Josefine Preuß ist gerade erst 32 geworden, im Film- und Fernsehgeschäft ist sie trotzdem schon ein „alter Hase“. Die Serien „Schloss Einstein“ und „Türkisch für Anfänger“ haben sie in ganz Deutschland bekannt gemacht, aber längst hat sie ihr kindliches Image abgelegt und glänzt immer wieder in Kino- und Fernsehproduktionen in unterschiedlichsten Rollen. Gerade läuft auf ZDFneo die Serie „Nix Festes“ (vier Folgen, immer dienstags, 22:45 Uhr, die letzte wird am 20. März gezeigt. Alle Folgen sind in der ZDF-Mediathek verfügbar). Preuß spielt darin eine junge Autorin, die sich gemeinsam mit ihren Mitbewohnern in Berlin durchs Leben kämpft.

„Wenn ich mich recht erinnere, wolltest du raus aus deinem Kaff in der Pfalz, wo Leute in deinem Alter ihre Cousine heiraten und sich ‘nen ‚Böhse Onkelz‘-Aufkleber aufs Auto machen.“ – Das ist einer der ersten Sätze, die deine Serien-Rolle Wiebke in „Nix Festes!“ zu ihrem Partner sagt. Hat die Pfalz wirklich so einen schlechten Ruf?

Josefine Preuß: Nein! Das sind natürlich die Texte, die wir so vorgegeben bekommen, und um den Satz richtig einzuordnen, muss man natürlich die Rolle kennen, die ich spiele. Wiebke sagt ja vieles erstmal in ihrer charmanten Berliner „Kack-Laune“. Ich persönlich hatte dieses Bild von der Pfalz natürlich nicht! Aber Wiebke hat das wohl. Und wahrscheinlich hat auch Jonas – Wiebkes Partner – das mal so gesagt. Man hätte aber auch jede andere Region nehmen können, was nicht Berlin ist. Jetzt hat es halt die Pfalz getroffen.

In der Serie geht es um Menschen, die alle um die 30 sind, eine Generation, die – so sagt man – sich ungern festlegt, sich gerne alles offen hält, beruflich und privat. Kannst du dich damit identifizieren? Trifft das in gewisser Weise auch auf dich zu?

Josefine Preuß: Eigentlich habe ich mit der Generation Y nix zu tun, weil ich einfach schon sehr, sehr lange arbeite und schon früh wusste, was ich wollte. Ich bezeichne mich auch nicht als beziehungsunfähig. Aber es ist umso schöner, solch eine Rolle zu spielen. Weil ich natürlich genau die Beispiele auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis habe. Leute, die mit 35 immer noch nicht wissen, wo sie hingehören und immer noch ihr Basecap falschrum tragen. Die gibt’s, klar. Das ist einfach unsere Zeit. Es ist ja auch schön, dass man nicht mehr sofort nach der Schule studieren und sofort ins Berufsleben einsteigen und sofort eine Familie gründen muss. Wir haben die Möglichkeit, die Welt zu sehen! Das ist wirklich wichtig für junge Leute. Probiert euch ruhig aus! Kuckt, was ihr wollt. Werdet auf keinen Fall unglücklich in eurem ersten Beruf. Die Möglichkeit, erst die Welt kennenzulernen, ist fantastisch. Aber man muss natürlich irgendwann den Absprung schaffen. Irgendwann sollte man dann schon wissen, wo man hingehört – und so ungefähr Mitte 30 ist dafür eigentlich eine ganz gute Zeit. Da sollte man wissen, was man will – und noch wichtiger, was man nicht will!

Bei dir war es sehr früh klar, wohin die Reise geht. Gab es niemals andere Ideen oder Alternativen?

Josefine Preuß: Ich habe mir bei einer Unterhaltung mit einer Freundin vor kurzem auch mal die Frage gestellt, was denn wäre, wenn es mal nicht mehr so gut läuft, wenn man plötzlich schauen muss, wie man die Miete bezahlt. (Klopft auf Holz.) Toi, toi, toi: Im Moment läuft alles gut. Aber ich habe dann ganz ernüchternd festgestellt: Ich kann gar nix anderes! Damit meine ich nicht, dass ich keine anderen Interessen habe, aber ich habe zum Beispiel kein Abi gemacht. Ich müsste, um in einem anderen Job Fuß zu fassen, erstmal mein Abi nachholen, studieren, … Und ob ich dazu mit Mitte 30 nochmal Bock habe? Also: Hoffentlich darf ich weiter so viel drehen! Bisher ist alles toll gelaufen. Ich weiß wirklich nicht, womit ich mich sonst irgendwo bewerben könnte.

Das wäre ein Wurf ins kalte Wasser.

Josefine Preuß: Absolut. Aber es gibt ja auch Leute, die in der zweiten Hälfte ihres Lebens wirklich nochmal komplett neu anfangen. Diesen Mut finde ich bewundernswert. Das ist schon krass!

Anne Herder (rechts) traf die Schauspielerin zum Interview. (Foto: privat)

Deine Eltern kommen beruflich aus einer ganz anderen Ecke: Lehrerin und Polizist. Waren sie trotzdem von Anfang an von dir und deinem Talent überzeugt?

Josefine Preuß: Immer! Bei uns in der Familie darf jeder das machen, worauf er Lust hat!

Mit „Nix Festes“ hast du dich (wieder) an eine Serie getraut – ein Genre, das es in Deutschland etwas schwerer hat als in den USA zum Beispiel.

Josefine Preuß: Ich finde, wir sind hier in Deutschland auf einem absolut guten Weg! Da hat sich viel getan. Ende letzten Jahres hab’ ich mir „Dark“ angesehen – die erste eigenproduzierte deutsche Netflix-Serie. Das geht in die genau richtige Richtung, das kann auf dem internationalen Markt absolut mithalten. Kamera, Schnitt und die Geschichte – das ist alles fantastisch. Was mich an Deutschen Produktionen oft stört, ist die zwanghafte Logik dahinter. Wir müssen immer Sachen erzählen, die total logisch sind, die tatsächlich so passieren könnten. In den USA behauptet man einfach – so wie bei „Stranger Things“ zum Beispiel. Da wird einfach behauptet, dass es eine Parallelwelt gibt und dass in einem Labor Experimente mit dunklen Energien gemacht werden. Und als Zuschauer fragt man sich trotzdem nicht ein einziges Mal: „Wie kann das denn jetzt sein? Das ist doch nicht logisch!“ Scheiß drauf! Du lässt dich doch in eine Fantasiewelt entführen. Und ich glaube, da haben wir Deutsche immer noch so ein bisschen ein Problem: Über den Tellerrand zu gucken und einfach Geschichten zu erzählen. Geschichten können dich manchmal gerade dann besonders mitreißen, je unlogischer sie sind. Und „Dark“ ist da ein gutes Beispiel: Es geht langsam in eine komplett gute Richtung.

Kann man denn die Arbeit für eine Filmproduktion mit der für eine Serie vergleichen? Liegt dir eins von beidem mehr?

Josefine Preuß: Das kann man tatsächlich gar nicht vergleichen! Das Schöne an Serien ist, dass ich einen Charakter mitentwickeln kann. Da gibt es viel mehr Raum auch für Zwischentöne. In einem 90-Minuten-Film ist das strenger vorgegeben. Bei Serien ist es ja auch oft noch offen, wie und ob weiter produziert wird. Aber trotzdem haben beide Arten seinen Reiz!

Mit welchen Gefühlen und Hoffnungen tritt man als Schauspieler bei einer Produktion wie „Nix Festes“ an? Hofft man auf einen „Kassenschlager“?

Josefine Preuß: Die Hoffnung haben eher die Menschen ein paar Etagen höher. Ich fand es nie wichtig, wie viele Leute es sehen, sondern nur, dass es Leute sehen. Da steckt schließlich viel Arbeit, Liebe und Energie von uns allen drin. Ich finde auch den Sendeplatz von „Nix Festes“ ganz fantastisch – es muss ja nicht alles immer um 20.15 Uhr laufen! Diese Serie würde um 20.15 Uhr auch gar nicht funktionieren. Und unsere Generation, die Zielgruppe, hält sich sowieso nicht an feste Programmplanungen – wir dürfen und können konsumieren, wann wir wollen, und das ist fantastisch! Dass es diese Vielfalt gibt – Festausstrahlung, Mediathek, Streaming – das ist doch wunderbar!

Nach welchen Kriterien siehst du dir deine Filme denn aus?

Josefine Preuß: Ach, Netflix schlägt mir immer ganz gute Sachen vor!

Ich meinte als Schauspielerin!

Josefine Preuß: Ach so! Logisch! (lacht) Das Drehbuch ist die Bibel! Ich kriege ein Buch geschickt und ich muss die Geschichte mögen, die Rolle mögen. Manchmal ist es nur ein Satz und ich weiß direkt, wie ich es spielen würde. Und dann will ich es auch machen. Es ist also ein absolutes Bauchgefühl.

Musst du auch manchmal um Rollen kämpfen – im Sinne von Castings durchlaufen oder Ähnliches?

Josefine Preuß: Aktuell eher nicht. Früher gab es diese Situationen natürlich schon. Und so ein Casting war immer eine Prüfungssituation und mit etwas Anspannung verbunden. Irgendwann habe ich mich aber komplett davon frei machen können. Ein guter Freund hat mir den Tipp gegeben, die Situation einfach im Kopf umzudrehen: „Caste du doch mal!“ Und er hatte Recht! Ich habe diese Situationen ab dann so für mich genutzt, dass ich mich gefragt habe, ob der Regisseur und ich uns gegenseitig verstehen, ob wir die gleiche Sicht der Dinge haben. Sehen wir die Rolle gleich? Bist du mir sympathisch? Kann ich mit dir fünf, sechs Wochen am Stück drehen? Ein Casting ist ja für beide Seiten nicht verbindlich. Seitdem bin ich viel entspannter!

Wir beide sind nicht besonders groß gewachsen, werden oft eher als jünger eingeschätzt, als wir tatsächlich sind. Sind das für dich eher Vor- oder Nachteile?

Josefine Preuß: Alles Vorteile! Lass dir von niemandem einreden, dass das anders sei! Gerade in meinem Beruf ist das aber wirklich vorteilhaft – schau dir mal meine männlichen Schauspielkollegen an, die sind fast alle nicht besonders groß – das passt also! Und selbst wenn’s nicht passt: Rollen werden nicht von Körpergrößen abhängig gemacht, da kann getrickst werden ohne Ende! Man wird in die Erde eingegraben, man stellt sich auf eine Box, die Kameraperspektive wird angepasst – beim Film ist es scheißegal, wie groß man ist!

Beim Theater würde sowas nicht so gut funktionieren.

Josefine Preuß: Und trotzdem gibt es auch beim Theater viele „kurze“ Schauspieler!

Spielst du selbst auch noch ab und zu Theater?

Josefine Preuß: Nicht mehr. Ich habe damit ja früh angefangen und zwischendurch hat es mich auch immer mal wieder gereizt. Aber ich bin ehrlich gesagt zu bequem, um in ganz Deutschland herumzureisen und vorzusprechen. Ich habe ja auch keine abgeschlossene Theaterausbildung. Ich müsste also auch so viel Glück haben, dass mir ein Theaterregisseur das trotzdem zutraut. Abgesehen davon kann ich aktuell sowieso nicht meckern, ich fühle mich absolut wohl beim Film und Fernsehen.

Du hast in deiner Karriere schon die unterschiedlichsten Rollen gespielt. Gibt es trotzdem noch eine Traumrolle, in die du mal schlüpfen möchtest?

Josefine Preuß: Was soll ich mir nach den Rollen, die ich in den letzten Jahren gespielt habe, noch wünschen? Adlon, Sacher, Hebamme, Cello, … Ich bin wirklich wunschlos glücklich. Ich hatte großartige Rollen und – das muss man natürlich auch sagen – ich hatte einfach auch viel Glück, war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Wie schaltest du denn in deiner freien Zeit ab von diesem Schauspieler-Leben?

Josefine Preuß: Das geht bei mir ganz schnell. Ich habe vor kurzem eine Drehphase abgeschlossen, wo es um heftige Themen, wie Kindesmissbrauch, ging. Harter Tobak. Um runterzukommen habe ich mir eine Routine angewöhnt. Ich springe nach dem Drehtag immer direkt ins Auto und fahre nach Hause. Ich mag es nicht, danach noch so viel Zeit am Set zu verbringen. Ich schminke mich daheim ab unter der Dusche – wasche sozusagen dabei auch meine Rolle ab, schlüpfe in gemütliche Klamotten, koche was, kuschel mich auf die Couch und schau mir eine Serie oder einen Film an. Wenn ich ein Drama drehe, schau ich mir abends eine Komödie an. Wenn ich was Lustiges drehe, muss ich mir abends was Schwereres anschauen. Also immer genau das Entgegengesetzte. Teilweise reicht mir aber auch was ganz Stupides zum Runterkommen – Staubsaugen zum Beispiel. Und manchmal treffe ich mich einfach mit Freunden. Es ist mir wichtig, dass ich sofort wieder in mein privates Leben eintauche, besonders wenn die Thematik beim Dreh sehr schwer und kopflastig ist.

Spielt Musik dabei auch eine Rolle?

Josefine Preuß: Nicht zum Rauskommen, eher zum Reinkommen. Ich nutze Musik, um in bestimmte Stimmungen zu kommen.

Welche Musik hörst du dann?

Josefine Preuß: Ganz unterschiedliche! Das kommt auf die Rolle an. Ich orientiere mich da an der Filmmusik – oft gibt es ein „Drehlied“, das ich dann für die Rolle immer wieder höre. Bei historischen Filmen beschäftige ich mich viel mit der Musik aus der Zeit. So bekommt man auch einfacher einen Zugang zu der Thematik.

Ein Blick in die Zukunft: Von „Nix Festes“ laufen nun erstmal vier Folgen. Eventuell geht es danach weiter. Welche anderen Projekte stehen an?

Josefine Preuß: Am 29. März ist Kinostart von „Verpiss dich, Schneewittchen!“ mit Bülent Ceylan, im Herbst oder Winter wird im ZDF der Mystery-Thriller „Schattengrund“ ausgestrahlt – da bin ich sehr gespannt, ich habe bisher noch nichts davon gesehen. Und alles andere, was ich gerade drehe, ist leider noch nicht spruchreif (flüstert).

Die Hauptrollen bei „Nix Festes“ (von links): Lennart Heuser (Dirk Martens), Jonas Renner (Sebastian Fräsdorf), Wiebke Busch (Josefine Preuß), Jenny Reimann (Marie Rathscheck), Basti Hülz (Tim Kalkhof). (Foto: Christoph Assmann/ZDF)
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