Steckbrief: Volker Angres
* Geboren 1956 in Hannover
Nach Magisterstudium in den Fächern Publizistik, Politikwissenschaft und Pädagogik, Arbeit als Redakteur und Moderator verschiedener Sendungen der ARD
1990 Wechsel zum ZDF und Übernahme der Leitung der ZDF-Redaktion „Umwelt“
1994 Lina-Hähnle-Medaille, Umweltpreis des Naturschutzbundes Deutschland (NABU)
2001 Leiter/Moderator von „ZDF.umwelt“
2006 Auszeichnung des Bundesumweltministers für engagierte Berichterstattung zum Klimaschutz
2011 Leiter von „planet e.“
Seit 2012 ist er im Verwaltungsrat der Stiftung Warentest


Ihr Werdegang vom Bankkaufmann zum Umweltexperten ist doch recht ungewöhnlich.

Volker Angres: (lacht) Wie das im Leben so spielt: Zufälle und am Anfang eine große Portion Ahnungslosigkeit haben eine Rolle gespielt. Ursprünglich wollte ich zum Film und hatte mich an zwei Filmhochschulen beworben, um Regie zu studieren. Ich bekam aber zwei Absagen (lacht). Da ich keine Ahnung hatte, was ich sonst machen sollte, schritt der Familienrat ein und meinte, dass der „Bub“ etwas Solides, also eine Banklehre, machen solle. Weil ich wegen der Absagen wie in einer Schockstarre war, blieb mir nichts anderes übrig, als dem zuzustimmen. Am Ende war das gar nicht so schlecht, denn meine erste journalistische Arbeit hatte ich in der Wirtschaftsredaktion beim Südwestfunk in Mainz. Abgesehen von der Redaktionsleiterin, die Volkswirtin war, war ich dort der einzige mit einem Wirtschaftshintergrund, was mir in der Folge richtig viele Aufträge beschert hat. So bin ich schließlich zuerst zum Wirtschafts-, später dann zum Umweltjournalismus gekommen.

Würden Sie zustimmen, dass das Thema Umwelt mittlerweile mehr Politik als Wissenschaft ist?

Volker Angres: Politiker sind manchmal völlig ignorant gegenüber dem, was die Wissenschaft gerade herausgefunden hat. Sie setzen nicht um, was man tun müsste. Aber es sind immer einzelne, die für etwas stehen. Es sind Ressortleiter, Minister oder Fachreferate, und eigentlich wissen sie alles. Aber dann gibt es eben noch die politischen Zwänge, beispielsweise die nächsten Wahlen oder den Koalitionsfrieden. Dahinter muss die Wissenschaft allzu oft zurücktreten.

Das Thema Umwelt wurde doch erst durch die Grünen politisch.

Volker Angres: Parlamentarisch politisch ja mit der Gründung der Partei 1980. Die Themen stammen aber aus der sogenannten zweiten Umweltbewegung in Zusammenhang mit neuen Ideen des sozialen Zusammenlebens etwa von 1970 bis in die 1980er Jahre hinein. Später haben dann die Debatten um die Atommülllager Wackersdorf und Gorleben das Thema transportiert und natürlich vor allem das Reaktorunglück von Tschernobyl 1986.

Die aktuellen Umweltaktionen wie Fridays for Future sind eigentlich eine Folge dessen, was damals passiert ist.

Volker Angres: Besser gesagt, sie sind eine Folge dessen, was nicht passiert ist.

Wie kann man das nötige Bewusstsein schaffen?

Volker Angres: Das ist schwierig. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem ehemaligen Bundesumweltminister Töpfer, das ich im Anschluss an ein Interview mit ihm hatte. Er sagte, dass er das, was er da gerade gesagt habe, selbst nicht glaube. In Wirklichkeit werde erst nach der nächsten Katastrophe etwas passieren. Das war der entscheidende Satz! Es passiert nichts bis zur nächsten Katastrophe! Das Problem beim Klimawandel: Die Katastrophen passieren schleichend, mal hier, mal da. Doch genau diese Art von Katastrophen haben wir in den letzten Jahren immer mehr gehabt, zum Beispiel Starkwetterereignisse, also massive Fluten oder heftige Stürme mit großem Zerstörungspotential. Das sind keine Zufälle mehr, sagen uns die Wissenschaftler. Nun, immerhin hat es mittlerweile dazu geführt, dass es bei uns ein Klimaschutzgesetz gibt.
Gleichzeitig kommt es aber darauf an, von welcher politischen Seite etwas betrachtet wird. Nur so ist es möglich, dass der Klimawandel stattfindet und dennoch in Frage gestellt wird.

Braucht man deshalb eine Galionsfigur wie zum Beispiel eine Greta?

Volker Angres: Greta ist zu einer medialen Galionsfigur geworden, was zum Beispiel in Madrid zu einem Medienauftrieb mit Gedränge um die besten Bilder und Sicherheitspersonal für Greta geführt hat. Bisher war so etwas nur bei Ikonen der Popmusik bekannt. Konkret politisch hat sie so gut wie nichts erreicht, ihre weltweiten Proteste haben im Vorankommen der Weltklimakonferenz nichts bewirkt, wirklich gar nichts. Es handelt sich nämlich um eine UN-Veranstaltung und die funktioniert nach Spielregeln, festgeschrieben im Klimaabkommen von Paris aus dem Jahr 2015. Dieses Abkommen legt exakt die nächsten Schritte fest. Das damals hinzubekommen, war schwer genug. Deshalb wird niemand im Traum daran denken, diesen vorgegebenen Pfad zu verlassen.

Markus Eisel im Gespräch mit Volker Angres. (Foto: privat)

Der Greta-Effekt ist das Schaffen eines öffentlichen Bewusstseins, welches eine Diskussion anstößt.

Volker Angres: Ja, das stimmt. In Deutschland hat sich über die Schulstreiks hinaus eine weitreichende Bewegung gebildet. Die Schüler machen mittlerweile eigene Veranstaltungen, debattieren über das Thema und versuchen auf diese Weise, in den politischen Bereich vorzudringen. Das ist gut. Dass die Grünen bei den Wahlen so erfolgreich waren, hängt damit zusammen. Allerdings: Auch hier sehe ich keine direkten Effekte der Proteste. Aber es ändert sich das politische Bewusstsein in Richtung „grün“. Vielleicht sehen wir also in ein paar Jahren, wie sich Mehrheiten verschieben oder Parteien in ihren Programmen Umweltthemen mehr Gewicht verleihen.

Auf lange Sicht wird es in Deutschland ein Dieselfahrverbot geben. Macht das Sinn?

Volker Angres: Nein, das macht keinen Sinn (beide lachen). Neue Diesel sind eine hervorragende Antriebstechnik, die so gut wie keinen motorischen Feinstaub produziert, alle Grenzwerte bei Stickoxiden unterschreitet und auch noch sprit- und damit CO2-sparend ist. Auslöser für die Fahrverbote waren ja die überhöhten Stickoxidwerte in den Innenstädten. Jahrzehntelang bekannt, genauso lange haben die Kommunen nichts unternommen. Öffentlichen Nahverkehr auszubauen, wäre eine Möglichkeit gewesen. Städte nicht komplett zuzubauen, sondern Frischluftschneisen übrig zu lassen, eine andere. Oder auf stadtnahe Industriegebiete zu verzichten eine weitere. Am Ende, wenn es schnell gehen muss, bleibt nur, die alten Diesel zu stoppen.

Die Politik subventioniert E-Fahrzeuge für den Privatverkehr, aber da, wo es wirklich fehlt, passiert nichts.

Volker Angres: Eigentlich ist es ein Unding, dass die Politik E-Fahrzeuge als Zero-Emission-Cars genehmigt hat. Das ist fast schon eine Frechheit und ein Zugeständnis an die Auto-Lobby. Die Autohersteller kommen mit ihren Verbrennerkonzepten sonst nicht unter die 95 Gramm Kohlenstoffdioxid pro Kilometer, was aber ab diesem Jahr für Neufahrzeuge Standard ist. Auf die Flotte bezogen können sie das nur erreichen, wenn E-Autos als Null-Kohlendioxid-Autos durchgehen. Aber allein die Herstellung der Lithiumbatterie, die ganze Vorkette, der Abbauprozess bis zur Frage der Recycelbarkeit der alten Batterien ist nicht in Betracht gezogen worden. Dazu kommt, dass Deutschland momentan nur gut 40 Prozent Ökostrom im Netz hat. Der Rest muss aus Braunkohle-, Steinkohle-, Atom- und Gaskraftwerken kommen. Man kann da einfach nicht von Kohlendioxid-neutralen Autos sprechen.

Eigentlich müsste es da doch einen Aufschrei in der Bevölkerung geben!

Volker Angres: Den gibt es auch. Letztes Jahr wurden 3,6 Millionen Neufahrzeuge gekauft, ein Großteil davon sind SUVs und Dieselfahrzeuge. Das ist der Aufschrei der Bevölkerung. Man muss einfach überlegen, welches Auto für welchen Zweck perfekt ist. Für die Luftreinheit, bezogen auf Stickoxide in Innenstädten, ist ein Elektroauto natürlich perfekt. Aber es ist eben nicht CO2-neutral. Dagegen wäre für einen Handlungsreisenden, der jeden Tag hunderte Kilometer fährt, ein hochmoderner Diesel das Auto der Wahl. Soll heißen: Wir brauchen neue Distributionskonzepte, die Elektro- und Verbrennerantriebe kombinieren. Beispiel: Wer täglich in der Stadt unterwegs ist, kauft ein E-Auto. Im Preis drin: Wenn der Urlaub mit der Familie ansteht und es nach Spanien per Auto gehen soll, dann gibt es einen Langstrecken-Diesel zum Ausleihen beim Händler. Das ist aber eine Sache von cleveren Vertriebskonzepten, nicht der Politik.

Es wäre aber auch wichtig, dass der öffentliche Verkehr ausgebaut wird, oder was meinen Sie?

Volker Angres: Jeder, der morgens Bus und Bahn nutzt, um zur Arbeit zu kommen, hat nach der ersten Fahrt die Nase voll, weil es knallvoll ist und die Zuverlässigkeit zu wünschen übrig lässt. Im S-Bahnbereich bräuchte es mindestens zehn Jahre Umbauzeit, um das Streckennetz an die dann viel größere Pendlerzahl anzupassen. Zudem gibt es im Moment nicht genügend Ökostrom, um die vielen erforderlichen Züge zu bewegen. Man muss auch überlegen, wie viel ökologischer Rucksack – also Material- und Energieeinsatz – eigentlich in einem normalen ICE steckt und wann die Bilanz durch Nutzung von Ökostrom und Minimierung des Individualverkehrs ausgeglichen ist. Hinzu kommt die deutsche Autofahrermentalität. Da steht man lieber im eigenen Wagen Stau als im Gedränge in Bus oder Bahn.

Eine etwas provokante Frage: Ist die Welt noch zu retten?

Volker Angres: Die Welt schon, aber die Menschheit vielleicht nicht.

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