Im zweiwöchigen Rhythmus sehen die Zuschauer Lissy Ishag immer pünktlich um 17.10 Uhr bei dem ZDF-Magazin hallo deutschland – und das seit nunmehr fünf Jahren. Begonnen hat ihre Karriere bei einem kleinen privaten Radiosender in Nordrhein-Westfalen.

Hallo deutschland gibt es seit nunmehr 21 Jahren. Sie selbst moderieren das Format seit fünf Jahren. Hat sich Ihrer Meinung nach das Themenspektrum in den letzten zwei Jahrzehnten verändert?

Lissy Ishag: Beim Themenspektrum sind wir uns treu geblieben. Allerdings gab es in der Anfangszeit von hallo deutschland mehr Möglichkeiten, auch von draußen zu berichten.

Was meinen Sie damit konkret?

Lissy Ishag: Früher hielten wir uns nicht nur im Studio auf, sondern konnten auch als Moderatorin mal in die Rolle der Reporterin schlüpfen und von vor Ort berichten.

Kann man sagen, dass hallo deutschland ein bunteres und weicheres Gegenstück zu den sonstigen Nachrichten-Sendungen des ZDF ist?

Lissy Ishag: Als Boulevard-Sendung sind wir die sogenannten „Soft News“. Bei uns erfährt man Hintergründe zu Themen, die einen boulevardesken Charakter haben. Was nicht bedeutet, dass die Themen weniger erfahrenswert sind. Meist geht es im ersten Teil unserer Sendung um Aktualität: Unfälle, Schicksalsschläge, Gerichturteile, Missbrauchsfälle – in dieser Hinsicht kann man unser Format nicht als soft bezeichnen. Im Mittelteil der Sendung und auch zum Ende hin werden wir im Hinblick auf die Berichterstattung deutlich „weicher“ – um mal bei diesem Begriff zu bleiben.

Eine Sendung ist also immer so aufgebaut, dass zunächst die schlimmen Nachrichten abgearbeitet werden und es dann immer freundlicher wird?

Lissy Ishag: Wir fangen immer mit den aktuellen Nachrichtenthemen an – und das sind häufig negative tagesaktuelle Ereignisse – von Unfällen bis zu Gerichtsfällen.

Sie haben gesagt, dass hallo deutschland ein Boulevard-Magazin ist, möchten sich aber dennoch klar von anderen Boulevard-Magazinen abgrenzen…

Lissy Ishag: Hallo deutschland ist ein News- und Boulevard-Magazin. Wir grenzen uns von den klassischen Nachrichten ab, aber auch von den reinen Boulevard-Magazinen.

Wenn Sie sich als Moderatorin eines Boulevard-Magazins auch den weniger fürchterlichen Dingen, die auf dieser Welt passieren, widmen, empfinden Sie das dann als eine Art Durchatmen?

Lissy Ishag: Ehrlich gesagt nein. Dadurch, dass ich täglich mit den Nachrichten konfrontiert werde und oft auch mehr Hintergründiges erfahre, als das, was wir letztendlich senden, beschäftige ich mich schon häufiger mit Negativem. Seit ich hallo deutschland moderiere, ordne ich mich grundsätzlich am Stauende links ein. Wir bekommen fast täglich Meldungen wie, dass das Auto einer ganzen Familie unter einen Lastwagen geschoben wurde. Ich habe eine gewisse Vorsicht entwickelt. Mir war vor hallo deutschland auch nicht bewusst, wie häufig Missbrauch in Deutschland stattfindet – tagtäglich.

Lissy Ishag mit PFALZ-ECHO Redakteurin Patrizia Di Paola. (Foto: privat)

Haben Sie durch Ihre Arbeit einen anderen Blick auf die Welt bekommen?

Lissy Ishag: Zumindest bin ich mehr sensibilisiert für bestimmte Themen. Es passiert einfach viel auf der Welt – sowohl Schlimmes als auch Schönes. Das darf man nicht vergessen. Hier passt das mit dem Durchatmen dann doch ganz gut. Wir haben auch viele außergewöhnliche und positive Themen. Vor Kurzem hatten wir etwas über eine 19-jährige, querschnittsgelähmte Tänzerin, die sich wieder ins Leben zurückgekämpft hat und bereits erste Schritte macht.

Nach welchen Kriterien werden die Nachrichten für hallo deutschland ausgewählt?

Lissy Ishag: Natürlich nach der Aktualität, zudem orientieren wir uns an bestimmten Ereignissen. Und wir versuchen auch Emotionen zu transportieren – nicht nur negative. Es kann sich auch um Geschichten handeln, die sonst im Verborgenen bleiben – zum Beispiel über kreative und ausgefallene Berufe.Wenn diese Geschichten den Zuschauer berühren, ist es auf jeden Fall ein Thema für uns.

Gibt es ein Thema, dass Sie 2018 besonders berührt oder bedrückt hat?

Lissy Ishag: Wir hatten in der Sendung ein Thema, dass sehr witzig war und mich sehr berührt hat: Es ging um einen Mann, der einen Pinguin gerettet hatte – seitdem schwimmt der Pinguin jedes Jahr 4.000 Kilometer, nur um seinen Retter kurz zu besuchen. Da sage mal einer, Tiere hätten keine Seele.

Sind Sie der Meinung, dass das Fernsehen, als klassisches Medium, es heute viel schwerer hat auf dem hart umkämpften Medienmarkt zu bestehen?

Lissy Ishag: Natürlich sind die Herausforderungen heute in dieser Hinsicht größer. Und das betrifft verschiedene Aspekte. Ein Stichwort: Lügenpresse. Dazu werden immer wieder Vorwürfe laut – selbst wenn die Berichterstattung ausgewogen ist und unterschiedliche Sichtweisen zum Thema aufscheinen. Das Problem ist heute, dass jeder meint, mitreden zu können, weil das Internet das jedem ermöglicht. Unsere Aufgabe als Journalisten, neutral, schnell und zu 100 Prozent richtig zu berichten, wird dabei von vielen unterschätzt. Wir Journalisten sind einem enormen Druck ausgesetzt.

Glauben Sie, dass Fernsehen irgendwann einmal aussterben wird?

Lissy Ishag: Was die herkömmliche Form des Fernsehens betrifft, könnte ich mir das durchaus vorstellen. Aber Bewegtbild werden die Menschen sicher immer sehen wollen. Viele Menschen gucken heute schon Video on demand – das heißt, sie schauen die Nachrichten im Internet. Onlineangebote passen sich dem Leben der Menschen an – nicht umgekehrt. Es setzt sich nicht mehr jeder um Punkt 19 Uhr oder um Punkt 20 Uhr vor den Fernseher, weil dann die Nachrichten kommen. Nachrichten werden heute anders in den Alltag integriert und jeder entscheidet für sich, wann und wie er sie für sich integriert.

Und Sie selbst? Wie stehen Sie zu den Neuen Medien?

Lissy Ishag: Neue Medien würde ich sie schon lange nicht mehr nennen. Ich habe ein super volles Leben – es geht zeitlich gar nicht anders, ich muss mich online informieren. Um 19 Uhr bringe ich meine Kinder ins Bett, da kann ich gar nicht vor dem Fernseher sitzen und die heute-Nachrichten schauen. Ich schaue in der ZDFmediathek die neuesten Nachrichten, wann ich dafür Zeit habe. Ich lese aber auch gerne Zeitung. Ich finde nichts unromantischer, als meinen Laptop aufzuklappen und die Zeitung online zu lesen. Da habe ich dann immer das Gefühl, ich würde arbeiten und nicht die Lektüre genießen.

Was raten Sie einem jungen Menschen, der gerade mit der Schule fertig ist?

Lissy Ishag: Ich hatte letztes Jahr einen Lehrauftrag an der Universität Darmstadt-Dieburg und dieses Jahr habe ich einen an der Uni in Paderborn, wo ich auch herkomme. Da bin ich mit vielen jungen Menschen in Kontakt. Und von denen sagen viele, dass sie Moderator werden und in den Medien Fuß fassen möchten. Letztendlich kann ich den Studenten nur erzählen, wie es bei mir gelaufen ist. Ich habe zwar viel gelernt, aber ich habe auch super viel gemacht – zum Beispiel viele Praktika und mich ins aktive Mediengeschäft mit eingebracht. In der Uni war ich nicht so oft (lacht), und ehrlich gesagt, hätte ich mit dem Abschluss alleine beruflich nicht so viel anfangen können – zumindest nicht in den Medien.

Was raten Sie also?

Lissy Ishag: Schon zu studieren, aber auch Praxiserfahrung zu sammeln. Wobei man als Quereinsteiger heute auch viel erreichen kann. Das hat auch viel mit der Persönlichkeit und mit den eigenen Interessen zu tun. Ich habe ein Volontariat beim Radio gemacht – und es als Geschenk angesehen. Ich habe hart gearbeitet und mir war es egal, wenn ich nicht viel Geld dafür erhalten habe – beim Privatradio gab es eben nicht so viel. Andere haben sich dann immer beklagt und Interviews abgesagt, wenn sie ihnen zu weit weg waren. So etwas kenne ich nicht. Man muss schon eine Leidenschaft für den Beruf mitbringen – dann klappt das auch.

Ganz zu Beginn von hallo deutschland hat Steffen Seibert das Format moderiert, heute ist er Regierungssprecher. Könnten Sie sich die gleiche Karriere vorstellen?

Lissy Ishag: (Lacht) Ich kenne Steffen Seibert nicht persönlich, aber ich glaube, dass wir uns vom Naturell her ziemlich unterscheiden. Und so gerne ich über Politik berichte, möchte ich kein aktiver Teil davon sein. Falls Herr Seibert das Interview liest, kann er mich aber gerne mal anrufen (lacht).

Haben Sie denn andere berufliche, (noch) unerfüllte Träume?

Lissy Ishag: Ich gebe ja Lehraufträge an der Uni. Das ist sehr interessant – nur Leben kann ich davon nicht.

Über was dozieren Sie?

Lissy Ishag: Ich gebe Moderationsseminare im Studiengang Populäre Musik – für Menschen, die dann irgendwann auf der Bühne landen. Die Frage, was ich mir ansonsten noch für mich vorstellen könnte, ist schwer zu beantworten. Tatsächlich bin ich glücklich so, wie es ist. Das Einzige, was ich mir wünschen würde, wären mehr Interaktionen mit Menschen – auch in unserer Sendung zum Beispiel durch Studiogäste oder durch Einsätze als Reporterin außerhalb des Studios.

Von Kindheitstagen an wollten Sie also in der Medienwelt einsteigen?

Lissy Ishag: Ganz früher wollte ich Nena werden. Dann wollte ich Schauspielerin werden – ich hatte sogar ein Vorsprechen an einer Schauspielschule. Da hat man aber schnell festgestellt, dass ich nicht ausreichend Talent mitbringe. Und dann habe ich relativ früh als freie Mitarbeiterin beim Radio angefangen und gemerkt, dass es das ist, was ich machen wollte.

Wie schalten Sie von dem stressigen Alltag ab?

Lissy Ishag: Mein Alltag ist tatsächlich noch stressiger, wenn ich nicht auf dem Lerchenberg bin (lacht). Wenn ich in Mainz bin und gerade nicht arbeite, habe ich Zeit, auch mal zu schlafen. Das ist Luxus. Wenn ich in Paderborn bei meiner Familie bin, bleibt dafür keine Zeit. Ich habe zwei kleine Kinder und einen großen Hund – da ist Action angesagt. Wenn die Kinder älter sind, werde ich mich bestimmt auch wieder meinen Hobbys widmen können. Musik ist neben den Medien meine zweite große Leidenschaft. Ich bin Sängerin in einer Band: die Chilled Peppers. In der Band habe ich damals auch meinen Mann kennengelernt.

(Titelfoto: ZDF/Rico Rossival)

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