Wie kommt man auf die Idee, Stadionsprecher zu werden?

Horst Schömbs: Das war ein großer Zufall. Ich musste meine Karriere als Fußballer mit 21 Jahren beenden. Ich war sehr groß und bin dann auch in der B-Jugend nochmal sehr schnell gewachsen, daher konnte ich die Leistung nicht mehr bringen, um in meiner Heimatstadt Ingelheim in der zweiten Amateurliga zu spielen. Dann wurde mir angeboten, die Pressearbeit zu übernehmen sowie die Ansagen – ja, und so habe ich dann angefangen.

Wie ist es, wenn man für einen Verein Stadionsprecher wird, verliebt man sich dann irgendwann in den Verein?

Horst Schömbs: Ich war ja auch drei Jahre lang Stadionsprecher in Mainz. Nach Ingelheim habe ich zwei Jahre beim SV Wiesbaden in der Oberliga gearbeitet und bin dann zu Mainz 05 gekommen. Das war schon eine große Nummer. Dort habe ich drei Jahre lang gearbeitet. Ich hatte schon eine große Sympathie für Mainz, aber es war keine Liebe. Meine Liebe galt immer dem FCK. Bereits mein Vater war großer FCK-Fan. In jungen Jahren hatte mich auch die Begegnung mit Fritz Walter tief beeindruckt. Er gab im Sporthaus in Ingelheim eine Autogrammstunde und nahm sich für jeden Einzelnen viel Zeit. An diesem Tag bin ich sehr glücklich nach Hause gegangen. 

Es ist ja schon etwas Besonderes, bei „seiner Liebe“ einen Platz zu finden, oder?

Horst Schömbs: Ja, das war schon etwas Besonderes! Ich habe die Zusage am Aschermittwoch bekommen und sollte zur neuen Saison beginnen. Weil der damalige Stadionsprecher jedoch von heute auf morgen gehen musste, sollte ich sofort beginnen. Ich habe dann in Kaiserslautern schon begonnen und in Mainz die Saison noch zu Ende gemacht, weil ich die Mainzer nicht hängenlassen wollte. Damals gab es kein negatives Verhältnis zwischen Kaiserslautern und Mainz. Mainz war für uns keine Konkurrenz. Und wenn ich in Kaiserslautern ein positives Ergebnis von Mainz durchgesagt habe, dann hat sich das Publikum im Stadion gefreut und applaudiert. Das gute Verhältnis ging erst in die Brüche, als im Fanbereich viele unschöne Dinge passiert sind und in der Verunglimpfung von Fritz Walter gipfelten. Das hat natürlich in Kaiserslautern keiner vergessen. 

Gibt es bei den Stadionsprechern einen Markt? Werden für die Sprecher Ablösesummen bezahlt?

Horst Schömbs: Nein, es gibt keine Ablösesummen. ich war ablösefrei (lacht). 

Es gibt ja beispielsweise Arnd Zeigler, Stadionsprecher in Bremen. Tauscht man sich da untereinander aus?

Horst Schömbs: Ich bin jemand, der immer darauf achtet, wie die Kollegen arbeiten. Ich habe gerade zu Arnd Zeigler einen guten Draht, auch zu den Kollegen aus Wolfsburg oder Schalke. Natürlich spricht man darüber. Mein großes Vorbild war Hans-Gerd König, Stadionsprecher beim 1. FC Köln, Grandseigneur der Bundesligaszene, mit einer Wahnsinnsstimme, der sich nie hinreißen ließ, irgendwelche Dinge zu tun, die nicht korrekt waren. Er hat im Stadion Stimmung gemacht und Emotionen verbreitet, war sich aber immer der Verantwortung dieser Großveranstaltung bewusst.

Horst Schömbs (Mitte) ist seit 25 Jahren Stadionsprecher auf dem „Betze“ (Foto: FCK)

Du bist Stadionsprecher in einem Verein, der gerade in der dritten Liga spielt. Hast du trotzdem Kontakt zu Bundesligisten?

Horst Schömbs: Wir haben 2006 mit vielen Kollegen zusammen die WM moderiert, daraus ist eine besondere Verbundenheit entstanden. Vor einigen Monaten hatten wir auch eine Stadionsprechertagung beim DFB. Vor fünf Jahren habe ich mit einigen Kollegen und Verantwortlichen beim DFB ein Handbuch für Stadionsprecher und Platzansager der ersten bis vierten Liga entworfen. Es handelt davon, welche Szenarien entstehen können und wie man darauf reagieren kann. Wir haben herausgearbeitet, dass es nicht um Selbstdarstellung geht, sondern darum, ein Spiel – egal, ob es eine Veranstaltung der vierten oder ersten Liga ist – positiv und mit Emotion zu begleiten. 

Wie schwer ist es, sich als Stadionsprecher in den Hintergrund zu stellen, wenn das Stadion tobt und man im Leuchtfeuer steht?

Horst Schömbs: Man muss immer Respekt vor dem Publikum und der Großveranstaltung haben. Wie uns das Publikum unterstützt, ist phänomenal. Das zeigt, welche Qualität und welche Dynamik dieser Verein immer noch hat. Wenn wir drei, vier Spiele hintereinander gewinnen, dann haben wir 30.000 Zuschauer im Stadion, das hat kein anderer Drittligist, nicht einmal annähernd! Ich bin Stadionsprecher mit der Energie, die ich geben kann, aber auch mit der Fairness, Gäste als Gäste zu behandeln. Aber unsere Fans behandle ich natürlich ganz besonders! Das ist klar! Ich gehe mit ihnen emotional ganz anders um – das braucht Kaiserslautern! Kaiserslautern braucht Emotion, Kaiserslautern ist Emotion!

Wenn du ein Spiel anmoderierst, denkst du bestimmt nicht, dass es nur die dritte Liga ist. In diesem Moment geht es dir bestimmt nur um den Verein, oder?

Horst Schömbs: Es geht dann nur darum, eine positive Grundstimmung für dieses Spiel zu schaffen. Wir brauchen einfach Emotion im Stadion, die kannst du schon vor Spielbeginn etwas steuern. Alles, was dann passiert, entscheidet letztendlich das, was unten auf dem Platz passiert. 

Wie stark blutet dein Herz, wenn du die Entwicklung des FCK von der ersten bis in die dritte Liga, siehst?

Horst Schömbs: Mein Herz blutet natürlich, wenn ich sehe, dass wir in die dritte Liga abgestiegen sind und viele gute Mitarbeiter nicht mehr im Verein sind bzw. aus finanziellen Gründen nicht mehr beim Verein sein können, die auch alles gegeben haben, das ist etwas, das schmerzt. Es gab schon viele Veränderungen. Ich halte mich aus diesen Dingen natürlich heraus und bin immer loyal zum Verein und den handelnden Personen. Das ist natürlich eine schwierige Situation für alle Gremien, die im Moment arbeiten. Ich glaube aber immer noch an das Positive, dass jeder diesen Verein in den Fokus stellt, um in letzter Konsequenz ein gutes Ergebnis für uns zu erreichen.

Was im Moment mit dem Verein passiert, ist mehr ein Ausbaden von dem, was vorher passiert ist, oder?

Das ist ein Prozess, der Jahre gedauert hat. Wo es eigentlich mit ein paar Steps nach oben immer kontinuierlich ein Stück nach unten ging. Das hat natürlich Gründe. Ob man die richtige Spielerauswahl getroffen hat, ob man die richtigen Trainerauswahl getroffen hat. Der Trainer ist die Schlüsselfigur im Verein. Da glaube ich, haben wir nicht immer die glücklichsten Entscheidungen getroffen – wer auch immer das war!

Die WM war für dich bestimmt ein absolutes Highlight, oder?

Horst Schömbs: Die Weltmeisterschaft war natürlich etwas ganz Besonderes. Die Atmosphäre in Kaiserslautern war einmalig. Die Stadt hat auch von dieser Weltmeisterschaft profitiert. Alle Fans waren gut drauf und haben im Vorfeld der Spiele gemeinsam gefeiert. Insofern haben wir auch eine entspannte Weltmeisterschaft gehabt und es gab keine Risikospiele. Das war schon ein besonderes Erlebnis. Wenn ich selbst für mich zurückblicke, war das absolute Highlight der Emotionen das entscheidende letzte Saisonspiel gegen Köln am 18. Mai 2008. Im Vorfeld habe ich mir bereits alle Spiele der Konkurrenz angeschaut. Es gab alle Emotionen von Hoffnung bis Verzweiflung. Dann hatte man tatsächlich das Finale gegen Köln geschafft, mit dem Wissen, dass man gewinnen muss. Und dann schießt Patrick Helmes in der 69. Minute an den Innenpfosten und der Ball trudelt Richtung Linie, geht aber nicht rein und im Gegenzug schießt Josh Simpson das 1:0 und es fängt an zu regnen. Und wir dachten alle, Fritz Walter schickt uns jetzt sein Wetter. Marcel Ziemer macht noch zwei Tore. Dann sind wir mit dem Mannschaftsbus in die Stadt gefahren und haben vorher noch Josh Simpson aus dem Krankenhaus abgeholt, weil er sich bei diesem Spiel den Mittelfußknochen gebrochen hatte. Auf den Straßen waren tausende Menschen, die uns zugewunken haben, als wären wir Deutscher Meister geworden. Das sind so Momente, die einem im Gedächtnis bleiben. 

Der Bezug zur Mannschaft ist ja da. Du siehst ja auch Spieler kommen und gehen. Entwickeln sich darüber hinaus auch Freundschaften oder ist das zu schnelllebig?

Horst Schömbs: Natürlich ist vieles schnelllebig, aber es sind auch Freundschaften geblieben, z. B. zu Dominique Heintz, der auch aus der Südpfalz kommt. Dominique und ich, wir schreiben uns regelmäßig und ich moderiere auch seine Benefizveranstaltungen. Er ist jemand, den ich sehr, sehr mag. Wenn heute jemand auf den Betzenberg kommt, dann kennt man von den Gästen immer jemanden und es ist immer freundschaftlich. 

Bereitest du dich auf den Gegner vor und informierst du dich über die Mannschaft?

Horst Schömbs: Ja, das mache ich auf jeden Fall. Ich schaue mir immer an, wie der Kader aussieht und welche besonderen Vorkommnisse es in den Spielen davor gab. Mit dem Pressesprecher gehe ich immer die Mannschaftsaufstellung durch. Mir ist es auch wichtig, dass ich alle Namen richtig ausspreche. 

Bist du auch bei den Auswärtsspielen dabei?

Horst Schömbs: Nicht regelmäßig, das schaffe ich zeitlich nicht mehr. Aber bei der Hälfte der Auswärtsspiele bin ich dabei. Ich verpasse aber kein Spiel, ich schaue die Spiele immer live im Fernsehen. Nichtschauen geht gar nicht!

Und du fieberst dann daheim genauso mit?

Horst Schömbs: Eigentlich ist es zuhause noch viel schlimmer als im Stadion. Ich bin immer froh, wenn das Spiel rum ist.

Früher bin ich wegen der tollen Atmosphäre auf den Betzenberg gegangen. Mit 34.000 Menschen war das Stadion pickepackevoll und es war grandios von der Stimmung her.

Horst Schömbs: Ich finde, dieses Stadion ist ein grandioses Stadion und leider in der dritten Liga nur mit 22.000 Leuten gefüllt. Aber 22.000 Zuschauer sind für die dritte Liga trotzdem eine große Zahl. Natürlich erhofft man sich einfach bessere Fußballzeiten. Die Fans sind schon leidgeprüft. Was wir in den letzten Jahren fußballerisch gesehen haben, war halt nicht erste Sahne. Sie haben echt mal eine Saison verdient, in der wir einfach mal erfolgreich spielen und dann bin ich mir sicher, wer-den wir auch in der dritten Liga 30.000 plus haben. 

Wenn die Mannschaft mal zusammenbleibt, dann ist das eine gute Voraussetzung.

Horst Schömbs: Ja, wir haben einen top Sportvorstand. Der weiß genau, welche Schlüsse aus dieser Saison zu ziehen sind, und ich bin auch optimistisch.

Ihr habt mit Sascha Hildmann auch einen guten Trainer.

Horst Schömbs: Ich kenne Sascha seit 25 Jahren. Er war damals noch Spieler. Er ist einfach ein feiner Kerl, der ganz viel Empathie für den FCK hat – das war eine kluge Entscheidung. 

Der FCK hat früher viele Spiele in den letzten Sekunden gewonnen. Der Betzenberg hat die Gegner eingeschüchtert. Klaus Augenthaler hat einmal erzählt, dass man schon bei der Hinfahrt Angst hatte und sich mit Stöcken und Schirmen bewaffnen musste. Diesen Schrecken hat der „Betze“ verloren.

Horst Schömbs: Ja, und durch den Umbau des Stadions ist man auch als Zuschauer einfach ein Stück weiter weg vom Spielfeld. 

Du bist nicht nur beim Fußball Stadionsprecher, sondern auch beim Tischtennis. Wie kommt es dazu?

Horst Schömbs: In meiner Heimat in Bingen gibt es eine wunderbare Tischtennismannschaft der Damen. Sie sind dreimal Deutscher Vizemeister geworden und ich begleite sie seit Jahren moderativ, wenn ich die Zeit dazu habe. Es ist ein ganz junges Team, das ganz großen Sport leistet. In die Halle kommen dann zwar nur 200 oder 250 Zuschauer, aber man sieht absoluten Spitzensport. Und das will ich unterstützen. 

Was würdest du gerne als Stadionsprecher noch erleben?

Horst Schömbs: Ich würde gerne erleben, dass dieser Verein den nächsten Schritt tun kann und in die zweite Liga kommt. Unsere Fans, die so viel für den Verein tun, hätten verdient, dass ihr Engagement belohnt wird. Das ist mein größter Wunsch! Ich persönlich habe natürlich den Wunsch, dass es dem Verein perspektivisch besser geht, als es ihm jetzt geht, dass kluge Entscheidungen getroffen werden und dass man sich nicht permanent von Emotionen leiten lässt. 

Ganz im Sinne von Fritz Walter.

Horst Schömbs: Ich habe Fritz Walter, Ottmar Walter und Horst Eckel kennengelernt, das sind alles ganz feine Menschen. In meinem ersten Ausbildungsjahr 1973 bin ich auf Werner Kohlmeyer getroffen und habe mir von ihm ein Autogramm auf ein Stück Karton geben lassen. Das habe ich bis heute in Ehren gehalten. Die Spieler der 54er Mannschaft waren in meiner Jugendzeit meine Idole, obwohl ich nie ein Spiel von ihnen gesehen habe. Ich hatte eine LP, die ich hundert Mal gehört habe. Auf der einen Seite waren die ganzen Spiele bis zum Finale und auf der anderen Seite war das Finale. 

Wie lange wirst du noch als Stadionsprecher arbeiten? Bestimmst du den Zeitpunkt selbst?

Horst Schömbs: Den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören zu finden, ist eine Kunst. Ich habe aber im Moment noch keine Ambitionen, aufzuhören. Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch, der merkt, wenn es nicht mehr passt. Im Moment habe ich aber so viel Lust, diesen Verein noch eine Weile positiv zu begleiten.

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