Wenn man sich die aktuellen Entwicklungen so ansieht: Ist die Weltpolitik aus den Fugen geraten?

Eberhard Gienger: Diese Frage habe ich mir in letzter Zeit auch oft gestellt. Aber ich habe früher zuhause eine Serie von Geschichtsbüchern gehabt und ich habe mit großem Interesse darin gelesen und auch damals war die Welt zu bestimmten Zeiten aus den Fugen geraten. Ich glaube nicht unbedingt, dass das, was wir momentan erleben, etwas Neues ist, sondern es ist lediglich den modernen Medien geschuldet, dass wir Themen, die brisant sind, in Echtzeit erfahren. Auf der anderen Seite kommt im Moment offensichtlich auch sehr viel zusammen: Nicht nur die Vorbereitung auf die Bundestagswahl, sondern in diesem Zusammenhang die Frage, ob Europa noch zeitgemäß sei. Es gibt ja Tendenzen, die gegen Europa erkennbar sind. Ich denke da beispielsweise an den Brexit oder an das neue Verhältnis, das wir zu den USA aufbauen müssen. Es gibt die Problematik in Russland, Stichwort Krim – und viele weitere weltgeschichtliche Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Und wenn man das alles zusammennimmt, dann bekommen wir tatsächlich den Eindruck einer weltpolitischen Schieflage. Aber in Einzelteile zerlegt, kann man mit jedem einzelnen Problemfeld durchaus umgehen!

Das Vertrauen in Menschen wie Donald Trump oder Kim Jong-un ist aber schon geschwunden.

Eberhard Gienger: Aber auch die sind nicht alleine auf der Welt! Donald Trump erfährt ja derzeit auch aus den eigenen Reihen erheblichen Widerstand bei den verschiedensten Themen. Hier gibt es durchaus ein Regulativ. Das Regulativ bei Kim sehe ich eher im großen Nachbarn China. Ich denke, alles in allem sind überall auf der Welt sehr vernünftige Menschen unterwegs, die auf Personen wie Trump oder Kim Einfluss nehmen können.

Ist Trump nicht auch ein „Glücksfall“ für die Demokratie in Europa, weil wir Europäer sehen, dass es so wie er es möchte, einfach nicht gehen kann und darf?

Eberhard Gienger: Ob Trump als Glücksfall bezeichnet werden kann, weiß ich nicht (lacht), aber auf jeden Fall als Beispiel, wie es sein kann. Er ist durchaus eine Person, an der man sich abarbeiten kann und auf diese Weise die positiven Seiten der eigenen Staatsform und der eigenen Politiker durchaus zu schätzen lernt.

Uns in Deutschland geht es eigentlich gut. Kann es sein, dass auch deswegen gar kein richtiger Wahlkampf zu spüren ist?

Eberhard Gienger: Bei Martin Schulz ist es ja so, dass er nach wie vor noch auf der Suche nach der zündenden Idee ist. Wenn ich ihn erlebe, ist mein Eindruck, dass er Dinge ausprobiert, feststellt, dass sie nicht so gut funktionieren und dann zum nächsten Thema geht. Er hebt oft den Finger, ohne eine Lösung für das aufgezeigte Problem anbieten zu können. Aber der Wahlkampf kann immer noch an Fahrt aufnehmen, davon bin ich überzeugt. Zumal die unterschiedlichen Interessen der jeweiligen Parteien doch zum Ausdruck gekommen sind und es da große Unterschiede gibt. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich glaube, es ist keine richtige Wechselstimmung festzustellen. Die Mehrheit der Bürger ist mit der Politik recht zufrieden und hat sich scheinbar auch mit der Politik der Kanzlerin wieder versöhnt, was die Flüchtlingsthematik angeht. Deswegen bleibt die Wechselstimmung aus – und damit ein drastischer Wahlkampf.

(Foto: privat)

Wenn Frau Merkel nichts sagt, ist alles okay. Denn sie braucht ja nur auf die Fehler der anderen zu warten. Und mir scheint, sie hat ein ausgeprägtes Gespür dafür.

Eberhard Gienger: Wir waren gerade in Heilbronn, beim Auftakt des Wahlkampfes in Baden-Württemberg für sie. Und der Auftritt war, wie ich fand, sehr gut. Es gab auch Demonstrationen von Pflegenden, denen ich recht geben muss! Das hat die Kanzlerin aufgegriffen und versprochen, dass die Regierung alles dafür tun wird, dass die Arbeit der Pflegeberufe mehr wertgeschätzt wird. Wo sie sehr gut reagiert hat, war bei den linken Gruppierungen, die „Wir sind das Volk“ skandierten. Sie sagte: „Die anderen, die hier sitzen, sind auch das Volk.“ Mit ihr haben wir eine Persönlichkeit, die durchaus in der Lage ist, nicht nur Deutschland zu führen, sondern Europa zusammenzuhalten. Und das ist momentan eine der wesentlichen Aufgaben.

Ist Europa vielleicht einfach zu schnell gewachsen?

Eberhard Gienger: Es sind durchaus Maßnahmen ergriffen worden, um Europa zu einem Konglomerat zusammenzubinden, das sehr heterogen ist. In manchen Fällen – Rumänen, Bulgarien, war das vielleicht zu früh. Im Falle der Türkei ist die Politik da ja zurecht sehr zurückhaltend.

Muss man keine Regularien schaffen, auch was die Staatsformen für EU-Länder angeht?

Eberhard Gienger: Ja, das ist so eine Sache. Stimmentzug wäre durchaus denkbar, wenn man die Werte, die sich Europa gegeben hat, nicht gelten lassen will und sich beispielsweise nicht an die Genfer Flüchtlingskonvention hält. Da kann mit Stimmrechtsentzug oder der Reduzierung finanzieller Leistungen operiert werden in meinen Augen.

Dass Europa über eine dermaßen lange Zeit Frieden gehalten hat, wird in der heutigen Politik gar nicht mehr beachtet.

Eberhard Gienger: Das ist auch etwas, was ich als eines der wesentlichen Merkmale von Europa hervorhebe: über 70 Jahre Frieden. Eine unglaublich lange Zeit. Daher müssen wir das Friedensprojekt Europa auch als solches sehen. Ich habe diesbezüglich eine Schlüsselerfahrung gemacht: Ich war 1998/1999 – der Euro war gerade in der Vorbereitung – bei einer Podiumsdiskussion in Köln mit dem damaligen Oberbürgermeister Norbert Burger. Die Diskussion war zu Ende und wir saßen noch nebeneinander und er fragte mich, was ich von Europa und dem Euro halte. Und ich meinte: „Ja, wenn er kommt, dann ist das gut, wenn nicht, dann nicht.“ Da sieht er mich ganz entsetzt an und sagt: „Um Gottes Willen, Herr Gienger! Europa ist etwas, um das Sie kämpfen müssen!“ Und schon allein, dass diese Anekdote nach 20 Jahren noch so präsent ist, zeigt, dass er Recht hatte: Europa ist etwas, um das es sich zu kämpfen lohnt. Ich bin in meinen jungen Jahren ins Ausland gegangen, habe in Japan, in Russland und den USA gelebt. Und wenn man solche Erfahrungen machen darf – mit Menschen anderer Kulturen, anderer Ideologien – dann stellt man fest, dass alle nur mit Wasser kochen und alle ihre Ideale, Hoffnungen, Träume, aber auch Sorgen haben. Und das ist doch das beste Mittel, um eine Friedensorganisation zu schaffen: Es ist wichtig, den Hintergrund der anderen zu kennen. Und so sollte es in Europa auch sein.

Kommen wir kurz zum Thema Ehrenamt: Sie setzen sich ja stark dafür ein. Haben Sie keine Angst, dass das Ehrenamt – gerade in den Vereinen – stirbt?

Eberhard Gienger: Wir sind in Deutschland, was das System der Ehrenamtlichkeit angeht, ja Exoten. Etwas Derartiges gibt es noch in Österreich, der Schweiz und einem Teil von Skandinavien. Aber nicht in dem Maße, das wir kennen. Man muss sich schon Gedanken machen, ob das Ehrenamt überhaupt noch zeitgemäß ist in einer Gesellschaft, wo auf der einen Seite die Ich-Bezogenheit sehr stark entwickelt und auf der anderen Seite die Menschen schauen müssen, wo sie selber bleiben. Da ist das Ehrenamt durchaus in einer Situation, in der es sinnvoll ist, sich Gedanken zu machen, wie man es stärken kann. Das hat die Politik in vielen Bereichen getan, beispielsweise im Sport, Feuerwehr, THW oder DRK. Auch im Stiftungsrecht hat sich einiges getan. Es ist sehr wohl bekannt, was das Ehrenamt in Deutschland bedeutet. Wir können darauf sehr stolz sein! Ganz besonders im Bereich der Flüchtlinge wäre ohne Ehrenamtliche einfach alles viel schwieriger gewesen.
Gerade bei den Sportvereinen ist es natürlich schwer, Nachwuchs zu generieren.
Eberhard Gienger: Das Anspruchsdenken ist sehr hoch, auch das der Eltern, die denken, dass die Mitarbeiter im Verein ihre Kinder zum Nulltarif erziehen. Auch hier gibt es natürlich ein Gefälle zwischen Stadt und Land.

Ist das Ehrenamt ein Spiegelbild des Wandels in der Gesellschaft?

Eberhard Gienger: Also eines steht fest: Das Anspruchsdenken der Menschen steigt und im Ehrenamt kann man natürlich diesem Anspruchsdenken nicht unbedingt folgen, weil es nebenher laufen muss. Und wenn ich etwas zur Zufriedenheit eines Kunden abwickeln will, muss ich mich diesem Geschäft zu 100% widmen. En gros ist das sicher nicht einfach. Bei uns in Baden-Württemberg gibt es da zahlreiche Maßnahmen, wie die Versicherung für die Ehrenamtlichen, die Jugendleiterkarte, die Ehrenamtsgala, die Ehrenamtsmedaille. Und es gibt – das finde ich ein ganz tolles Projekt! – das Mentorenprogramm, wo junge Leute in Schulen ausgebildet werden, um den eigenen Kameraden in bestimmten Bereichen zu unterrichten. Und die jungen Leute bekommen dann ein Zertifikat fürs Zeugnis. Das fände ich super, wenn so etwas direkt ins Zeugnis geschrieben werden würde!

Man hat den Eindruck, dass nach oben die Basis verloren geht – der Fan interessiert nicht, kleine Vereine gehen kaputt. Und das ist bei der populärsten Sportart Deutschland sehr traurig. Der DFB macht zu wenig, um den Sport aufrecht zu erhalten.

Eberhard Gienger: Der DFB tut ja einiges dafür, es gibt ja das Programm der Bolzplätze. Es wurde auch viel in die Nachwuchsförderung investiert.

Dafür macht der DFB mit der Zerstückelung des Spieltages viel kaputt!

Eberhard Gienger: Das prangere ich in letzter Zeit auch sehr an! Ich komme, obwohl ich ein Fußballfan bin, schon langsam nicht mehr mit; ist das Bundesliga, Europa oder Champions League? Ist es ein Freundschaftsspiel der Nationalmannschaft, ist es ein Qualifikationsspiel … Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist doch das Interesse da, ausgewogen über Sport zu berichten, nicht nur über Fußball – von dritter Liga bis zu den Fanproblemen. Aber die anderen Sportarten brauchen auch Luft zum Atmen. Ich sitze ja auch im Kuratorium der Bundesliga und bin oft mit Vertretern der öffentlich-rechtlichen zusammen. Die haben uns glaubhaft versichert, dass der Fußball nur 20 Prozent ausmacht – auch wenn ich gefühlt gesagt hätte, es wären 80 Prozent. Man hat dennoch den Eindruck, dass Fußball dominiert, weil er immer zur Prime Time kommt und die anderen Sportarten gegen Mitternacht. Es geht um den Profit – und das ist das Problem. Vielleicht muss in Zukunft Fußball nicht mehr unter Sport laufen, sondern im Wirtschaftsteil.

Eine private Frage zum Bereich Sport: Turnen Sie noch?

Eberhard Gienger: Ja. Ich spiele auch Fußball. Ich spiele auch in der eigentlichen Nationalmannschaft Deutschlands: dem FC Bundestag! Ich sage immer: „Wir werden gewählt – die anderen werden nur von Jogi Löw berufen!“ (lacht). Aber ich turne auch noch sehr gerne. Ein Doppelsalto vom Reck ist noch kein Problem für mich.

Man kennt sie ja aus dem Turnen. Wie war das anfangs für Sie, als sie in die Politik gingen? Wurden sie belächelt?

Eberhard Gienger: Belächelt nicht unbedingt. Ich habe den Wahlkreis 2002 gegen den damaligen Staatsminister Hans Martin Bury (SPD) gewonnen – das war schon gut. Sicherlich habe ich auch wegen meiner sportlichen Leistung Aufmerksamkeit bekommen, aber wie viele andere auch habe ich mich in die verschiedenen Themen eingearbeitet und offensichtlich sind die Bürger meines Wahlkreises so zufrieden mit mir, dass sie mich bereits vier mal in den Bundestag gewählt haben. Und ich werde alles dafür geben, dass ich ein fünftes Mal gewählt werde, damit ich mich für die Bürger des Wahlkreises einsetzen kann, aber auch für Sport, Bildung und Forschung – das sind Themen, die mir wichtig sind. Auch Themen wie innere Sicherheit, Bewegung, das ist unerlässlich. Junge Menschen müssen wieder zum Sport geführt werden, das muss wieder etwas Alltägliches und Normales werden.

Ich kann mir vorstellen, dass der Tag eines Bundestagsabgeordneten vollgepackt ist. Ist dieses Arbeitspensum dafür verantwortlich, dass die Plenarsitzungen oftmals so leer sind?

Eberhard Gienger: Nein, das hat damit zu tun, dass – wenn man mal von allgemeinen Debatten, Regierungserklärungen absieht – nur diejenigen im Plenum die Debatte führen, deren Fachgebiet gerade aufgerufen wurde. Wenn es um Sport geht, kommt der, der Wirtschaft und Verkehr macht, naturgemäß nicht dazu. Da sind nur die, die als mitberatende Ausschüsse betroffen sind. Das sollte man wissen, denn die Hauptarbeit wird ohnehin außerhalb des Plenums gemacht! (eis)

Vorheriger ArtikelVielfalt und Qualität begeistert Besucher
Nächster ArtikelStars, Sternchen und das Glamour-Leben