Steckbrief: Till Brönner
Geboren: 6. Mai 1971 in Viersen.
Studierte Jazztrompete an der Hochschule für Musik Köln.
1991 wurde Brönner Mitglied der RIAS Big Band.
Hat bisher 20 Alben veröffentlicht.
Arbeitet auch als Produzent und Komponist.
Als Fotograf hat er bereits zwei Bücher veröffentlicht.


Normalerweise haben Jugendliche mit 12 oder 13 Jahren andere Interessen als Jazzmusik und Trompete. Bei Ihnen war das die Zeit, in der Sie Ihre Berufung entdeckten. Wie kam es dazu?

Till Brönner: Erlauben Sie mir die Kurzversion (lacht). Ich komme aus einer Musikerfamilie, vor allem meine beiden Großväter waren Lehrer, Chorleiter und Organisten. Insofern gab es bei mir also eine musikalische Vorbelastung, die an die Kinder und Enkelkinder immer in sehr gesunder Dosis weitergegeben wurde. Deswegen war die Überraschung für niemanden besonders groß, als ich mich dazu entschloss, Trompete spielen zu lernen. Der Impuls speziell für dieses Instrument waren die Fernsehshows der 70er Jahre mit Showtreppe und Orchester. Ich wollte einer dieser schmucken Trompeter im weißen Anzug werden. Und tatsächlich saß ich 15 Jahre später in genau diesem Orchester des damaligen RIAS Berlin unter Horst Jankowski. Und heute kann ich sagen: Das war eine tolle Zeit! Kurz nach dem Mauerfall in Berlin – die Stimmung damals noch völlig anders als heute. Wir saßen noch bei Dieter Thomas Heck, spielten mit Gilbert Bécaud, oder Harry Belafonte, Caterina Valente und sogar Hildegard Knef. Eine Ära die vorüber ist. Aber ich war dabei.

Hat die Realität Ihre Kindheitsvorstellungen also noch übertroffen?

Till Brönner: Ja. Aber in bester Hinsicht. Man merkte ziemlich schnell, wer ein Schaumschläger und wer ein Vollprofi war. Eine 360-Grad-Ausbildung wie Caterina Valente – wer hat die heute noch?

Gehen wir nochmal ein paar Jahre zurück: Als sie als Teenager angefangen haben, Trompete zu lernen – wie kam das bei den Freunden in der Schule an?

Till Brönner: Das war nicht leicht, mit meiner Musik konnte ich nicht wirklich punkten. Ich hatte einen Freund, mit dem ich mich sehr gut über Musik unterhalten konnte. Wir hatten ein paar Schnittmengen – irgendwo zwischen Sting, Level 42 und David Sanborn. Aber darüber tauschten wir uns rege aus. Ohne diesen Freund wäre es für mich wesentlich schwieriger geworden. Alle anderen hörten eher Depeche Mode oder The Cure, damit konnte ich damals wenig anfangen. Die Klassenfeten habe ich deswegen immer als ziemlich affig empfunden. Allerdings war wohl eher ich der Affe mit dem komischen Musikgeschmack (lacht).

Sie konnten also wirklich gar nichts mit Pop- und Rockmusik anfangen?

Till Brönner: Für mich war das irgendwie immer ein wenig zu banal und belanglos. Diatonischer Mist ohne harmonische Raffinesse. So hab ich das jedenfalls damals empfunden. Heute sehe ich das natürlich anders: Vieles, was in den 60ern und 70ern an Popmusik entstand war tolle Musik mit viel Substanz. Ich habe aber erst später begonnen, diese Sachen zu genießen, weil ich plötzlich Texte genauso interessant fand wie Musik. Davor haben mich nur die Charlie Parkers und Dizzy Gillespies dieser Welt interessiert – die Gesetzesbrecher aus den 30ern und 40ern.

(Foto: Patrice Brylla)

Welche Platte würden Sie denn jemandem empfehlen, der bisher noch gar keinen Zugang zum Jazz gefunden hat?

Till Brönner: Da fallen mir drei, vier ein! Eine davon ist auf jeden Fall „Kind of Blue“ von Miles Davis – das ist ein Meilenstein aus der Zeit nach dem Bebop. Eine Musik, die das Individuum, und den Raum zwischen den Noten zelebriert wie keine andere zuvor. Ich lege Ihnen aber auch Platten von Anita O’Day, Frank Sinatra und Julie London ans Herz. Sie sind die besten Beispiele, wie viel Können auf allen Gebieten sich da im Studio versammelt hat – und wie kommerziell erfolgreich Jazz trotzdem sein kann.

Kommen wir nochmal zurück zu Ihrem Instrument – der Trompete! Wie viele Stunden Übung stecken Sie da täglich noch rein?

Till Brönner: Mit Stunden wird es an manchen Tagen schon schwierig! Oft dient ein Konzert selbst bzw. der Soundcheck davor als Übung. Als Trompeter gilt es aufzupassen, dass man es mit der Dosis nicht übertreibt. Selbst geübte Trompeter stoßen nach drei Stunden an ihre Grenzen. Deswegen ist es wichtig, dass man sich zwischendrin Pausen gönnt. Selbst während eines Konzerts, baue ich die bewusst ein. Ich versuche, immer eine gute Balance zu finden, zwischen meinen Ansprachen und der Musik, um meinem eigenen künstlerischen Anspruch gerecht zu werden und die Kondition nicht zu verlieren. Schwierig wird es bei Konzerten, bei denen nur Trompete und Bass auf der Bühne stehen. Da gehe ich regelmäßig auf dem Zahnfleisch in meine Garderobe zurück, weil ich wirklich fertig bin.

Gibt es Tage, an denen Sie gar nicht spielen?

Till Brönner: Selten! Der Mangel an Kondition und mein schlechtes Gewissen holen mich in der Regel direkt ein. Und dann wünsche ich mir, ich hätte doch etwas getan! Bevor ich also gar nicht spiele, setze ich mich lieber spät abends doch noch hin und spiele zehn Minuten.
Sie spielen ja nicht nur Trompete, sondern singen auch. Wie kam es dazu?
Till Brönner: Noch als Student, als ich im Quartett als einziger Bläser auf der Bühne stand, habe ich gemerkt, wie anstrengend es ist, einen ganzen Abend alleine als Frontmann zu bestreiten. Deswegen habe ich – ursprünglich aus Spaß – mal eine Nummer gesungen, um mich zu entspannen. Der Effekt war lustig: Das Publikum hat plötzlich viel aufmerksamer auf mich reagiert, und zwar nicht nur während des Gesangs, sondern auch mein Trompetenspiel wurde interessierter verfolgt.

Die Improvisation ist ein zentrales Element beim Jazz. Entsteht dadurch auch manchmal ein gewisser Druck oder eine Unsicherheit, dass das am Ende auch alles harmoniert? Oder sind die Musiker so gut eingespielt, dass nichts schiefgehen kann?

Till Brönner: Zu eingespielt darf man als Jazzmusiker nicht sein, sonst nimmt man dem Ganzen die Spannung. Auf der Bühne treten die Musiker quasi in Verhandlung, es treffen dort verschiedene Egos aufeinander, die sich dort – umgangssprachlich ausgedrückt – kontrovers unterhalten und am Ende idealerweise zu so etwas wie einem gemeinsamen Schlusswort kommen. Aber es gibt kein einziges Konzert, bei dem ich nicht mindestens die Hälfte improvisiere. Natürlich gibt es da auch Momente, wo ich denke, das hätte besser laufen können. Und dann gibt es Sequenzen, die laufen ungeprobt wie am Schnürchen. Leider kann man das nie vorhersagen.

Man kann sich also sicher sein, dass jedes Konzert garantiert anders ist als alle anderen?

Till Brönner: So ist es. Natürlich gibt es bestimmte Dramaturgien, die sich wiederholen. Aber ein Solo, das ich heute gespielt habe, kann ich morgen nicht wiederholen! Das bleibt dann für immer „die Version aus Rosenheim“. (lacht)

Jetzt sind Sie ja nicht nur Musiker, sondern auch Fotograf! Wie ist das entstanden?

Till Brönner: Ich hatte mit dem Thema Fotografie ja eigentlich schon sehr lange zu tun, alleine dadurch, dass ich selbst relativ oft fotografiert wurde. Aber es hat mich einfach nicht interessiert. Ich habe mich eher mit Kochen beschäftigt und bin anderen Hobbys nachgegangen. Irgendwann habe ich die Musik zu einem Dokumentarfilm über den amerikanischen Jazz- und Modefotografen William Claxton geschrieben und dabei die Ähnlichkeit zwischen der Arbeit als Fotograf und als Musiker entdeckt: Man arbeitet mit der gleichen Art von Sensibilität und interagiert mit dem Subjekt auf ähnliche Weise. Die eigene Persönlichkeit spielt eine immense Rolle, deswegen kommen auch so unterschiedliche Ergebnisse raus, obwohl ja die meisten Fotografen ähnliches Equipment nutzen. Der Blick auf die Dinge ist eben unterschiedlich. Mein Interesse war also geweckt und seitdem habe ich mich immer mehr damit beschäftigt. Wenn ich auf Reisen bin und gerade nicht Musik mache, bearbeite ich gerne Fotos und bleibe auf diese Weise weiter künstlerisch tätig. Ich muss offenbar immer kreativ sein.

Haben Sie die Kamera auch dabei, wenn Sie auf Tour gehen?

Till Brönner: Ja, auf einer Tour ergeben sich immer wieder Situationen, die sich fotografisch lohnen. Ich spiele noch mit dem Gedanken, sie auch in die Weihnachtstour einzubauen. Welche Denkanstöße kann dieses Fest heutzutage geben? Weihnachten ist ja kein Fest, das alle Menschen gleich empfinden. Gerade wir als Jazzkünstler versuchen, dem Thema tiefer auf den Grund zu gehen. Ich selbst fand Weihnachten als Kind schön, habe später aber auch das ein oder andere Drama erlebt. Das kennen viele Menschen, ich bin sicher. Heute bin ich also froh, wenn ich die Tage mit guter Gesellschaft und gutem Essen friedlich über die Runden bringe. Aber es regt sich eben wieder recht schnell das Kreative in mir und so bin ich meist froh, wenn die trägen Tage wieder vorbei sind (lacht).

Weihnachten ist ja ein christliches Fest. Muss man, wenn man eine Tour zu so einem Anlass macht, selbst religiös sein?

Till Brönner: Ich bin christlich aufgewachsen und die Botschaft, die das Weihnachtsfest vermittelt, ist ja durchaus eine allgemein gültige. Es geht darum, was in den eigenen vier Wänden getan werden kann – und das ist gerade in der heutigen Zeit enorm wichtig. Respekt, Hilfsbereitschaft – diese Werte im Kleinen zu vermitteln ist eine genau so wichtige Botschaft wie die der großen Spendengala, wo Rekordsummen für gute Zwecke gesammelt werden.

Das heißt, man muss kein streng gläubiger Christ sein, um die Weihnachtsbotschaften zu vermitteln?

Till Brönner: Nun, wir treten mit der Weihnachtstour auch in China auf – und die rennen uns die Bude ein! Weihnachten vermittelt also auch dort offenbar eine besondere Botschaft!

Wie gehen Sie denn mit Ihren Fans um? Sind Sie beispielsweise auf Sozialen Netzwerken aktiv oder vermeiden Sie das eher?

Till Brönner: Vermeiden halte ich für weltfremd! Ich versuche, Social Media für mich zu nutzen – und nicht umgekehrt. Ich möchte mich nicht steuern oder kontrollieren lassen. Als Musiker kommt man aber nicht drum herum, sich mit dem Thema, den Möglichkeiten und auseinanderzusetzen. Ich fühle mich noch jung genug, um auf diesem Gebiet noch besser zu werden.

Wie kommen Fans denn auf Sie zu?

Till Brönner: Ich empfinde mich da als sehr gesegnet mit meinen Fans. Die kommen immer sehr höflich, eher zurückhaltend auf mich zu. Das hängt sicher auch ein bisschen mit der Zielgruppe zusammen. Und wenn dann mal einer auf vergleichsweise forsche Art nach einem Selfie mit mir fragt, mache ich das natürlich gerne. Wenn mal keiner mehr kommt, muss ich mir eher Sorgen machen.

Anne Herder traf Till Brönner in Stuttgart. (Foto: privat)

Zu der Zeit, als Sie als Jurymitglied von X-Factor im Fernsehen zu sehen waren, war das sicher etwas anders, oder?

Till Brönner: Ja, da wurde ich öfter mal auf der Straße von Leuten außerhalb meiner üblichen Zielgruppe angesprochen! Viele kennen auch heute noch mein Gesicht dadurch, aber können mich nicht mehr ganz einordnen. Wenn ich auf Nachfrage dann „X-Factor“ sage, fällt schnell der Groschen.

Würden Sie so etwas denn nochmal machen?

Till Brönner: Man soll ja niemals nie sagen. Ich will es also nicht ausschließen. Es entstehen ja auch immer wieder spannende neue Formate. Hauptsache nicht als Kandidat irgendwo tanzen oder sowas! Aber das ist etwas Persönliches (lacht) …ich lehne Tanzen kategorisch für mich ab, das glaubt man wahrscheinlich gar nicht. Ich kann – nein: will – nicht tanzen! Aber das ist Geschmacksache und wer sich da voll reinhängt, für den freue ich mich.

Sie haben ja schon an verschiedenen Stellen erwähnt, dass Sie auch ein Weinliebhaber sind. Haben Sie denn auch einen Lieblingswein aus der Pfalz? Oder waren Sie schon mal in der Region zum Weintrinken?

Till Brönner: Wein und Jazz haben ja eine lange Tradition in der Pfalz. Es gibt einige Locations, die beides verbinden. In Deidesheim zum Beispiel gibt es große Wein- und Musikexperten. Alleine schon durch die klimatische Veränderung – so schlimm und beängstigend sie auch ist – zeichnet sich vor allem im Bereich der Rotweine eine starke Veränderung hin zu fast schon mediterranen Tropfen ab. Ich habe da beispielsweise einen vom Weingut Knipser getrunken, der mich sehr beeindruckt hat.

Also eher Rot als Weiß für Sie?

Till Brönner: Nicht unbedingt. Ich entdecke immer mehr die Weißweine für mich. Aber es gilt: Nicht so viel, dafür absolut erstklassig. Wir leben in einem Weißweinland erster Güte! Und mein Alter zeigt mir längst, dass es besondere Anlässe bleiben dürfen, zu denen eine Flasche geöffnet wird.

Better Than Christmas-Tour:

Donnerstag, 21. November, Mannheim, Rosengarten.
Diebstag, 26. November, Stuttgart, Liederhalle

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