Steckbrief

Geboren: am 24. November 1961 in Großingersheim

1980 ester Plattenvertrag. Heute gehört Hartmut Engler mit Pur zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Popmusikern

1983 Erstes Album Opus 1

1985 Bandname wird in Pur umbenannt

2005 Engler veröffentlicht sein erstes Soloalbum „Just A Singer“

2018 Das 16. Studioalbum wird veröffentlicht

2019 fast zehn Millionen verkaufte Tonträger


Viele eurer Lieder haben trotz ihres Alters ihre Aktualität nicht verloren. Ich denke da zum Beispiel an „Bis der Wind sich dreht“.

Hartmut Engler: Das stimmt. Auch „Neue Brücken“ ist so ein Song. Diese Lieder spielen wir bis heute auf unseren Konzerten und kommentieren das auf der Bühne auch entsprechend. Das ist uns sehr wichtig! 

Ist es nicht auch traurig, dass diese Themen immer noch aktuell sind – es geht um zu wenig Toleranz, Fremdenhass etc.? 

Hartmut Engler: Ja, klar! Das ist traurig. Das sage ich auch auf der Bühne: Diese Lieder sind 25 Jahre alt und wir hätten natürlich gehofft, dass in der Zwischenzeit andere Themen in den Fokus rücken. Aber im Moment muss man leider genau das Gegenteil beobachten. 

Ist man in dieser Zeit als Künstler ganz besonders gefordert, klare Kante zu zeigen?

Hartmut Engler: Wir beziehen zu diesen Themen natürlich ganz klar Stellung. Wie bereits gesagt, ist dies uns immens wichtig! Trotzdem möchten wir mit unserer Musik und mit unseren Konzerten die Zuschauer unterhalten. Wir sind keine Politiker und es ist auch nicht unser Auftrag, ständig auf das Böse und Schlimme zu zeigen. Wir sprechen die Missstände an, sie sind Teil des Programms, aber am Ende sollen unsere Fans mit einem guten Gefühl den Abend genießen können. Wenn wir es mit dieser Mischung schaffen, dass eine solidarische, gute Stimmung untereinander entsteht, haben wir viel erreicht!

Das Gründungsdatum eurer Band ist ja nicht ganz eindeutig, oder?

Hartmut Engler: Richtig. Das offizielle Gründungsjahr ist 1981. Aber der Vorläufer – eine Schülerband – wurde bereits 1975 gegründet. Ich selbst bin seit 1976 mit dabei und gemeinsam mit Joe und Rudi sozusagen Gründungsmitglied.

Wenn man so lange zusammen Musik macht, auf Tour geht und Zeit miteinander verbringt, verändert sich das Bandgefüge ja sicherlich immer mal wieder. Wie ist das bei euch? 

Hartmut Engler: Natürlich gibt es immer wieder Veränderungen. Der „Spirit“, also die gemeinsame Grundeinstellung, ist aber immer noch da. Wir freuen uns jedes Mal, uns zu sehen und auch über jeden, der erst über die Jahre ein Teil der Band geworden ist. Wir sind aktuell sieben Musiker auf der Bühne. Seit zwei Jahren haben wir ein neues Management – auch in diesem Bereich hat sich also einiges verändert. Man versucht natürlich, sich stets weiterzuentwickeln. So sind wir als Musiker mit Sicherheit über die Jahre qualitativ immer besser geworden und haben auch die Strukturen im Hintergrund – also die Organisation und das Management – optimiert. 

Ihr wart in der Anfangszeit eine Zeitlang unter dem Namen Moonstoned unterwegs. Wie hast du die Zeit damals wahrgenommen?

Hartmut Engler: Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, ob wir Moonstone oder Moonstoned hießen (lacht). „Stoned“ haben wir intern jedenfalls immer gesagt. Wir waren mit Titeln von AC/DC bis Zappa auf Tour, haben mit der Formation oft in amerikanischen Clubs gespielt. Wir haben unheimlich viel gelernt in dieser Zeit.

Und parallel dazu hattet ihr aber auch schon Auftritte als Opus?

Hartmut Engler: Genau. Wenn wir zum Beispiel auf Studentenpartys gespielt haben, boten wir immer zwei Sets mit Coversongs an und ein Set mit eigenen Liedern. So ist das dann langsam gewachsen. Als wir 1987 den ersten Plattenvertrag unterschrieben hatten, war klar, dass wir die Auftritte mit englischer Musik in den amerikanischen Clubs nicht mehr machen würden.

Wie viel Mut gehört zu solch einem Schritt, wenn man als Band entscheidet, nur noch eigene Musik zu spielen?

Hartmut Engler: Ich bin von Haus aus eigentlich kein besonders experimentierfreudiger Mensch und normalerweise eher vorsichtig, wenn es um solche existenziellen Entscheidungen geht – so wurde ich auch erzogen. Deswegen waren besonders meine Eltern damals ein wenig schockiert, als ich direkt vorm Staatsexamen mein Studium abgebrochen hatte, um mich komplett der Musik zu widmen. Aber ich hatte einfach ein gutes Gefühl bei der Entscheidung. Die Zuschauerzahlen wuchsen kontinuierlich – am Anfang waren es noch 20, beim nächsten Auftritt schon 100 und bald darauf 500 Zuschauer. Wir haben also offensichtlich zu der Zeit einen Nerv getroffen, unsere Musik hatte etwas Spezielles, etwas, das gut bei den Leuten ankam. Wir waren also zuversichtlich, dass die Zahlen noch weiter wachsen würden, wenn wir uns komplett auf die Musik und das Bekanntmachen unserer Auftritte konzentrierten. Und so war es dann auch – trotzdem steckt natürlich viel Arbeit dahinter und der Weg war sehr lang.

Wenn man an diese Anfangszeit zurückdenkt, erdet einen das sicher auch immer ein wenig, oder?

Hartmut Engler: Ja, auf jeden Fall. Ich halte deswegen immer noch Kontakt zu den Leuten aus der Zeit. Gerade eben war ich hier beim örtlichen Veranstalter. Das ist ein Freund aus alten Tagen: Tommy „der Terminator“, wie wir ihn nennen (lacht). Er hat uns zu Anfangszeiten als Roadie begleitet und damals unseren ersten großen 7,5-Tonner über die Straßen gelenkt. Ich bin oft mit ihm mitgefahren, weil es so lustig war. Bis heute sind wir deshalb noch gute Freunde.

Das zeigt, dass ihr trotz der großen Erfolge auf dem Boden geblieben seid.

Hartmut Engler: Ich kokettiere ja immer gerne damit, dass der „Spirit der Schülerband noch lebt“! Was uns bis heute verbindet, ist unsere Lebenseinstellung. Wir wollten unser Leben so gestalten, dass es uns möglich ist, genau das zu tun, was wir lieben – ein alternatives Lebenskonzept sozusagen. Das alles haben wir geschafft, obwohl wir nicht aus München oder Berlin kommen, wo wir viele Musiker und Vorbilder gehabt hätten. Wir kommen aus Bietigheim. Dort waren wir die einzigen, die diesen Weg gegangen sind. Es gab keine anderen Bands, an denen man sich orientieren konnte – oder zu denen man hätte wechseln können, wenn es nicht so läuft ,wie erhofft. Wir waren einfach nur wir! Das war aber vielleicht auch unser Vorteil?! Udo Lindenberg würde sagen: „Wir haben unser Ding gemacht.“

Markus Eisel im Gespräch mit Hartmut Engler. (Foto: privat)

Wie schafft man es, nach so vielen Jahren, sich als Band immer wieder neu zu erfinden und dabei trotzdem vertraut zu klingen?

Hartmut Engler: Kritiker würden jetzt sagen, wir machen eigentlich immer nur das Gleiche und lassen lediglich ein bisschen neue Technik einfließen. So ist es aber natürlich nicht. Mir kommt es sehr entgegen, dass wir uns einen Rhythmus angeeignet haben, in dem wir im 3-Jahresturnus ein neues Album produzieren. Ich schaue mir also an, was in diesen drei Jahren mit uns passiert ist, welche Geschichten sich für neue Songs anbieten. Meistens ist es auf diese Weise kein Problem, zwölf Themen für zwölf neue Songs zu finden – die Musik ist schließlich unser Leben! Wir können uns voll darauf konzentrieren und kommen in keinen zeitlichen Druck. Wir lassen uns genug Zeit, um an der Musik und – bei Pur ist das ja besonders wichtig – an den Texten zu feilen. 

Aber auch eure Arrangements sind sehr aufwendig gemacht. Ein Lied wie „Abenteuerland“ zum Beispiel ist wirklich nicht einfach zu spielen.

Hartmut Engler: Ja, da sind ein paar sehr spannende Akkordkombinationen dabei, die vielen Musikern Probleme beim Nachspielen bereiten. Wir haben uns dabei an Vorbildern wie beispielsweise Pink Floyd orientiert. Ein ganz extremes Beispiel ist auch unser Song „Die grüne Pflanze“, in dem es übrigens auch um die selbige geht (lacht). Den Song kann man auf Spotify anhören. In dem Stück haben wir sechs verschiedene Taktarten untergebracht. Da waren wir jung und verrückt. Es macht aber immer noch Spaß, es anzuhören. Man bekommt dabei ein Gefühl dafür, wie wir als junge Studenten ganz unbedarft ans Komponieren gegangen sind.

Pur zeichnet sich ja auch dadurch aus, dass die Band sehr engen Kontakt zu ihren Fans pflegt. Wie haltet ihr das aufrecht, auch außerhalb der Tourneen?

Hartmut Engler: Die anderen Bandmitglieder sind da noch etwas aktiver als ich: Sie beteiligen sich im Netz an Diskussionen und bleiben über diesen Weg mit den Fans ständig in Kontakt. Ich schaffe das zeitlich leider nicht und halte mich dann auch bewusst aus der Öffentlichkeit raus. Im Laufe der Jahre ist mir klar geworden, dass ich die große Masse an Anfragen und Wünschen gar nicht bewältigen und ich nicht jedem gerecht werden kann. Deswegen habe ich die Entscheidung getroffen, mich aus diesem Bereich lieber komplett zurückzuziehen. Das nimmt mir viel Druck und Stress. Freiheit und Freizeit sind Werte, die mir im Laufe der Jahre und mit zunehmendem Alter immer wichtiger geworden sind. Ich nutze meine Rückzugsorte, genieße die Zeit daheim, in meinem Haus hier oder auf Mallorca. Das sind meine Refugien, dort bin ich privat. Wenn ich raus gehe, bin ich dann wieder öffentlich – und da werde ich natürlich oft angesprochen. Ich fliege beispielsweise mit ganz normalen Charter-Flügen. Eigentlich müsste mich mal ein Journalist begleiten, um zu dokumentieren, was da alles abgeht (lacht.) Auf den Flügen nach Mallorca sind oft Fußballvereine oder andere Gruppen dabei. Ich habe es schon so oft erlebt, dass dann unsere Songs angestimmt und lauthals Pur-Hits gegrölt wurden. Wenn mich solch eine Gruppe in der Abflughalle erwischt, bin ich geliefert (lacht). Aber das gehört dazu, auch wenn es nicht immer einfach ist. Ich freue mich aber immer, wenn ich freundlich angesprochen werde!

Was würde der Hartmut von heute dem Hartmut von 1991 raten?

Hartmut Engler: Ach, das ist schwierig. Natürlich hätte ich im Nachhinein ein paar Sachen anders machen können, aber grundsätzlich bin ich mit meinen Entscheidungen zufrieden. Ich würde ihm also raten, so zu bleiben, wie er ist!

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