Südpfalz. „Lieber Besucher, herzlich willkommen! Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“ So werden Patienten auf der Webseite einer medizinischen Online-Anlaufstelle von einer Assistenz begrüßt. Seit März diesen Jahres laufen in den Regionen Stuttgart und Tuttlingen Modellprojekte einer digitalen Sprechstunde. Die Patienten können per Telefon oder auch Videotelefonie mit einem registrierten Arzt Kontakt aufnehmen und diesem seine Symptome schildern. Dass der Arzt via Chat jedoch kein Ultraschall durchführen oder die Bronchien abhören kann, ist logisch. Aber der digitale Arzt kann dem Patienten eine Erstberatung bieten, ihn gegebenenfalls für eine Untersuchung an einen Facharzt überweisen, Rezepte ausstellen oder sogar eine Krankmeldung ausstellen – die kommt dann ganz bequem per E-Mail. Doch wie genau funktioniert die digitale Sprechstunde und wo ist diese schon heute keine Zukunftsmusik mehr? – Wir haben uns umgehört.
Krank in einem überfüllten Wartezimmer zu sitzen und zur Zeitüberbrückung eine sechs Monate alte Zeitschrift lesen zu müssen, ist ja schon schlimm genug. Schlimmer wird es nur noch, wenn der Sitznachbar hustet und krächzt und alle zwei Minuten seine Bakterien in Form von die Wände zum Erschüttern bringenden Niesanfällen durch den Raum schleudert. Nein, danke. Dieses Szenario könnte bald der Vergangenheit angehören: In Baden-Würrtemberg wird zur Zeit ein Modellprojekt getestet, bei dem der Patient sich per Telefon oder Videotelefonie in die Sprechstunde einwählt – die Landesärztekammer hat das Projekt genehmigt.

Dr. Michael Gurr, Allgemeinmediziner aus Eisenberg (nördliche Pfalz), bietet seinen Patienten bereits eine Online-Sprechstunde an. „Ich habe mit einem befreundeten Informatiker ein in dieser Form einmaliges Online-Sprechzimmer entwickelt, welches Anfang 2017 einen bundesweiten Innovationspreis in Berlin gewonnen hat. Die Online-Sprechstunde funktioniert schriftlich, zeit- und ortsunabhängig, über ein gesichertes Online-Portal, so wie Sie es von Messenger-Systemen kennen“, erklärt der Arzt. Über die Online-Sprechstunde können Patienten Dr. Gurr medizinische Fragen stellen – dies sei nicht nur eine zusätzliche Serviceleistung für seine Patienten, gleichzeitig werde das Praxisteam entlastet. Gerade auf dem Land seien die Wege in die Praxis für viele Patienten lang und zeitraubend. Eine Anfahrt kann durch die digitale Sprechstunde gespart werden.
Bei einer Online-Sprechstunde kann der Patient mit seinem Arzt z. B. Laborwerte, Röntgenbilder oder andere Befunde besprechen. Oder stellen Sie sich vor, Sie sind im Urlaub und können Ihren Arzt nicht aufsuchen. Online lassen sich bequem auch vom anderen Ende der Welt aus Fragen zur Medikamenteneinnahme o. Ä. an den Arzt des Vertrauens stellen.

Gibt es bald nur noch leere Stühle im Wartezimmer?
 (Foto: Rainer Sturm/pixelio.de)

Eine Bedingung gibt es jedoch, bei Dr. Gurr: Der Patient muss dem Arzt bekannt und bereits in der Praxis in Behandlung sein.
Diese moderne Kommunikationsform zwischen Patient und Arzt nennt Dr. Michael Gurr „Internetmedizin“. Online-Sprechstunden mit Bild, also per Videotelefonie, werden als Telemedizin bezeichnet. In Rheinland-Pfalz wird diese Art von digitaler Sprechstunde (noch) nicht angeboten. Das bestätigte auf Anfrage auch die Kassenärztliche Vereinigung.
Auch Patienten, deren Arzt keine Online-Sprechstunde anbietet, müssen bald nicht mehr auf diesen Service verzichten. Bei dem landesweiten Modellprojekt stehen rund 150 Fachärzte aus ganz Deutschland für medizinische Fragen zur Verfügung. In dem Online-Sprechzimmer kann der Patient entweder mit einem Arzt chatten oder Sprach- bzw. Videoanrufe tätigen. Zunächst aber nimmt eine medizinische Assistenz das Anliegen des Patienten auf und erstellt ein Ticket. Hat der Patient z. B. eine Frage zu einem Hautausschlag, erhalten alle auf der Plattform registrierten Dermatologen eine Benachrichtigung. Der Arzt, der zuerst auf die Anfrage reagiert, bekommt das Ticket und somit auch den Patienten zugewiesen. Der Patient erhält dann den Namen des Arztes und eine Uhrzeit, wann dieser sich beim ihm meldet – das ist einfacher, als Schuhe zu bestellen.

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