(Foto: DFB-GettyImages)

Steckbrief

Geboren am 30. Oktober 1962 in Neunkirchen 

1989–1995 Spieler beim 1. FCK

1990 Kaiserslautern gewinnt den DFB-Pokal

1991 Kaiserslautern gewinnt die deutsche Meisterschaft

1996 Kuntz wird Europameister mit der deutschen Nationalmannschaft

Seit 1999 Trainer bei verschiedenen Klubs

Seit 2016 U21-Nationaltrainer

2017 erneut Europameister als Trainer der deutschen U21-Nationalmannschaft 


Das Fußballwesen hat sich in den letzten 20 bis 30 Jahren sehr verändert, auch die Trainingsinhalte. Wie sehen Sie das?

Stefan Kuntz: Zu der Zeit, als ich noch Spieler war, gab es ganz am Anfang noch die Theorie, man soll trocken bleiben und man darf nach dem Training nur zwei Gläser Wasser trinken. Das, was heute wahrscheinlich strafrechtlich verfolgt werden würde, war damals angeblich sportwissenschaftlich belegt. Heute sind die Untersuchungen im Fußball aus sportwissenschaftlicher Sicht extrem nach vorne getrieben worden, die Spieler sind körperlich besser ausgebildet. Bei dem Ganzen finde ich, dass der menschliche Umgang ein bisschen auf der Strecke geblieben ist oder generell, dass Jugendliche, die heute ins Erwachsenenalter kommen, viel weniger Konflikte hatten als zu meiner Zeit. Den jungen Menschen wird heute unwahrscheinlich viel abgenommen, sie haben eine Rundumversorgung, müssen in alltäglichen Situationen seltener ihren Mann stehen oder kleinere Konflikte austragen. Ich bin aber der Meinung, dass diese Konfliktfähigkeit ein wichtiger Teil der Persönlichkeitsbildung ist – von daher glaube ich, dass es ein bisschen fehlt. Vor allem die körperliche und technische Grundausbildung ist natürlich besser geworden.

Sind es die Nachwuchsleistungszentren, die diese Veränderungen herbeigeführt haben?

Stefan Kuntz: Genau, aber das ist ja auch erkannt worden, indem man die Zertifizierung nicht mehr einer externen Firma überlässt, sondern den Vereinen untereinander – mit dem Hintergrund, dass die Erfahrungen in den Vereinen natürlich auch unterschiedlich sind. Man kann nicht alles über einen Kamm scheren. Diese individualisierte Anpassung ist auf jeden Fall schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung.

Nach der WM 2018 war das Geschrei groß, dass wir den Anschluss verpasst haben. Mit der U21 habt ihr hingegen sehr erfolgreich die EM bestritten – ist der Unterschied zu dem Rest der Weltspitze wirklich so groß?

Stefan Kuntz: Ich habe schon immer gesagt, dass in Deutschland generell alles immer zu gut oder zu schlecht gemacht wird. Ein akzeptabler Mittelweg ist in Deutschland schwer zu vermitteln. Leider ist die Realität so, dass es genau diesen im Leben immer gibt. Ich glaube schon, dass wir eine Basis haben, um weiterhin sowohl in Europa als auch in der Welt in der Spitzengruppe mitzuspielen. Es fällt uns manchmal ein bisschen schwer, selbst nach zwölf Jahren hintereinander, in denen wir das Halbfinale oder das Finale erreicht haben, mit einem etwas schwächerem Turnier umzugehen. Das finde ich generell auch nicht gut. Auch wenn das auf der anderen Seite natürlich zeigt, dass die Verbundenheit zum Erfolg der deutschen Nationalmannschaft schon auch ein bisschen mehr ist als nur ein Erfolg im Fußballspiel. Die Nation verbindet damit noch andere Sachen als das bloße Ergebnis im Fußballspiel. Ich glaube, dass aktuell individuelle Qualitäten wie Sprintstärke, Athletik und Dribbelstärke extrem im Vordergrund stehen. Und damit automatisch sehr viele ausländische Spieler sehr gut gesehen werden. Mit der U21 wollten wir vermitteln, dass es auch andere Werte oder auch Soft Facts gibt wie zum Beispiel das Umsetzen von einem Matchplan, eine gewisse Konzentrationsfähigkeit und eine Widerstandsfähigkeit, ein Erfolgshunger und vor allem der Team Spirit – das sind auch Skills oder Talente, die extrem bei den deutschen Talenten ausgebildet sind. Die Primärqualitäten, die man in der Öffentlichkeit erst einmal bewerten möchte, führen dazu, dass die anderen Qualitäten leicht ins Hintertreffen geraten. Wenn man aber das Gesamtpaket betrachtet, kommt unterm Strich vielleicht sogar etwas mehr Qualität dabei heraus.

Stefan Kuntz mit Schützling Benjamin Henrich. (Foto: imago images / Sven Simon)

Ich frage mich manchmal, ob der Fußballer aus Moldawien, Polen oder Tschechien wirklich mehr Talent besitzt als der, der aus dem Leistungszentrum kommt. Warum entscheidet man sich für einen jungen tschechischen Spieler und nicht für den Kapitän der A-Jugend?

Stefan Kuntz: Diese Frage können die Vereine besser beantworten als ich. Bei den genannten Ländern kommen wir wieder zu anderen Talenten. Da reden wir wahrscheinlich über das Talent Motivation. Wo kommt diese inbrünstige Motivation her – das ist oft die einzige Chance, sich sozial zu verbessern. Hinzu kommt auch, dass die Widerstandsfähigkeit der Jungs oft ausgeprägter ist – aufgrund der Art und Weise, wie sie aufwachsen. Und dann auch eben die Konfliktfähigkeit. Das merken wir ganz oft, dass diese Mentalität für den ein oder anderen Spieler während eines Matches doch überraschend sein kann. Spieler, die eigentlich talentierter sind, können sich irgendwann nicht mehr gegen ihren Gegenspieler durchsetzen. Daraus resultiert die Frage, wo wir etwas aufzuholen haben. Aber wir können nicht sagen, dass wir alle hoffnungsvollen Talente in sozial schwachen Gegenden aufbauen, nur damit sie anschließend bessere Fußballer sind – das muss auch anders gehen.

Mir ist aufgefallen, dass in den letzten Wochen und Monaten Talente aus England vermehrt in die Bundesliga gekauft wurden, die vor allem in Nachwuchsmannschaften gespielt haben. Das verstehe ich nicht. Wir haben doch tolle Jugendspieler. Aber die bekommen gar keine Chance, da wird lieber ein Nachwuchsspieler von Chelsea gekauft.

Stefan Kuntz: Wie gesagt, das sind die Fragen, die die Vereine besser beantworten müssen. Ich glaube, Dortmund ist zweimal U17-Meister geworden, zweimal U19-Meister – also vier Jahre hintereinander ist derselbe Jahrgang Deutscher Meister geworden. Die deutschen Top-Talente waren Dzenis Burnic und Felix Passlack. Burnic ist jetzt in Dresden, Passlack in Holland. Warum? Auch die Frage muss man sich dann stellen, warum sind die Wege so auseinander gegangen? Ich glaube, dass manchmal ein bisschen, ich will nicht sagen Aktionismus, dahintersteckt. Wir sehen schon bei Lukas Nmecha, den wir jetzt auch davon überzeugt haben, dass er für uns spielt, dass von der Dynamik und von der Körperlichkeit eine schon sehr hohe Widerstandsfähigkeit da ist. Da ist erst einmal die Frage: Wie trainieren die Engländer. Die machen überraschenderweise weniger Einheiten als in Deutschland. Die Jugendlichen und Kinder sollen mindestens einen freien Tag in der Woche haben. Und sie sollen auch am normalen Leben teilnehmen können. Und in England wird mittlerweile auch das bei uns ein wenig verpönte Krafttraining auf eine sehr wissenschaftliche Art und Weise gemacht. Das ist sicherlich etwas, bei dem man sich überlegen kann, wo man sich verbessern kann. Auf der anderen Seite ist es vielleicht ein bisschen zu aktionistisch bei uns. Wir hatten in der Startformation für das Finale ein Drittel Stammspieler von Bundesligavereinen, ein Drittel Spieler, die zwischen Bank und Startformationen hin und her gehüpft sind, und ein Drittel Spieler, die gar nicht spielten. Ich glaube schon, dass die Qualitäten da sind, die Spieler müssen nur die Chance bekommen.

Wie kommen Sie eigentlich dazu, wieder Trainer zu werden? Oder warsen Sie eigentlich immer Trainer?

Stefan Kuntz: So weit bist du als sportlicher Leiter oder als Vorstandvorsitzender von diesem Job nicht weg. Du bist ja komplett involviert. Du machst möglicherweise bei der Kaderplanung mit, du bist der erste Ansprechpartner vom Trainer und du sollst den Trainer in manchen Sachen auch spiegeln. Nach der Zeit als Vorstandvorsitzender, wo viele Gebiete gefordert wurden, die der liebe Gott einem nicht unbedingt mitgegeben hat, und die man sich erarbeiten musste, wuchs die Sehnsucht, den Fußball wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken.

Der Weg ist schon ungewöhnlich, oder? Vom Funktionär wieder zurück zum Trainer.

Stefan Kuntz: Aber nur in Deutschland. Es geht doch darum, ob du dich dazu bereit fühlst, dich als Person weiterzuentwickeln. Bei mir stand der Trainerjob im Vordergrund. Ich glaube, dass man das in Deutschland noch ein wenig argwöhnisch beäugt. Der Maßstab, als Person oder Persönlichkeit reifer zu werden, ist für mich der Mut, immer mal wieder etwas Anderes zu machen. Deswegen kann ich jetzt weder sagen: nie mehr Trainer – auch wenn ich das mal vor 18 Jahren gesagt habe. Ich könnte jetzt auch nie sagen: nie mehr Vorstandsvorsitzender oder nie mehr sportlicher Leiter oder nie mehr irgendwas. Es hat natürlich auch immer etwas mit der eigenen Situation zu tun und was einen reizt.

Markus Eisel im Gespräch mit Stefan Kuntz. (Foto: privat)

Ich glaube bei einem Traditionsverein – egal ob es Schalke oder Kaiserslautern ist – zehrt das wahnsinnig an der Person. Man ist ja immer im Fokus.

Stefan Kuntz: Ich glaube, es ist zugleich hinderlich, wenn man emotional so extrem an so einem Verein hängt, weil man natürlich auf der einen Seite für eine unwahrscheinlich emotionale Euphorie sorgt, aber auch alle anderen Angriffe sehr persönlich nimmt. Und dann verfällt man sehr oft in ein Pinguin-Verhalten. Das nimmt dir Kraft und lenkt dich von deiner eigentlichen Aufgabe ab.

Ein Auge guckt immer noch nach Kaiserslautern?

Stefan Kuntz: Sagen wir mal ein Teil vom Herzen, ja (lacht).

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