Volker Finke im Interview (Foto: imago images/contrast)

Steckbrief

Volker Finke

1991 bis 2007: Trainer beim SC Freiburg. Mit durchgehend 16 Jahren als Trainer bei einem Verein, ist Volker Finke damit deutscher Rekordhalter

1995: Kicker-Trainer des Jahres

2001: Gemeinsam mit Achim Stocker Eröffnung der Freiburger Fußballschule

2009: Trainer der japanischen Mannschaft Urawa Red Diamonds

2011 bis 2012: Sportdirektor beim FC Köln

2013 bis 2015: Trainer der Nationalmannschaft Kamerun

2019: Ehrenpreis für sein Lebenswerk durch den DFB


Herr Finke, wie fühlen Sie sich im Ruhestand?

Volker Finke: Man merkt, dass im letzten Drittel des Lebens die Verschleißteile langsam ausgetauscht werden müssen (lacht). Aber solange man mobil ist und unterwegs sein kann, ohne Einschränkungen, geht’s einem gut. Also kann ich mich nicht beschweren.

Sie sind ein Paradebeispiel dafür, dass ein Verein mit nur einem Trainer durch Höhen und Tiefen gehen kann. Wäre solch eine Kontinuität im Fußball heute noch denkbar? 

Volker Finke: Ich war 16 Jahre durchgehend als Trainer beim FC Freiburg, das gibt es tatsächlich in der Art kein zweites Mal. Heute müssen wir die Entwicklung der Vereine im Blick behalten. Diese heutige Event-Kommerzialisierung darf nicht dazu führen, dass der sportliche Bereich von außen unter Druck gesetzt wird. Trainerwechsel, Sportdirektorwechsel, Spielerwechsel – diese Fluktuation ist auch durch den medialen Druck entstanden. Man sollte sich immer bemühen, eine bestimmte Linie beizubehalten. Einen Kern von Spielern und Verantwortlichen. Ich bin sehr froh, dass ich damals eine sehr gute Beziehung zu unserem Präsidenten Achim Stocker hatte. Wir hatten oft wunderbar unterschiedliche Meinungen, aber wir haben uns immer für den FC Freiburg zusammengerauft. Der Verein stand immer über uns, dafür gingen wir auch Kompromisse ein. Achim Stocker war über 20 Jahre im Vorstand des FC Freiburg und wir bauten gemeinsam die Fußballschule auf. Das ist eine echte Beständigkeit und Nachhaltigkeit – genau das, was den Verein von vielen anderen unterscheidet. 

Was würden Sie den Vereinen raten, um wieder mehr Beständigkeit seitens der Trainerauswahl zu bekommen?

Volker Finke: Es sollten nicht zu viele Leute mitmischen. Im Vorstand, im Team und eben auch medial betrachtet. Es geht am Ende um den verlässlichen Kern. Kurze Wege, sich gegenseitig immer auf dem Laufenden halten und sich auch Zeit nehmen, das ist wichtig. Außerdem braucht es Leute, die dir auch mal in deiner Rolle als Trainer widersprechen. Fachlich kompetente Leute, die den Mut haben, ihre Meinung zu sagen. Daran erkennt man einen guten Trainer: umgeben von einer kleinen, aber verlässlichen Gruppe von Experten. Um diese Beratung von anderen anzunehmen, braucht es aber auch die persönliche Offenheit. Das kann nicht jeder. Kontinuität heißt nämlich auch, dass man die Dinge stetig weiterentwickelt und korrigiert. Dazu braucht man die Besten um sich herum. Trotzdem trägt der Trainer am Ende die Verantwortung bei Entscheidungen, das merken auch die Spieler. Ist es der Trainer, der die Anweisungen gibt und sportliche Beurteilungen vornimmt, oder irgendwer anderes? Dass diese Zuständigkeiten auseinander geraten sind, ist in der heutigen Entwicklung deutlich zu sehen und erklärt die hohe Fluktuation. Damit die eigene Handschrift im Trainingsstil zur Geltung kommen kann, sollte mit zwei bis drei Jahren gerechnet werden, dafür sollten die Leute auch Zeit bekommen. Ganz interessant: Ich habe gelesen, dass in der Saison 2016 ein Trainer in der ersten und zweiten Bundesliga durchschnittlich etwa 1,2 Jahre eingesetzt war.

In 16 Jahren mussten Sie vermutlich auch das Training immer wieder neu erfinden?

Volker Finke: Ja, das meinte ich. Man darf nicht die Dinge immer wieder und wieder auf die gleiche Art und Weise machen. Natürlich mussten wir die Standardsituationen, die Beinarbeit, Koordination, Stellungswechsel usw. wiederholen, aber es demotiviert die Spieler, wenn sie jeden Dienstag schon wissen, wie das Training am Mittwoch aussieht. Was mich sehr faszinierte: das Vorgehen von Otto Rehhagel. Ich habe immer versucht herauszufinden, welche Dinge bei ihm zum Erfolg beigetragen haben. Dabei habe ich festgestellt, dass es nicht unbedingt an der Trainingsarbeit selbst lag, sondern an der Art und Weise, wie er sich um die Spieler gekümmert hat. Otto Rehhagel konnte immer das Beste aus seinen Spielern herauskitzeln.

olker Finke als Trainer des FC Freiburg im Zwiegespräch mit dem Kontrahenten Lothar Matthäus vom FC Bayern München.
(Foto: imago images/ Pressefoto Baumann)

Wie schwer ist es, sich selbst zu motivieren, wenn man schon mal abgestiegen ist? Kamen Sie damit auch mal an Ihre Grenze?

Volker Finke: Nein, an meine Grenzen bin ich nicht gekommen. Aber gerade bei einem Abstieg ist es wichtig, sich danach einen Plan zu machen. Innerhalb von spätestens drei Jahren sollte man es schaffen, sich wieder hoch zu arbeiten. Andernfalls ist man mit der Entwicklung der Finanzen, beispielsweise durch die fehlenden Fernsehgelder, schnell aus dem Rennen. Dadurch wird es schwierig, noch solide Gehälter zu bezahlen – die Spieler wechseln dann sehr schnell zu anderen Vereinen und ein Aufstieg wird immer schwieriger. Tiefen erlebt man im Fußball immer wieder, aber da zeigt sich die Qualität der verantwortlichen Leute. Eine überdachte Reaktion und der Zusammenhalt sind in solchen Situationen entscheidend – sowohl beim Vorstand als auch im Team. Einmal gab es eine Situation, in der die Mannschaft selbst nicht mehr miteinander funktionieren konnte. Das Team war innerlich kaputt, durch verschiedene Vorfälle und Misserfolge. So sahen wir uns einmal gezwungen, nahezu die komplette Mannschaft neu zu besetzen. Lediglich fünf Kernspieler haben wir damals beibehalten können und das Team mit Spielern unterhalb der ersten Liga, auch aus dem Amateurbereich, neu besetzt. Achim Stocker und ich haben damals sehr viel geredet und es war bemerkenswert und erleichternd, wie gut wir uns aufeinander verlassen konnten. 

Wenn eine Mannschaft unzufrieden ist, kann es dann vorkommen, dass die Spieler sich gegen den Trainer stellen?

Volker Finke: Also, so würde ich das nicht sagen. Wenn Unzufriedenheit bei einzelnen herrscht – sowas kann immer mal passieren –, dann ist das natürlich für die gesamte Stimmung der Mannschaft abträglich. Schlimmer noch, wenn es innerhalb der Mannschaft generell nicht stimmt. Bei einer Gruppe von 20 bis 25 Leuten, gibt es immer mal Unmut. Dass eine Mannschaft bewusst versucht, gegen den Trainer zu spielen, das glaube ich allerdings nicht. Möglicherweise wirkt es für den Zuschauer so, da sie keine Einheit bilden. Aus welchen Gründen auch immer schafft es ein Trainer manchmal nicht, dass die Spieler an einem gemeinsamen Strang ziehen. Die Ergebnisse sehen dann so aus, als hätte die Mannschaft gegen den Trainer gespielt. Eines darf man auch nicht vergessen: Leider werden manchmal Spieler von der Presse oder von Clubverantwortlichen lediglich als Backup für einen Leistungsträger oder Stammspieler betitelt. Das ist dann doch schwierig und raubt jedem Spieler die Motivation, was nur allzu verständlich ist. Man muss eben auch mit dem Einsatz der Spieler flexibel sein. Gibt man jemanden das Gefühl, nur zweitrangig zu sein, wünscht derjenige sich insgeheim, dass der Vordermann nicht seine ganze Leistung zeigt.

Denkt man beispielsweise an die Depressionen von Robert Enke oder an die fehlende Offenheit bezüglich Homosexualität, könnte man meinen, dass auch der DFB sich etwas flexibler zeigen müsste?

Volker Finke: Ja, das denke ich auch. Aber man darf nicht vergessen, dass der DFB und die DFL mehr oder weniger eigenständige Organisation und Unternehmen geworden sind. Im Grundlagenvertrag zwischen den beiden Organisationen sind verschiedene Formalien geregelt. In den letzten zwei bis drei Jahren ist deswegen immer viel gestritten worden. Ich glaube, dass die personelle Besetzung auf Seiten des DFB nicht mit dem Tempo mithalten konnte, in dem sich der Profi-Fußball entwickelt hat. In der kurzen Entwicklungszeit konnte die Qualität der Leute nicht zunehmen, ganz viele arbeiten dort auch ehrenamtlich. Dann gibt es noch verschiedene Hierarchieebenen, Bestimmungen in verschiedenen Bundesländern, traditionelle Gremien im Vereinswesen usw. Das Tempo ist enorm, doch die Mühlen mahlen langsam. Da gibt es einfach ein Missverhältnis.

Ist der deutsche Fußball noch zu retten?

Volker Finke: Sagen wir mal so: Die Franzosen haben ihre große Delle in den 90ern gehabt und nun sind sie wieder da! Sogar mit einer super Mannschaft. Deutschland ist mehrfach Weltmeister gewesen, nicht weil sie ihren Stil verändert haben, sondern weil wir besonders diszipliniert, zweikampfstark, entschlossen usw. sind. Wir werden auch wieder unsere Zeit haben. Eins darf man aber nicht vergessen: Löw hat vieles gut gemacht. Aber wir brauchen mehr Spieler, die selbstständig handeln und das müssen sie auch im Training lernen. Deswegen war mir auch immer die Fußballschule ein sehr wichtiges Anliegen. 

Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Lebenswerk vom DFB geehrt wird?

Volker Finke: Tatsächlich weiß ich gar nicht, wer die Initialzündung dazu gegeben hat (lacht). Aber es war schon ein besonderes Gefühl. Man merkt, dass alle guten und herausfordernden Momente sowohl ihre Zeit als auch ihre Berechtigung haben. Ich habe mich tatsächlich sehr über die Ehrung gefreut. Ich habe so viele Kontroversen in meinem Leben gehabt und viel gestritten, auch innerhalb des DFB. Insbesondere was die Jugendarbeit oder Ausbildungsinhalte angeht. Ich bin nun mal jemand, der auf schlechte Arbeit hinweist, auch wenn es nicht gerne gehört wird. Es muss doch möglich sein, dass man über Themen auch streiten kann, ohne gleich auf die schwarze Liste zu kommen! So viel Transparenz sollte jede Organisation aufbringen können. Deswegen wäre es schade, wenn der Fußball zu sehr kommerzialisiert würde. Der Sport sollte nicht zum Spielzeug der Oligarchen oder von irgendwelchen arabischen Millionären werden. Damit würde man sich selbst die Chance nehmen, viele Menschen zusammen zu bringen. Fußball ist Integration: Bei Zuschauern und bei den Spielern. Solche Sportarten gibt es selten. Fußball ist eine Projektionsfläche: Jeder kann sich seine eigenen Helden und Geschichten auszudenken. Der Fußball bietet alle möglichen Figuren und Modelle zur Identifikation. Das sollte uns auch immer wieder bewusst sein. Der Fußball kann eine Traumwelt sein. (eis)

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