelt haben – und ich, der 16-jährige Schüler. Damals genügte das Vorzeigen eines Personalausweises und dann durfte man auch in die Kaserne reingehen – das war alles noch vor 9/11. Ich bin dort auch mit Grippe und Fieber hingegangen, das hat mich nicht davon abgehalten, mich in den Zug zu setzen und nach Celle zu fahren. Die Moderatoren fanden das cool und haben mich nach Köln in die Radiostation eingeladen. Dort habe ich dann auch mal einen ganzen Tag verbracht und bei der Sendung zugeschaut.

Kristian Thees mit PFALZ-ECHO Redakteurin Patrizia Di Paola. (Foto: privat)

Auch in Ihrer Sendung vermitteln Sie dem Hörer immer das Gefühl, dass Sie sehr begeisterungsfähig sind für die Themen, über die Sie sprechen. Wie schaffen Sie es, diese Begeisterung zu vermitteln, auch wenn man mal einen schlechten Tag hat?

Kristian Thees: Das ist ein Job, bei dem man einfach da sein muss. Man kann natürlich auch vieles ausblenden, wenn etwas rundherum, z.B. privat, nicht so gut läuft. Aber wenn man bei der Arbeit ist, funktioniert es nur, wenn man den Fokus auch wirklich nur auf die Arbeit richtet. Man muss sich konzentrieren. Und da wir die Themen ja mehr oder weniger selbst machen – ich muss nicht so viele Themen von außen verkaufen, die an mich herangetragen werden – dann sind es in der Regel auch Themen, die einem Spaß machen, über die ich spreche. Aber ich glaube, man kann jedem Thema etwas Interessantes abgewinnen. Wenn das nicht ginge, dann wäre es kein wirkliches Thema. Mir hilft auch immer, dass ich mich sehr breit aufstelle, was meine Interessen angeht. Mich interessiert einfach wahnsinnig viel. Es ist auch eine große Neugierde. Ich wäre vielleicht nicht beim Radio gelandet, wenn die Neugierde bei mir nicht so ausgeprägt wäre. Man kann sich für Vieles begeistern. Ich höre genauso gerne harten Rock wie klassische Musik – das können andere Menschen oft gar nicht nachvollziehen.

Sie haben für SWR3 schon viele Gespräche mit Stars geführt. Gibt es Begegnungen, an die Sie besonders gerne zurückdenken?

Kristian Thees: Vor dieser Frage habe ich immer Angst. Sie könnten mich auch fragen: ‚Sie waren ja neulich im Wald, welcher war denn Ihr Lieblingsbaum?’ (lacht). Es gibt aber wirklich zwei Begegnungen, für die ich unheimlich dankbar bin. Ich bin großer Fan von Zucchero. Er ist einer meiner Lieblingssänger. Ich hatte das Glück, Zucchero schon dreimal für Interviews zu treffen. Er ist ein irrer Typ. Die für mich tollste Begegnung war aber mit Meat Loaf – er war bei mir im Studio. Das war wie ein kleines Gefecht mit ihm. Er kann ja auch mal schlecht gelaunt sein. Zu dieser Zeit war er in den Medien mit seiner Vorliebe für Brokkoli präsent und er hatte auch abgenommen und aß das Gemüse einfach gerne – und da habe ich zu ihm gesagt, dass er den Namen Fleischklops ja gar nicht mehr verdiene. Er ist dann kämpferisch auf meine Feststellung eingegangen und wollte wissen, warum ich denn meinen Namen verdient hätte. Es herrschte ein bisschen Reibung zwischen uns. Und so ging es dann fast eine ganze Stunde lang. Ich bat ihn dann eine neue Version des Songs „I’d do anything for love (But I won’t do that) zu singen mit dem Text’ I would do anything for Brokkoli’. Er hat mir dann an die Stirn gefasst und mich gefragt, ob ich Fieber hätte. Er war teilweise auf Krawall gebürstet. Aber für die Hörer war das natürlich total toll. Ihm hat es aber auch Spaß gemacht und als wir dann nach einer Stunde fertig waren, fing er plötzlich von sich an zu singen: ‚I would do anything for Brokkoli, but I won’t do that’. Das war ein zauberhafter Moment. Nach dem Interview saßen wir noch gemeinsam eine dreiviertel Stunde auf dem Sofa im Foyer und haben uns unterhalten, weil er nicht in sein Auto konnte. Er und sein Team hatten sich ausgeschlossen. Wir haben über Amerika, Theater und Tennis gesprochen – das war auch noch einmal eine denkwürdige Zeit.

Den Ablauf solcher Begegnungen oder Gespräche kann man nicht zu hundert Prozent planen. Ist viel Improvisation dabei?

Kristian Thees: Nein, das würde ich so nicht sagen. Was die größte Mühe macht, ist, ein Interview vorzubereiten. Je bekannter jemand ist, desto mehr Interviews hat er schon gegeben und desto öfter ist auch das gleiche gefragt worden und desto mehr Material gibt es. Diese Vorbereitung ist aber unheimlich wichtig, weil es eine große Chance ist, außergewöhnlich schönes Radio zu machen, wenn ein Prominenter im Studio ist. Es ist schon etwas Besonderes und es hebt sich vom Tagesgeschäft ab – wir haben ja nicht jeden Tag drei Prominente im Studio. Diese Chance muss man nutzen. Ich bereite mich wirklich ausführlich und intensiv auf jedes Gespräch vor. Je nachdem wie viel Material es über jemandem gibt, kann so eine Vorbereitung auch einmal zwei bis vier Stunden dauern. Ich mache mir selber den Druck, dass das Interview gut und unterhaltsam wird. Ich habe aber auch unglaublich viel Spaß daran, mit Prominenten zu sprechen. Ich wäre selbst furchtbar enttäuscht von mir, wenn ich in den 30 Minuten nichts aus dem Prominenten rauskriegen würde oder es einfach langweilige Antworten wären. Das wäre wie eine Niederlage.

Läuft das Interview live?

Kristian Thees: Die Interviews sind nur ganz selten mal live. Louane war z.B. vor Kurzem live bei uns im Interview, aber die meisten Interviews sind aufgezeichnet.

Das heißt, es wird auch mal etwas rausgeschnitten…

Kristian Thees: Ja klar. Im Podcast sind die Sendungen aber in der Regel dann vollständig anzuhören.

Wenn Sie die Möglichkeit bekommen würden, Donald Trump zu interviewen, was würden Sie versuchen, aus ihm herauszukitzeln?

Kristian Thees: Gute Frage – weil es ist so dermaßen unwahrscheinlich. Eigentlich ist der Typ auch gar nicht so interessant, weil ich ihn einfach nur bescheuert finde. Trump hat keinen Humor. Das ist eine sehr schlechte Voraussetzung für ein Gespräch. Er bewegt sich auf einer ganz anderen Schiene. Politiker sind für mich generell wahnsinnig langweilig, weil man aus ihnen sowieso nichts rauskriegt. Wenn man mit einem lockeren Typen spricht und auch mal privater werden kann und man ihn richtig kennenlernt – und da meine ich nicht die leeren Floskeln, die man aus dem Fernsehen kennt – dann wird es ein tolles Gespräch. Damit ist aber bei Donald Trump nicht zu rechnen. Ein Thema, wo ich ansetzen könnte, wäre seine Verbindung zur Pfalz. Bei diesem Thema bräuchte er auch keine Angst haben, angegangen zu werden. Aber ansonsten kann man keine logischen Argumente mit ihm austauschen. Politikern stellt man eine Frage und sie antworten irgendetwas, nur nicht auf die Frage. So geht das Spiel. Aber da hat der Hörer nichts von und ich auch nicht. Mit der Bundeskanzlerin ist das anders. Sie hat Humor und ist nett und warmherzig – sie kann auch ab und zu mal lachen und locker sein. Sie hat nicht viel Gelegenheit dazu, aber sie kann es. Ich hätte richtig Lust darauf, solche Gelegenheiten herauszuarbeiten.

Sind das die Kriterien bei der Auswahl der Gesprächspartner – Lockerheit, die Bereitschaft, sich in einem Interview zu öffnen?

Kristian Thees: Nicht unbedingt. Manchmal sind es einfach tolle Namen. Wenn zum Beispiel jemand gerade auf der Kinoleinwand zu sehen ist, haben wir ihn im Gespräch. Personen, die in der Öffentlichkeit stehen und man deren Namen man mit einem großen Projekt verbindet, sind schon automatisch interessant. Aber erst im Gespräch zeigt sich, ob die Menschen auch offen und zugänglich sind oder dichtmachen und gar nichts erzählen wollen. Prominente sind ja prominent, weil sie irgendetwas Interessantes an sich haben oder an einem interessanten Projekt mitarbeiten. Aber Personen müssen nicht unbedingt bekannt sein, um etwas Interessantes zu erzählen zu haben. Neulich hatten wir jemanden im Gespräch, der zehn Jahre lang im Gefängnis saß, jetzt aber an Schulen geht und Jugendliche, die gefährdet sind, in ein falsches Milieu abzurutschen, davon überzeugt, einen anderen Weg einzuschlagen.

Seit wann sind Sie Moderator bei SWR3?

Kristian Thees: Ich bin seit Ende 1991 dabei. Ich habe aber parallel noch in Germersheim studiert. Nach dem Vordiplom habe ich mich hier beworben – eigentlich wollte ich im Außenstudio nur ein paar Beiträge machen. Ich habe dann an den SWF in Ludwigshafen geschrieben und mich als freier Mitarbeiter beworben. Dann schrieb mir aber der Chef von SWF3 und lud mich zum Vorstellungsgespräch nach Baden-Baden. Daraufhin bin ich eine Woche beim Sendebetrieb mitgelaufen und habe eine Probemoderation gemacht. Dann hatte ich sogar eine Probe-Livesendung Sonntagmorgens von vier bis sechs Uhr – und dann war ich schon dabei. Insofern ist der SWR3 bzw. SWF3 der einzige Sender, den ich je kennengelernt und bei dem ich je gearbeitet habe.

Wenn es damals nichts mit der Radiokarriere geworden wäre, was würden Sie dann heute machen?

Kristian Thees: Dann wäre ich vermutlich Dolmetscher geworden, weil ich das auch gelernt habe. Dolmetscher für Englisch und Italienisch.

Wenn Sie nicht gerade vor dem Mikrofon sitzen, spielen Sie Theater…

Kristian Thees: Genau, ich habe eine englische Theatergruppe, die ich während meiner Uni-Zeit gegründet habe. Ich hatte damals einen Lieblingsfilm: Franky und Johnny mit Al Pacino und Michelle Pfeiffer. Der Film basiert auf einem Theaterstück. Ich fragte dann eine Freundin, ob sie nicht Lust hätte, das Stück zu spielen. Das war meine erste Produktion. Es folgten bis heute noch 26 weitere Theaterproduktionen. Franky und Johnny war 1992 quasi der Anfang dieser kleinen Theater Company, die ich gegründet habe. Es ist englisches Theater – eine Freak Show (lacht).

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