Wir machen Musik im Hier und Jetzt

Elektronische Klänge, deutsche Texte und immer auf der Suche nach dem richtigen Gefühl: die Erfolgsband Glasperlenspiel im Interview

Glasperlenspiel (Foto: Universal Music)

Steckbrief

Glasperlenspiel

2010 Entstehungsjahr der Band. Mit ihrem alten Bandnahmen gewannen sie den Radio Energy Newcomer Contest und bekamen so einen Plattenvertrag

2011 Auftritt beim Bundesvision Song Contest. Dort erlangten sie für Baden-Württemberg Platz vier

Ab 2012 Die Band erhält zahlreiche Preise, unter anderem den Radio Regenbogen Award in der Kategorie „Newcomer national“

2014 Aufnahme der neuen Titelmelodie für die TV-Soap „Gute Zeiten Schlechte Zeiten“ und die Heimwerkersendung  „Zuhause im Glück“

2018 Niemczyk ist Jurorin in der 15. Staffel von Deutschland sucht den Superstar


Habt ihr euch bewusst dazu entschieden, eure Songs auf deutsch zu singen?

Daniel Grunenberg: Definitiv. Wir haben eben sehr früh angefangen, Songs zu schreiben, da war unser Englisch noch nicht so gut (lacht). Deutsch ist die Sprache, in der wir unsere Gefühle und Visionen am besten ausdrücken und rüberbringen können. Wir wollen Geschichten erzählen und diese sollen direkt und ehrlich sein, deswegen kamen englische Texte für uns nie in Frage. 

Carolin Niemczyk: Als wir mit dem Schreiben angefangen haben, da war das Deutsche auch schon en vogue. Juli, Silbermond und auch Xavier Naidoo haben das damals vorangebracht. Anfangs haben wir noch viel von diesen Interpreten gecovert und deswegen haben wir schnell gemerkt, dass wir auch auf Deutsch schreiben wollen. 

Könntet ihr euch vorstellen, das mal zu ändern und doch auf Englisch zu singen?

Carolin Niemczyk: Vielleicht machen wir ja mal was auf Polnisch, das spreche ich auch ein bisschen (alle lachen).

Daniel Grunenberg: Nein, aber ab und zu machen wir ein paar kleine Ausflüge ins Englische. In unserer aktuellen Platte „Licht und Schatten“ haben wir auch drei englische Tracks. Wenn es sich in dem Moment richtig anfühlt, dann ist das auch in Ordnung. Wir haben auch viel in Los Angeles gearbeitet, da war es für die Anderen schon kompliziert – die verstanden natürlich kein Wort. Aber wir bleiben dabei: Glasperlenspiel schreibt deutsche Texte!

Gibt es musikalische Einflüsse, die euch inspirieren?

Carolin Niemczyk: Das Elektro-Genre schwingt immer bei uns mit. Für mich ist das ganz lustig, denn eigentlich kommt dieser Einfluss aus meiner Kindheit. Meine Eltern hatten diese Platten von Depeche Mode und Kraftwerk. Ich hatte Spaß daran, diese auf den Plattenspieler zu legen und immer wieder zu hören. Irgendwie kam das dann wieder durch.

Daniel Grunenberg: Ich stehe auch auf Depeche Mode, die größten Pioniere, die den elektronischen Sound in den Mainstream gebracht haben. Als Keyboarder erfüllt man damit natürlich jedes Klischee (lacht). Das ist das Universum, in dem man sich bewegt. Im ganzen Electronic-Dance-Bereich gibt es wirklich krasse Talente und verrückte Künstler, die Unfassbares mit ihrer Art der Produktion leisten. Oft wird das ein wenig belächelt, dass das keine richtige Musik wäre. Aber es ist genauso ein Handwerk, welches man respektieren muss. Ob jemand unfassbar toll Gitarre spielen oder eben einen Track produzieren kann: Es ist alles Kunst. Für Glasperlenspiel geht es genau um diese Mischung. Es gibt keine anderen deutschen Interpreten, die es genauso machen wie wir, daran müssen wir uns manchmal erinnern. Uns ist wichtig, dass wir uns selbst in den Sounds hören und das dann auf die Bühne bringen.

Viel Wert legen die Künstler auf ihre Bühnenauftritte. (Foto: Markus Hanner)

Ihr habt ja auch eine Live-Band. Wie gestaltet ihr eure Live-Shows?

Daniel Grunenberg: Da orientieren wir uns an der amerikanischen Musikszene. Die Shows dort sind elektronisch produziert und radiotauglich, aber andererseits wird einem auch ein Unterhaltungsfeuerwerk geboten. Mit unseren Shows wollen wir die Leute mitnehmen, sie unterhalten und ihnen etwas bieten. Die Leute sollen nach Hause gehen und unseren Auftritt in beeindruckender Erinnerung behalten. Das ist unser Anspruch.

Carolin Niemczyk: Daran haben wir auch Spaß. Wir sind keine Band, die sich mit den Instrumenten auf die Bühne stellt und einfach nur die Musik macht. Wir überlegen uns eine richtige Show, das ist für uns ganz wichtig. Mit unserer Band sind wir ein eingeschworenes Team, schon seit Jahren. Wenn wir auf der Bühne zusammenstehen, dann ist das wie eine zweite Familie. Das möchten wir auch nicht missen.

Ihr habt jetzt vier Platten herausgebracht. Wie schwer ist es, sich immer neu zu erfinden?

Daniel Grunenberg: Da gibt es zwei Seiten. Einerseits hast du das Label, welches dir sagt, man solle doch nochmal einen Song wie „Geiles Leben“ produzieren. Als Künstler will man das aber überhaupt nicht (lacht). Am Ende ist „Geiles Leben“ nur entstanden, weil wir mal etwas komplett anderes ausprobiert haben. Ich glaube, der größte Kreativkiller ist, zu versuchen, sich selbst zu kopieren. Deswegen machen wir lieber Musik im Hier und Jetzt. Musik, auf die wir Bock haben und die wir fühlen können! Umso geiler, wenn die Leute es annehmen und es auch fühlen. Es ist nicht immer einfach, die Balance zwischen beiden Seiten zu finden, aber wir versuchen, uns selbst treu zu bleiben. Die größte Kunst beim kreativen Arbeiten ist, einfach auch mal loszulassen.

Carolin Niemczyk: Wir versuchen uns an neuen Sachen und das macht Glasperlenspiel aus. Die Kunst ist, dass man sich einerseits neu erfindet, es aber auch noch vertraut klingt. Durch das Elektronische haben wir dafür einen großen Spielraum. 

Daniel Grunenberg: Schön ist, dass wir auf aktuelle Sachen viel Einfluss nehmen können. Der Trap-Stil und auch Rap sind gerade en vogue. Wir arbeiten schon seit 2010 mit Hip-Hoppern und Rappern zusammen und gerade auf der neuen Platte „Licht und Schatten“ haben wir diesen Urban-Charakter viel mehr einfließen lassen. Wir trauern keinen alten Zeiten hinterher, sondern überlegen lieber, wie wir neue Trends mit unserem Sound vereinbaren. Das ist die Arbeit, die mir am meisten Spaß macht: Im Studio zu sein und Crossover zu generieren. 

Ihr habt ja auch Co-Autoren, wie sieht so eine Zusammenarbeit aus? 

Daniel Grunenberg: Wir arbeiten meistens mit drei bis vier Leuten in einem Studio zusammen, und zwar an der Basis der Songs. Da ist auch jeder Tag wie ein Schultag. Es ist ein stetiger Prozess, der aber super wichtig ist. Wir wollen nicht stehen bleiben, weder in unserem Sound noch in den textlichen Aussagen. Man versucht, sich ständig weiter zu entwickeln.

Carolin Niemczyk: Ich bringe meinen Text mit und wir gehen das gemeinsam im Studio durch. Wir haben viel mit Kitty Kat gearbeitet, sie ist mittlerweile echt eine gute Freundin von mir. Sie hilft mir und gibt auch immer wieder neue Impulse. Für mich ist sie eine ganz wertvolle Person, die mir hilft mich auszudrücken und meine Gedanken auch perfekt umzusetzen. Aber die Zusammenarbeit mit Co-Autoren ist nicht immer cool. Natürlich trifft man auch mal auf Menschen, mit denen es gar nicht funktioniert. Aber inzwischen haben wir unsere Leute, bei denen wir wissen, dass wir uns verstehen und dass man sich vertrauen kann.

Ist das neuste Lied immer das Beste?

Carolin Niemczyk: Ne, nicht unbedingt. (lacht) Aber bei mir ist es schon so, dass mein Lieblingssong auf dem aktuellen Album ist. Wenn ich mir jetzt das erste anhöre, dann denke ich mir: „Um Gottes Willen, was haben wir da gemacht?“ (alle lachen). Das ist eben der Zeitgeist, man entwickelt sich weiter. Mein jetziger Lieblingssong „Royals and Kings“ ist auf der aktuellen Platte, da wusste ich irgendwie von Anfang an, dass das mein absoluter Favorit sein würde.

Markus Eisel mit Carolin Niemczyk, Daniel Grunenberg. (Foto: honorarfrei)

Wie schwierig ist der Umgang mit der Popularität? Verändert sich das Umfeld oder verändert man sich selbst?

Daniel Grunenberg: Sowohl als auch. Ich glaube, wir sind im Endeffekt immer noch Caro und Daniel, so wie wir angefangen haben. Natürlich kriegst du irgendwann einen anderen Fokus. Du lernst so viele neue Leute kennen. Für uns ist es aber wichtig, dass wir unsere Freunde haben, die uns schon von Anfang an begleiten. Sie sind unsere Heimat, genauso wie unsere Familien. Diese Menschen erden uns, denn man wird immer wieder in Versuchung geführt, irgendwie abzuheben.

Carolin Niemczyk: Die Musikbranche ist schon eine sehr oberflächliche Welt. Ich bin teilweise echt überfordert und frage mich oft, was echt ist und was künstlich. Deswegen ist es wichtig, dass man seine richtigen Freunde hat. Ich habe nur eine Handvoll, aber bei ihnen ist alles richtig. Auch in Songwriter-Kreisen habe ich Freunde gefunden, aber das ist nicht immer so leicht. 

Wie geht ihr mit dem Tour-Stress um?

Daniel Grunenberg: Gerade am Anfang war das schwer, da mussten wir uns erst dran gewöhnen.

Carolin Niemczyk: Ich fand’s anfangs schlimm, auf einmal so viel unterwegs zu sein. In meiner Vorstellung war das das Tollste auf der ganzen Welt, auf Tour zu gehen und jeden Abend auf der Bühne zu stehen. Doch dann merkst du erst, dass du gar nicht mehr zuhause bist. Gerade zu Beginn war es auch alles andere als glamourös. Wir wissen aber inzwischen, worauf wir achten müssen. 

Daniel Grunenberg: Ich kann‘s mir inzwischen auch nicht mehr anders vorstellen. Am Anfang war das natürlich eine Umstellung. Doch dann legt sich irgendwann der Schalter um. Jetzt sitzen wir vier Tage zu Hause und dann denkst du dir, dass es auch mal wieder los gehen könnte (lacht). Irgendwie ist es paradox. Wir lieben es mittlerweile und wir versuchen auch viel mitzunehmen.

Ihr spielt auch auf dem Rheinland-Pfalz Tag in Annweiler. Habt ihr einen Bezug zur Pfalz?

Daniel Grunenberg: Ja, absolut! Ich würde sagen, Rheinlad-Pfalz ist das Bundesland, in dem wir am dritthäufigsten sind. Nach unserer Heimat Baden-Württemberg und Berlin. 

Carolin Niemczyk: Unsere ganze Crew ist ja aus der Pfalz. Wir hören den Dialekt auch regelmäßigen, gefühlt jeden Tag (lacht). Aber ansonsten kennen wir auch die guten Weine und das leckere Essen.

Versteht ihr den Dialekt?

Daniel Grunenberg: Ja, ja, natürlich. Wir spielen eben viel in der Pfalz und haben ganz tolle Fans dort. Man merkt das auch bei Konzerten: In der Pfalz sind die Shows mit am schnellsten ausverkauft. Es ist schon cool und ein bisschen wie Nachhausekommen.

Carolin Niemczyk: Ich habe von unserem Tontechniker ein Buch geschenkt bekommen: „Deutsch-Pfälzisch/ Pfälzisch-Deutsch“. Ich bin also perfekt vorbereitet (alle lachen). In der Pfalz haben wir auch unseren allerersten Gig gespielt, in Kirchheimbolanden. Wir denken gerne daran zurück. (eis+stm)

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